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07/17/2001 Entry: "Moskau News"

Die neun am Mittwoch von der Moskauer Polizei bei einem Protest gegen die chinesische Olympiabewerbung verhafteten und zwölf Stunden in Untersuchungshaft gehaltenen Tibet-Aktivisten und Journalisten, darunter fünf Schweizer, standen gestern Donnerstag vor Gericht. Wegen Verfahrensfehlern der Polizei wurden die Fälle von acht Beteiligten zurückgestellt; eine US-Journalistin wurde freigesprochen.

Eklat in Moskau vor Wahl der Olympia-Stadt 2008
Russische Polizei nimmt Tibet-Aktivisten fest

Jens Weinreich (Berliner Zeitung, 12.07.2001)

MOSKAU, 11. Juli. Die russische Polizei hat am Mittwoch in Moskau neun Personen in Gewahrsam genommen, die gegen die mögliche Vergabe der Olympischen Sommerspiele 2008 an Peking demonstrieren wollten. Unter den Festgenommenen, vornehmlich Exil-Tibeter, war auch der russische Fotograf der US-Nachrichtenagentur Associated Press (AP), der den Protest dokumentieren wollte. Neun der Festgenommenen müssen sich nach russischen Polizeiangaben vor Gericht verantworten. Ihnen wird die Organisation einer ungenehmigten Demonstration sowie die Missachtung polizeilicher Anordnungen vorgeworfen. In Moskau findet bis zum Montag die 122. Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) statt. Am Freitag wird die Olympiastadt 2008 gewählt, wobei Peking als Favorit vor Paris und Toronto gilt. Am Montag findet die Wahl des Nachfolgers von IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch statt. Moskaus Bürgermeister Juri Luschkow hatte dem IOC einen "störungsfreien Verlauf" der Veranstaltung zugesichert. So war bereits Wei Jinsheng, einem der bekanntesten chinesischen Dissidenten, der seit einiger Zeit in den USA lebt, ein Visum für die Einreise verweigert worden. Am Mittwoch schritt die Polizei ein, als Demonstranten in Sichtweite des IOC-Tagungsortes ein Protest-Plakat enthüllten. Darauf waren die fünf olympischen Ringe als Einschusslöcher von Gewehrkugeln verfremdet. "Peking-Spiele in Tibet", stand darunter. "Es kann keine guten Spiele in Peking geben, weil es keine Menschenrechte in Tibet gibt", sagte Yangzom Brauen, die Vorsitzende des Vereins Tibetanische Jugend in Europa, vor ihrer Festnahme. Yangzom Brauzen lebt in der Schweiz und war als Touristin nach Moskau gereist. Aus dem Polizeigewahrsam durfte sie per Handy Journalisten über ihre Lage informieren. Tibet, einst ein selbstständiger Staat auf einem Hochplateau nördlich des Himalaya, wurde Anfang der fünfziger Jahre von China gewaltsam annektiert. Die Vergabe der Spiele 2008 nach Peking würde nach Ansicht tibetanischer Exil-Organisationen die Politik Chinas bestätigen. (mit dpa)

Allianz der Schweiger
Das IOC sieht keinen Grund, gegen die Inhaftierung friedlicher Demonstraten zu intervenieren

