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21.12.2002 - "Chinas Charme-Offensive in der Tibet-Politik"

Die Besuche von Gyalo Thondup und den zwei Emissären S.H. des Dalai Lama in Peking und Lhasa geben China die Gelegenheit, seine repressive Tibet-Politik in ein neues Licht stellen zu können.
Der tibetische Regierungschef Legchog gesteht sogar eigene Fehler ein - dies aber vor allem in der Informations- und Medienpolitik und nicht grundsätzlich in Chinas Tibet-Politik.
Die Freilassung von politischen Gefangenen muss auch unter den Vorzeichen einer internationalen Geben - und Nehmen - Politik beurteilt werden. Die nähere Zukunft wird zeigen, welche Zugeständnisse seitens der USA in Sachen Tibet und Menschenrechte Peking in nächster Zeit verbuchen kann.

Lesen Sie die verschiedenen Presseberichte zum Besuch von Lodi Gyari und Kelsang Gyaltsen in Peking und Tibet!

1. dpa, 17.9.02:

China schöpft mit Charmoffensive in Tibet politisches Kapital
Von Andreas Landwehr

Lhasa (dpa) - China hat seine Tibet-Politik nicht geändert, schlägt aber neue Töne an. Erstaunlich selbstkritisch äußerte sich der tibetische Regierungschef Logqog jetzt vor einer Gruppe ausländischer Journalisten : "Wir waren zu selbstzufrieden. Immer dachten wir, die Wahrheit auf unserer
Seite zu haben." Es sei ein "Fehler" gewesen, die Macht der internationalen Medien zu unterschätzen, die den Kritikern der chinesischen Tibet-Politik eine Bühne geben. "Die Welt beobachtet uns", weiß Logqog, spricht aber mehr wie ein kalkulierender Werbechef, der eine neue Kampagne auflegt, als ein
Politiker, der auch Kompromisse zu bieten hat.
Seit Jahresanfang gelingt es Peking zusehends, die internationale Kritik zu besänftigen. Zuerst wurde im Januar der wegen Spionage verurteilte tibetische Musikgelehrte Ngawang Choephel aus der Haft entlassen. Im März kam der am längsten einsitzende politische Gefangene Jigme Sangpo frei. Es
folgten vier weitere Häftlinge. Im Sommer durfte dann erstmals der ältere Bruder des Dalai Lamas, Gyalo Thondup, der bereits Peking besuchen konnte, auch nach Tibet reisen.
Im Potala-Palast, dem früheren Regierungssitz des 1959 nach Indien geflüchteten Oberhauptes der Tibeter, durfte der 74-Jährige zurückgebliebene persönliche Dinge und Gebetsschriften seines Bruders
inspizieren. Gyalo Thondup hatte selbst bis zum 24. Lebensjahr dort gelebt, so dass die Erlaubnis eine besondere Geste war.
Um eine weitere Öffnung zu signalisieren, wurde erstmals Ende Juli einer großen Gruppe ausländischer Journalisten aus Peking eine Reise nach Tibet erlaubt. Eine zweite Gruppe folgte vergangene Woche, vielleicht eher zufällig zeitgleich mit dem ersten Besuch der höchsten Delegation des Dalai
Lamas seit 20 Jahren in Tibet, die der vorläufige Höhepunkt der Charmoffensive Pekings ist.
Es war zwar von einem "privaten Besuch von Auslands-Tibetern" die Rede, doch Tibets Regierungschefs empfing sie wie Staatsgäste. Auch sie durften in die alten Privatgemächer des Dalai Lamas im Potala und besuchten mehrere Klöster. Für den Leiter der Delegation, Lodi Gyaltsen Gyari, war es eine Rückkehr nach mehr als 50 Jahren, seit die chinesische Volksbefreiungsarmee das größte Hochland der Erde besetzt und der Volksrepublik einverleibt hatte.
Aus Angst vor heftigen Reaktionen in der tibetischen Bevölkerung, die den Dalai Lama unbeirrt wie einen Gott verehrt, wurde der Besuch zunächst geheim gehalten. Politische Fortschritte waren aber nicht zuerkennen. Peking hält an seiner Forderungen fest, dass der Dalai Lama sich dem politischen und religiösen Kurs Pekings in Tibet als "private Person" unterwirft. Dagegen besteht der Dalai Lama auf Autonomie für Tibet in den alten Grenzen, da die heutige chinesische Region Tibet nur zwei Drittel des
alten Tibets ausmachen.
Doch auch das Angebot an andere Exil-Tibeter, die Heimat zu besuchen, schenkt Peking international politisches Kapital. Tibet bleibt zwar unverändert eine der großen ungelösten Fragen der chinesischen Politik, doch erweitert der Werbefeldzug den politischen Spielraum. Bei dem Gipfeltreffen mit US-Präsident George W. Bush im Oktober auf dessen Ranch in Texas wird es erstmal keine größere Rolle spielen, weil alle erstmal abwarten wollen, wie es jetzt weitergeht - selbst wenn sich in der Substanz
nicht geändert hat.


2. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.9.02:

Gesandte des Dalai Lama in Lhasa

Erstes Treffen mit chinesischen Funktionären seit zwanzig Jahren / Vorsitzender der Provinzregierung bezeichnet religiöses Oberhaupt der Tibeter als "unehrlich" und "wechselhaft"

P.K. LHASA, 16. September. Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren sind wieder Repräsentanten des Dalai Lama mit hohen chinesischen Funktionären zusammengetroffen. Der Vorsitzende der Provinzregierung von Tibet, Legchog, sagte am Montag in Lhasa, er habe am Sonntag Lodi Gyaltsen Gyari und Begleitung zu einem mehr als einstündigen Gespräch empfangen und ihnen Tibets wirtschaftliche Fortschritte erläutert. Legchog hob hervor, es habe sich um einen privaten Besuch gehandelt. Das Büro des
Dalai Lama bezeichnet Gyari und Kelsang Gyatsen als "Gesandte".

Der historische Besuch wurde den Tibetern verschwiegen. Tibetische Zeitungen erwähnten ihn bislang nicht, und selbst Funktionäre der chinesischen Regierung in Tibet erklärten, nichts davon zu wissen.
Bewohner von Lhasa beobachteten verstärkte Sicherheitsvorkehrungen und Polizeipräsenz besonders um die Tempel. In Tibet hat es seit der Besetzung im Jahr 1951 mehrfach Aufstände gegen die chinesische Herrschaft gegeben. Der Dalai Lama, das religiöse Oberhaupt der Tibeter, lebt seit der Flucht 1959 im indischen Dharamsala.

Der Vorsitzende der "Autonomen Region Tibet", Legchog sagte, er habe den Gast über die Entwicklung in Tibet informiert. Die Besucher hätten auch die meisten Tempel besucht. Aber über den Dalai Lama und weitere Delegationen aus Dharamsala sei nicht gesprochen worden. Lodi Gyaltsen
Gyari sei zufrieden gewesen, mit dem was er gesehen habe. Legchog lud die tibetischen Landesgenossen im Ausland ein, nach Tibet zurückzukommen. Sie seien willkommen in China, solange sie sich nur "patriotisch" zeigten. Dies impliziert in der kommunistischen Sprachregelung, daß sie sich nicht für eine Unabhängigkeit Tibets engagieren dürfen. Sie seien frei, zu kommen und zu gehen, um Verwandte zu besuchen und um Pilgerreisen zu unternehmen.

Trotz dieser neuen Freundlichkeit gibt es keine Änderung in der Haltung Pekings gegenüber dem Dalai Lama selbst. Legchog bezeichnete ihn als unehrlich und wechselhaft. Auch wenn der Dalai Lama jetzt behaupte, er fordere nicht die Unabhängigkeit Tibets, sondern nur Autonomie, so sei das nicht glaubhaft. Er beschuldigte den Dalai Lama, die Tatsachen zu verdrehen. Die Bedingungen, die die chinesische Regierung für eine Rückkehr des Dalai Lama stellt, hätten sich nicht geändert, sagte
Legchog. Peking fordert, der Dalai Lama müsse anerkennen, daß Tibet ein Teil Chinas, Taiwan eine Provinz Chinas und die chinesische Regierung der einzige Rechtsrepräsentant Chinas sei. Unter diesen Voraussetzungen, so Legchog, könne alles besprochen werden. Verhandelt werde aber nur mit
dem Dalai Lama und nicht mit der sogenannten Exilregierung. Der Dalai Lama könne nur als Bürger der Volksrepublik China und als "Patriot" zurückkommen. Und als "Patriot" dürfe er keine separatistischen
Aktivitäten mehr betreiben.

