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12.08.2001 - "Der Dalai Lama sprach am 24.10.01 vor dem EU-Parlament"
Dalai Lama: Einsatz für Tibet nützt auch China / Für ein Jahrhundert des Dialogs und der Gewaltfreiheit Der DALAI LAMA dankte dem Europäischen Parlament für die Einladung. Er sehe die Europäische Union als ein anregendes Beispiel für friedliche Zusammenarbeit zwischen Völkern. Die menschliche Gemeinschaft sei an einer kritischen Weggabelung in ihrer Geschichte. Die heutige Welt müsse die Einheit der Menschheit verstehen. Was in einem Teil der Welt passiere, betreffe automatisch auch andere Weltregionen. Diese Interdependenz mache eine Haltung der weltweiten Verantwortung erforderlich. Weltweite Verantwortung sei die beste Grundlage sowohl für unser persönliches Glück als auch für den Weltfrieden, für die faire Nutzung der natürlichen Ressourcen, für die Umwelt und für die zukünftige Generation. Die ganze Menschheit wolle Glück und kein Leiden. Leider würden aber Unterschiede nicht hinreichend respektiert. Konflikte würden im Namen der Religion geführt und die Religion somit missbraucht. Der Dalai Lama sprach sich für einen verstärkten interkulturellen und interreligiösen Dialog aus. Er wolle alle Religionen vereinen. Alle Religionen wollten den Menschen dabei helfen, gute Menschen zu werden. Alle betonten Liebe, Mitgefühl, Nachsicht, Toleranz, Vergebung und Bescheidenheit. Wir müssten daher das Konzept der Pluralität auch auf dem Gebiet der Religion akzeptieren. Eine Kultur des Dialogs und der Gewaltfreiheit müsse entwickelt werden. Dies sei eine zwingende Herausforderung für die internationale Gemeinschaft. Gewaltfreie Bewegungen müssten effektiv und erfolgreich gemacht werden. Einige Leute würden das 20. Jahrhundert als das Jahrhundert von Krieg und Blutvergießen sehen. Er glaube, die Herausforderung unserer Zeit sei es, aus dem neuen Jahrhundert ein Jahrhundert des Dialogs und der Gewaltfreiheit zu machen. Der Dalai Lama sprach sich für ein System der Konfliktfrühwarnung und frühzeitigen Konfliktbehandlung aus. Er sei überzeugt davon, dass die meisten menschlichen Konflikte durch einen im Geiste der Offenheit und Versöhnung geführten Dialog gelöst werden könnten. Er habe deswegen im Tibet-Konflikt immer eine friedliche Lösung im Wege des Dialogs gesucht. Schon nach der Invasion habe er mit den chinesischen Behörden zusammengearbeitet, um eine beiderseits akzeptable, friedliche Koexistenz zu erreichen. Selbst nach der Aufoktroyierung des 17-Punkte-Abkommens habe er mit den chinesischen Behörden zusammengearbeitet. Die chinesischen Behörden hätten durch die Aufgabe dieses Abkommens ihre harte und respektlose Ideologie gezeigt. Aus Verzweiflung darüber habe sich das tibetische Volk erhoben. Tibet sei noch heute ein besetztes, durch Gewalt unterdrücktes Land, das leide. Es gebe weitverbreitet ernsthafte Menschenrechtsverletzungen, die nicht selten Ausfluss einer kulturellen und rassistischen Diskriminierung seien. Sie seien jedoch nur Symptome und Folgen eines tiefergehenden Problems. Die chinesischen Behörden sähen die unterschiedliche Kultur und Religion Tibets als Quelle für die Bedrohung durch Separatismus. Hierdurch sei ein ganzes Volk mit seiner einzigartigen Kultur und Identität von Auslöschung bedroht. Er habe bewusst hier in Straßburg in diesem Parlament seinen später 'Straßburger Vorschlag' oder 'Ansatz des mittleren Weges' genannten Plan zur Regelung der Autonomiefrage von Tibet vorgelegt. Dieser beinhalte den Fortbestand der Zuständigkeit Pekings für die Außen- und Verteidigungspolitik, zugleich jedoch die Autonomie Tibets in den Bereichen Erziehung, Religion, Kulturelles, Umweltschutz und örtliche Wirtschaft. Diese