VON JENS WEINREICH

MOSKAU, 11. Juli. Wenn es brenzlig wird im Olymp, dann ist das zunächst einmal eine Sache für Francois Carrard. Der bullige Generaldirektor des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), gibt in schwierigen Momenten routiniert den Libero des Weltspiortgremiums. Der Anwalt aus Lausanne hat schon viele Krisensituationen gemeistert, ausgesessen, ausgeschwiegen oder abgeblockt. Auch am Mittwoch, der in Moskau mit der Inhaftierung von sieben chinesischen Olympiagegnern (zuzüglich eines Fotografen und einer Dolmetscherin) begann, wurde wieder mal Carrad vor die Presse geschickt. Drei Stunden waren vergangen nach dem Zwischenfall vor dem Hotel Ukraina, in dem ein Teil der Pekinger Olympiabewerber Quartiere unterhält. Dort hatte eine Sondereinheit der Moskauer Polizei blitzschnell zugeschlagen und die friedlichen Demonstranten, die gerade ein Plakat entrollen wollten, in ihre Mannschaftswagen weggetragen. Beobachtet wurde die Aktion von zahlreichen Journalisten. Im Nu war die Nachricht um die Welt geeilt. Nach einer halben Stunde durften die ersten Inhaftierten per Mobiltelefon Interviews geben. Die Sache schaukelte sich hoch zum veritablen Eklat. Doch Stunden später behauptete Carrard im Hotel Meschdunarodnaja allen Ernstes, er habe nichts von den Verhaftungen vor dem Ukraina, direkt auf der anderen Seite der Moskwa, gehört. "Kein Kommentar" "Ich weiß von nichts", erklärte Carrard, der allein auf dem Podium Platz genommen hatte, wo sich sonst mitunter drei, vier IOC-Exekutivmitglieder drängen. Auf jede Frage hatte er eine Antwort aus dem Reservoir der Beton-Fraktion parat: Wie kommentieren sie den Zwischenfall? "Ich gebe keinen Kommentar." Wird am Freitag, kurz vor der Entscheidung der IOC-Session, eine Protestdemonstration von Exil-Tibetanern erlaubt sein? "Kein Kommentar. Das betrifft russisches Recht, das ist Sache der Gastgeber." Carrard wurde darauf hingewiesen, dass zahlreiche IOC-Mitglieder (wie der Präsidentschaftsanwärter Kim Un Yong aus Korea) Kommentare zu dem Vorfall verweigerten. "Ich würde ihnen ja gern was sagen, aber ich darf es nicht", hatte Kim gesagt. Die IOC-Regeln würden es verbieten, politische Stellungnahmen abzugeben. Es wollte jemand von Carrard wissen, ob nicht die Regeln geändert werden müssten, wenn sie Meinungsäußerungen nicht zulassen. Carrard blieb stur. "Ich wiederhole", hob er an, "ich weiß nichts von dem Zwischenfall. Ich weiß nicht, was Kim gesagt hat. Ich kommentiere grundsätzlich die Aussagen von IOC-Mitgliedern nicht." Ende der Durchsage. Michael Kontos, der für die PR-Agentur "Hill & Knowlton" das IOC betreut, und der sich wie immer in eine der hinteren Reihen des Saales platziert hatte, musste grinsen. Carrards Auftritt war ganz nach seinem Geschmack gewesen. Verhaftungen von Gegnern der Pekinger Olympiabewerbung haben ja schon Tradition. Und das nicht nur in China, wo man als Opponent sehr schnell in einem Arbeitslager enden kann. Auch wird die 112. IOC-Session, die am Donnerstagabend im Bolschoi-Theater eröffnet wird, von merkwürdigen politischen Weichenstellungen begleitet. So erhielt Wei Jinsheng, einer der prominentesten chinesischen Dissidenten, kein Visum für Russland, um dort seine Meinung kundzutun. Samaranch selbst hat alles in seiner Macht stehende getan, um Peking die Spiele zuzuschanzen. Er hat eine Stellungnahme des Dalai Lama gegen Peking zugunsten Pekings fehlinterpretiert. Hartnäckig hält sich noch immer das Gerücht, er soll im Frühjahr persönlich Einfluss auf die IOC-Prüfungskommission genommen haben, was dazu geführt habe, dass Peking wie den Mitbewerbern Paris und Toronto die Note "exzellent" zugesprochen wurde. Aus den Lagern der Franzosen und Kanadier wird die Kritik immer lauter. Sie sind der Meinung, eine Wüstenstadt wie Peking, mit unzureichender sportiver Infrastruktur, chaotischen Verkehrsbedingungen, in der zudem nichts für den Umweltschutz getan wird, hätte reell nie auf eine Stufe mit Toronto und Paris gehoben werden dürfen. Hinzu kommen die Massenhinrichtungen und andere fundamentale Menschenrechtsverletzungen. Am Freitag ab 16 Uhr (MESZ) fällt die Entscheidung über die Sommerspiele 2008. Die Ohnmacht der Kontrahenten Pekings - auch Osaka und Istanbul fühlen sich ungerecht behandelt - wird immer größer. Schon frohlockt Samaranchs treuer Adlatus Thomas Bach, der deutsche IOC-Vizepräsident: "Der Trend geht verstärkt in Richtung Peking. Immer mehr IOC-Mitglieder meinen, dass ein Nein weniger für die Entwicklung in China bewegt, als es ein Ja vielleicht könnte." Diesen olympischen Weltverbesserern kann es nicht recht sein, wenn über einen harmlosen Aufmarsch von Olympiagegnern, weltweit in den Medien berichtet wird. Geschätzter Krimineller Auf der abendlichen Pressekonferenz hat IOC-General Francois Carrard och noch ein paar Fakten dargelegt. Die russische Polizei habe mitgeteilt, die Demonstranten hätten zahlreiche Gesetze gebrochen, das sei auf Video dokumentiert. Seitens des IOC hat niemand zugunsten der Angeklagten interveniert. Es gibt eben Situationen, da legen die Olympier bestehende Gesetze (gleich welcher Art) sehr genau aus. Wenn es aber zu überprüfen gilt, inwieweit sich die Prinzipien der Olympischen Charta mit den Bluttaten des chinesischen Regimes vertragen, nimmt man es ebensowenig genau wie bei Kriminellen aus den eigenen Reihen: Gegen die Inhaftierung des wegen Korruption in Milliardenhöhe verurteilten Bob Hasan intervenierte IOC-Chef Samaranch höchstselbst. bei Indonesiens Staatschef Wahid.
Kommentar