Nach dem Aufstand von 1959 und den antireligiösen Exzessen der Chinesen während der Kulturrevolution hatte es zu Beginn der achtziger Jahre direkte und zu Beginn der neunziger Jahre indirekte Kontakte zwischen Peking und den Exil-Tibetern gegeben. Nach der Kontroverse um die
Inkarnation des Panchen Lama waren aber alle Kontakte abgebrochen worden. Eine Änderung der chinesischen Haltung hatte sich angedeutet, als vor wenigen Wochen ein Bruder des Dalai Lama zum erstem Mal zu einem privaten Besuch nach Tibet reisen durfte. Politische Beobachter glauben,
daß das neue Verhalten der chinesischen Führung auf die Amerika-Reise von Staatspräsident Jiang Zemin zielt. Die Vereinigten Staaten haben wiederholt Menschenrechtsverletzungen und Einschränkungen religiöser Freiheit in Tibet angeprangert.


3. Die Welt, 17.9.02:

Nach 20 Jahren betreten Gesandte des Dalai Lama den Boden Tibets

Historischer Besuch weckt Hoffnung auf eine Wiederaufnahme des Dialogs, doch Pekings freundliche Geste dient vor allem der eigenen Imagepflege

Von Johnny Erling

Lhasa - Botschafter und Verwandte des Dalai Lama stoßen zum ersten Mal seit 20 Jahren in Peking und in Lhasa wieder auf offene Türen. Einer der höchsten Tibetpolitiker Chinas, der im Range eines Provinzgouverneurs stehende Vorsitzende der autonomen Region, Legqog, hat am Sonntag mit
Billigung und Wissen Pekings eine vierköpfige Delegation des im indischen Exil lebenden Dalai Lama empfangen. Chinas Außenministerium hatte noch vergangene Woche den Besuch der über Peking nach Lhasa reisenden Sekretäre des Dalai Lama als "private Visite" heruntergespielt.

Tibets Provinzführer traf sich nun für eine Stunde mit Lodi Gyaltsen Gyari, der den 67-jährigen Dalai Lama in der USA-Politik berät, und mit seinem für die Europapolitik zuständigen Vertrauten Kelsang Gyaltsen. "Beide sind mit Genehmigung der Zentralregierung nach Lhasa gekommen und
reisen in die Provinz zu Verwandtenbesuchen weiter. Ich habe ihnen die Veränderungen in Tibet erläutert", berichtete Legqog einer Gruppe Pekinger Korrespondenten. Zugleich gab er bekannt, dass er zum zweiten Mal innerhalb eines Monats mit engsten Vertrauten des Dalai Lama zusammenkam. Im August hatte er schon den in einer Geheimreise gekommenen älteren Bruder des Dalai Lama, Gyalao Thondup, in Lhasa getroffen und mit ihm über Religionspolitik und die Lage der Klöster gesprochen.

Die Pekinger Führung weckt mit der neuen Einladungsdiplomatie für hochrangige Exiltibeter weltweit Hoffnungen auch auf eine Wiederaufnahme ihres seit neun Jahren abgebrochenen Dialogs mit dem tibetischen Gottkönig, der 1993 von der chinesischen Botschaft in Neu-Delhi eingestellt wurde. Der Dalai Lama hat über seinen Sprecher die Reisegenehmigung für "sein Team" mit "großer Freude" begrüßen lassen. Zuletzt hatte eine von ihm entsandte Delegation 1982 Lhasa besucht. Der Massenjubel der tief religiösen und von China Jahrzehnte unterdrückten Tibeter, die in Großkundgebungen zum Hotel der Delegation pilgerten, löste in Peking Panikreaktionen aus.

Legqoq beeilte sich gestern zu versichern, dass China die Besucher nicht als Emissäre betrachte und bei seinen Treffen mit ihnen "auch nicht von und über den Dalai Lama gesprochen wurde". Peking würde mit diesem erst verhandeln, wenn er allen Unabhängigkeitsbestrebungen öffentlich abschwört, Chinas Oberherrschaft über Tibet in allen Punkten anerkennt und sich von der illegalen Exilregierung loslöst. "Der Ball liegt nun bei ihm." Legqoq kritisierte den Friedensnobelpreisträger, die Öffentlichkeit über seine "wahren Ziele", nämlich Tibets Unabhängigkeit zu wollen, in die Irre zu führen.

Die verbale Attacke hielt Lhasas Führung aber nicht von einer weiteren überraschenden Geste ab. Den Vertrauten des Dalai Lama und zuvor schon dem Bruder wurde erlaubt, den Potala-Palast, die ehemalige Residenz des nach dem Aufstand 1959 nach Indien geflohenen Gottkönigs, zu besuchen.
"Wir haben ihnen eine Inspektion ermöglicht, damit sie sich überzeugen, wie gut seine persönlichen Besitztümer verwahrt sind", berichtete der Palastverwalter.