Lösung würde das beschädigte internationale Image von China verbessern und zu Stabilität und Einheit, den beiden höchsten Prioritäten Pekings, beitragen. Leider habe man in den Verhandlungen zwar Höhen und Tiefen erlebt, jedoch in letzter Zeit keinerlei Fortschritte erzielt. Die chinesische Regierung weigere sich weiterhin, seine Delegation zu empfangen. Viele Tibeter glaubten, dass China auf eine völlige Absorption Tibets hinziele. Sie forderten Unabhängigkeit für Tibet und kritisierten seinen 'Ansatz des mittleren Weges'. Andere Tibeter forderten ein Referendum. Der Dalai Lama kündigte an, dass die Exilregierung vollständig demokratisiert werde. Der Vorsitzende des tibetischen Kabinetts solle durch Wahlen bestimmt werden. Der Vorsitzende des Kabinetts und das Parlament werden die Verantwortung haben, ihr Volk zu vertreten. Er sehe es als seine Aufgabe an, als freier Sprecher der sechs Millionen Tibeter die tibetische Frage weiterhin mit der chinesischen Führung zu erörtern. Der Dalai Lama erklärte sich überzeugt davon, dass die konzertierten und konsistenten internationalen Bemühungen letztlich Peking zu einem Umschwenken in seiner Chinapolitik bewegen würden. Eine beiderseitig vorteilhafte Lösung werde nicht nur dem tibetischen Volk Freiheit, Frieden und Würde bringen, sondern auch die Sicherheit und Einheit der Volksrepublik China sichern. Er sehe sich als Sprecher seiner gefangen gehaltenen Landsleute. Sie seien auch Menschen, die glücklich sein wollten und die unser Mitgefühl verdienten. Heute sei das tibetische Volk, sein reiches kulturelles Erbe und die nationale Identität vom Aussterben bedroht. Die Tibeter bräuchten Unterstützung, um als Volk und als Kultur überleben zu können. Die Situation in Tibet sei von fortgesetzter Umweltzerstörung und fortgesetzter systematischer Untergrabung von Kultur und Identität geprägt. Er glaube, dass, so groß und mächtig China auch sei, China noch immer Teil der Welt sei. Der weltweite Trend gehe in Richtung Offenheit, Freiheit, Demokratie und Respekt für Menschenrechte. Früher oder später werde China diesen Trend folgen müssen. Langfristig werde es keinen Ausweg vor Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit geben. Das konsistente, auf Prinzipien gestützte Engagement des Europäischen Parlaments gegenüber China würde diesen Prozess, der schon jetzt tatsächlich in China stattfinde, beschleunigen. Da die tibetische Frage eng mit dem in Verbindung stehe, was in China passiere, sehe er Gründe für Hoffnung. Der Dalai Lama dankte dem Europäischen Parlament für seine verschiedenen Resolutionen und insbesondere die Entschließung, die für die Ernennung eines EU-Sonderbe-auftragten für Tibet plädiert. Die Umsetzung dieser Entschließung werde die EU nicht nur befähigen, einen wirksamen Beitrag zur friedlichen Regelung der Tibetfrage zu leisten. Sie werde Peking auch die Entschlossenheit der EU in dieser Frage deutlich machen. Er bat abschließend um die Fortsetzung der Unterstützung in dieser für sein Land sehr entscheidenden Phase der Geschichte. Im Anschluss an die Rede dankte die Präsidentin des Europäischen Parlaments, Nicole FONTAINE, dem Dalai Lama für seine Rede und insbesondere für seinen Hinweis auf die Entschließungen des EP. Sie habe verstanden, dass das tibetische Volk seine wichtigste Freiheit, nämlich die der eigenen spirituellen Identität zu wahren, bedroht sehe. Auch sie verlieh ihrer Hoffnung Ausdruck, dass China sich der Welt öffnen werde. Der Dalai Lama habe an die Völkergemeinschaft und die EU appelliert, sich seinen Bemühungen anzuschließen. Er könne sich auf die aktive Unterstützung des EP verlassen. Quelle: EU-Parlaments-Pressedienst
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