Der letzten Illusion beraubt

Stefan Osterhaus

Es wäre töricht zu glauben, das Internationale Olympische Komitee beschäftige sich in erster Linie mit dem Sport. Aus diesem Grund ist es auch nicht verwunderlich, dass es am Rande der 122. IOC-Vollversammlung in Moskau zu einem Eklat gekommen ist. Am Freitag wird die Olympiastadt des Jahres 2008 gewählt; IOC-Mitglieder gaben zu erkennen, dass Peking favorisiert ist. Fünf Exil-Tibeter, die während der Vollversammlung gegen eine Vergabe der Spiele ins totalitäre China demonstrierten, wurden festgenommen, ebenso einige Journalisten, die ihrer Pflicht als Berichterstatter nachgingen. Unter der Regentschaft des scheidenden Präsidenten Juan Antonio Samaranch, ehemals faschistischer Minister in Spanien zur Zeit Francos, entwickelten die Exponenten des Weltsport-Gremiums einen ungezügelten politischen Ehrgeiz: Einen Sitz in den Vereinten Nationen strebten sie ebenso an wie den Friedensnobelpreis; die Entspannungspolitik von Nord- und Südkorea wollte Samaranch als sein Werk begreifen, weil das IOC 1988 im südkoreanischen Seoul Olympische Spiele veranstalten ließ. Die Pflege und konsequente Nutzung politischer Kontakte ist ein elementarer Bestandteil der Diplomatie im Stile des Juan Antonio Samaranch. In Moskau unterhält er seit jeher blendende Verbindungen. Und so erscheint es beinahe folgerichtig, dass Moskaus Bürgermeister Juri Luschkow einen reibungslosen Ablauf der Veranstaltung zugesichert hatte. Indem Luschkow sein Wort hielt, provozierte er einen Vorfall, der auch einen Erkenntniswert birgt: Jene, die immer noch glaubten, das IOC beschäftige sich vorrangig mit Sport, dürften dieser Illusion endgültig beraubt sein.

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