Die Besuche der Exiltibeter sind bisher mit Hilfe einer Nachrichtensperre vor der tibetischen und ungebrochen Dalai-treuen und tief religiösen Bevölkerung geheim gehalten worden. Dies nährt den
Verdacht, dass die Pekinger Führung ihre Good-Will-Aktion vor allem zur eigenen Imagepflege gegenüber dem Ausland nutzen will. Parteichef Jiang Zemin wird am 25. Oktober zu Gipfelgesprächen mit US-Präsident George W. Bush nach Crawford reisen, wo es um die Verfestigung der USA-China-Allianz gegen den Terrorismus und um die Irak-Politik geht. Anzeichen für eine Lockerung der Repression in Tibet könnten auch im Sinn der Bush-Regierung Widerstände gegen einen zu freundlichen Umgang
mit China in der US-Öffentlichkeit aufweichen. Peking hat zudem seit Januar demonstrativ sechs seiner mehr als 250 politischen Häftlinge in Tibet entlassen, darunter Mönche. Der Sprecher der US-Regierung, Richard Boucher, hat die jüngste Entwicklung überschwänglich begrüßt.

Legqoq erklärte eine neue Bereitschaft seiner Provinzführung, Tibet künftig verstärkt für Besuche von Exiltibetern und internationale Medien zu öffnen. Er gab erstmals bekannt, dass Peking ein neues massives Wirtschaftsprogramm für Tibet gebilligt hat. Auf dem Dach der Welt werden in den fünf Jahren 2001 bis 2005 umgerechnet elf Milliarden Euro investiert werden, weit mehr als in den letzten 50 Jahren zusammen. Dies werde die Infrastruktur gewaltig ausbauen, den wirtschaftlichen Aufschwung beschleunigen und die politische Stabilität absichern. "Wir wissen, dass uns die Welt beobachtet, und nehmen dies heute auch zur Kenntnis."


4. waz, 17.9.02:

Verwandtenbesuche mit besonderer Note

Erstmals seit 20 Jahren sprechen chinesische Politiker mit
Abgesandten des Daila Lama

Von unserer Korrespondentin Jutta Lietsch

Lhasa. Hoffnung auf Entspannung - oder nur ein neuer Zug im Poker um Tibet? Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren haben hohe chinesische Politiker in Lhasa jetzt zwei offizielle Abgesandte des Dalai Lama
empfangen - und zugleich versucht, die Bedeutung dieser Begegnung herunterzuspielen. Die offizielle Erklärung: Die beiden Gesandten, Lodi Gyaltsen Gyari und Kelsang Gyaltsen seien in die tibetische
Hauptstadt gekommen, um "Verwandte und Freunde zu sehen" und um "den tibetischen Klöstern die Ehre zu erweisen", sagte der Gouverneur der Region, Legkok, gestern in Lhasa. Der Gouverneur hatte mit den beiden tibetischen Politikern aus Dharamsala, dem Exilsitz des 1959 nach Indien geflüchteten Dalai Lama, am Wochenende eine Stunde lang gesprochen. Dabei sei allerdings kein Wort über den höchsten geistlichen Würdenträger des tibetischen Buddhismus gefallen: "Es handelt sich um einen privaten Besuch", sagte der Gouverneur, der auch Vizevorsitzender der Kommunistischen Partei in der Region ist.
Alle "tibetischen Landsleute" seien eingeladen, nach Tibet zu kommen und zu sehen, wie sehr sich die Situation dort unter der Regierung Pekings in den letzten Jahren verbessert habe: "Alle Patrioten
gehören zu einer nationalen Familie, und sie können kommen und gehen, wie sie wollen", sagte er. Allerdings: Wer die Unabhängigkeit Tibets anstrebt, sei nicht erwünscht.

Tibetische Oppositionelle und Bürgerrechtsgruppen wie das Tibet-Informations-Netzwerk in London sehen in den neuen Kontakten einen wichtigen Schritt zu einer möglichen Annäherung zwischen dem
Dalai Lama und der Regierung, nachdem die letzten formalen Gespräche vor neun Jahren abgebrochen worden waren. Andere Beobachter glauben, dass die Regierung in Peking vor der Reise von Praesident Jiang Zemin nach Washington nur gut Wetter machen will. In den letzten Monaten haben die chinesischen Behörden auch sechs prominente tibetische Gefangene freigelassen. Im Mittelpunkt des Konfliktes steht die Frage nach der Herrschaft über Tibet: Der Dalai Lama hat in der Vergangenheit zwar mehrfach erklärt, er könne die Zugehörigkeit Tibets zu China akzeptieren. Peking dürfe sich im Gegenzug aber nicht in die kulturellen und religiösen Angelegenheiten der Tibeter einmischen und müsse ein hohes Mass an Autonomie garantieren. Die Zuwanderungspolitik, die dazu geführt hat, dass in machen Regionen inzwischen mehr Han-Chinesen als Tibeter leben, müsse gebremst werden. Zudem verlangen die Exiltibeter, dass grosse Teile des alten tibetischen Reiches, die inzwischen anderen chinesischen Provinzen in China zugeschlagen worden sind, im Falle einer Einigung wieder zu Tibet zurückkehren. Peking lehnt dies strikt ab. Ein Funktionär im Potala-Palast kritisierte die Haltung des Dalai Lama am Wochenende scharf: Dessen Forderung nach einem hohen Grad an Autonomie und einer Volksabstimmung über die Zukunft der Region sei "ohne Basis" und völlig abwegig. Der Dalai Lama, sagte der Beamte, sei "unehrlich" und "steht nie zu seinem Wort".

5. Süddeutsche Zeitung, 18.9.02:

Charme-Offensive in Lhasa

Tibets Regierung empfängt wieder Gesandte des Dalai Lama

Die beiden Seiten an einem Tisch an diesem Ort zu sehen, hat die Weltüberrascht: Abgesandte des Dalai Lama wurden diese Woche in Lhasa von Legqog empfangen, dem tibetischen Regierungschef von Chinas Gnaden. Lodi Gyari und Kelsang Gyaltsen sind seit 1985 die ersten offiziellen Vertreter der tibetischen Exilregierung, die Tibet besuchen durften. Lodi Gyari hat zuletzt von sich Reden gemacht, als er kurz vor Vergabe der Olympischen Spiele 2008 Chinas Führer "die Schlächter von Peking" nannte und mit Hitler verglich. Tibet-Regent Legqog seinerseits lässt kaum einen Tag vergehen, ohne den Dalai Lama einen Betrüger und "Vaterlandsspalter" zu schimpfen. Wenn solche Leute plötzlich miteinander plauschen, dann ist das bedeutsam.

Der Empfang in Lhasa ist nur eines von mehreren Zeichen, mit denen China der Welt offensichtlich signalisieren möchte, dass sich etwas tut in Sachen Tibet: Im Oktober 2000 tauschte Peking den verhassten Parteisekretär Chen Kuiyuan gegen Guo Jinlong aus, dem offenbar mehr die wirtschaftliche Entwicklung der "Autonomen Region" am Herzen liegt. Anfang dieses Jahres wurden sechs politische Gefangene freigelassen. Und im Juli besuchte der Bruder des Dalai Lama, Gyalo Thondup, in inoffizieller Mission Peking und Lhasa und äußerte sich optimistisch über die Wiederaufnahme eines Dialogs.

Nach der Besetzung Tibets durch chinesische Truppen 1959 und der anschließenden Flucht des Dalai Lama ins indische Exil hatte es 20 Jahre gedauert, bis Peking zum erstenmal Kontakt mit dem religiösen Oberhaupt der Tibeter aufnahm. Mitte der achtziger Jahre schienen dann die Gespräche schon weit gediehen, aber alle Hoffnungen der Exiltibeter auf ein Entgegenkommen Pekings zerstoben mit dem Massaker auf dem Tianamenplatz 1989 und endgültig dann 1993: Da brach Peking alle Kontakte ab, verärgert vor allem über den unermüdlichen Friedensnobelpreisträger Dalai Lama, der auf rastlosen Reisen die Welt von Menschenrechtsverletzungen in Tibet unterrichtete.

Sind die jüngsten Entwicklungen Anzeichen eines wirklichen Sinneswandels in Peking? Manche meinen, China habe erkannt, dass in der Zusammenarbeit mit dem heute 67-jährigen, sein Volk stets zur Friedfertigkeit mahnenden Dalai Lama eine Chance liege.

Propaganda auf Höchsttouren

Es gibt aber auch eine andere Möglichkeit: Dass Peking dem globalen PR-Wunder Dalai Lama endlich eine eigene Tibet-PR entgegenstellen möchte. Entsprechende Pläne liegen schon seit einiger Zeit vor: Im Juni 2000 hielt Regierungsmitglied Zhao Qizheng eine Rede mit dem Titel "Tibetologie und Außenpropaganda", in welcher er zu einem "langwierigen und ernsten Kampf" um die Deutungshoheit in Sachen Tibet aufrief. Und die Propaganda- und Kulturmaschinerie arbeitet auf Höchsttouren: Von Peking entsandte tibetische Volkstänzer tanzten unlängst in Brüssels Straßen (im EU-Parlament sitzen besonders sture Tibetfreunde); ausländische Reporter wurden in diesem Jahr in zuvor nie gesehener Zahl zu "geführten Touren" nach Tibet eingeladen.

Bei aller Hoffnung sollte man aber eines nicht vergessen: Der Kronprinz der Kommunistischen Partei, Hu Jintao, der vielleicht schon im November die Nachfolge von Jiang Zemin als Generalsekretär antritt, ist kein Neuling in Sachen Tibet-Politik. Als 1987 große Demonstrationen in Lhasa ausbrachen, war Hu der Parteisekretär von Tibet. Seine Befehle an die Armee führten in jenen Tagen zu einem Massaker in Lhasa.

Kai Strittmatter


6. Focus Online, 18.9.02:

Hoffnung für den Dalai Lama

Erstmals seit 20 Jahren haben Vertreter der Regierung und Abgesandte des im Exil lebenden geistlichen Oberhauptes der Tibeter wieder miteinander gesprochen. Der tibetische Regierungschef Logqog empfing in Lhasa hohe Abgesandte des Dalai Lama. Er habe den Sonderbotschaftern bei dem mehr als einstündigen Treffen am Sonntag die "großen Veränderungen in Tibet vorgestellt", berichtete Logqog am Montag vor Journalisten in der tibetischen Hauptstadt.

Obwohl es keine erkennbaren Ergebnisse gab, maßen Diplomaten dem ungewöhnlich hohen Empfang der Gesandten Lodi Gyaltsen Gyari und Kelsang Gyaltsen, die sonst die Beziehungen zu den USA und Europa pflegen, große Bedeutung bei. Damit wurde der seit 1993 unterbrochene indirekte Dialog über die chinesische Botschaft in Indien mit dem Dalai Lama wieder aufgenommen. Der Dalai Lama, der sowohl geistliches als auch weltliches Oberhaupt der Tibeter ist, war 1959 nach einem Aufstand gegen die chinesische Fremdherrschaft aus Tibet geflüchtet.

Wie der Dialog fortgesetzt werde, sagte Logqoc nicht. In einem Appell öffnete er aber die Tür für Besuche weiterer Exil-Tibeter, solange sie wie "Patrioten" an der Einheit der chinesischen Nation festhielten. Das Entgegenkommen soll offenbar Kritiker der chinesischen Tibetpolitik vor dem Besuch von Staats- und Parteichef Jiang Zemin am 25. Oktober bei US-Präsident George W. Bush in Texas besänftigen.

Tibets Regierungschef meinte, in den Gesprächen sei die Rolle des Dalai Lamas nicht angeschnitten worden. Kompromisslos legte Logqog aber Chinas Forderungen vor, nach denen sich der Dalai Lama voll der Pekinger Tibet-Politik unterwerfen soll. "Der Ball ist im Feld des Dalai Lamas." Der Friedensnobelpreisträger von 1989 fordert die Autonomie Tibets.

Der Dalai Lama müsse Tibet und Taiwan als untrennbare Teile der Volksrepublik und die kommunistische Regierung als die alleinige Regierung anerkennen, verlangte Logqog. Viele Tibeter, die den Dalai Lama bis heute unverändert wie einen Gott verehren, lehnen bis heute die Fremdherrschaft der Chinesen ab, die Tibet nach der Invasion der Volksbefreiungsarmee 1950 der Volksrepublik einverleibt hatten.

7. taz, 19.9.02:

DALAI-LAMA-DELEGATION
Besuch in China
Das tibetische Exilparlament in Indien fordert von China angesichts der jüngsten Kontakte Autonomie für Tibet. Die Autonomie müsse für alle drei Regionen Tibets gelten. Die Reise von zwei hohen Abgesandten des Dalai Lama nach Tibet bezeichnete sie als "offiziellen Besuch". (dpa)

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