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21.12.2002 - "Kalachakra in Graz ist zu Ende - Dalai Lama war "beeindruckt von der Fröhlichkeit""


ORF-Religion: Im Interview mit ORF-Religionsredakteurin Mathilde Schwabeneder zeigt sich der Dalai Lama von der Freundlichkeit der Menschen in Graz beeindruckt, spricht von einem "guten Anfang" in der Aufnahme neuer Kontakte zur chinesischen Führung und äußert die Hoffnung, die tibetische Bevölkerung könnte in absehbarer Zeit "mehr Rechte" eingeräumt bekommen.

Eine per 31.10.02 aktualisierte Auswahl weiterer Berichte zum Kalachakra finden Sie hier

Interview mit dem Dalai Lama:
"Ich denke, das Wichtigste hier in Graz war, dass alles perfekt arrangiert war. Und dass es so viele Teilnehmer aus verschiedenen Orten und Ländern gab. Das war sehr beeindruckend. Dazu kommt, dass alle Menschen sehr, sehr freundlich waren – auch die Leute auf der Straße. Das ist das Schönste für mich."

ORF-Religion:
"Sie sind das spirituelle und weltliche Oberhaupt der Tibeter. Jetzt konnten erstmals nach langer Zeit – im September – zwei Ihrer Sondergesandten Peking und Tibet besuchen. Sind Sie mit ihrem Besuch zufrieden?"

Dalai Lama:
"Zuerst möchte ich eines klarstellen: Seit dem vergangenen Jahr haben wir in unserer tibetischen Exilgemeinde gewählte politische Vertreter. Ich halte das für die größte Errungenschaft seit 43 Jahren. Was die chinesische Regierung betrifft: sie möchte, dass Tibet ein Teil Chinas ist. Und sie möchte gleichzeitig Stabilität und Einheit. Mit Waffengewalt und Unterdrückung ist es jedoch sehr schwer, Stabilität und Einheit zu erreichen. Tatsächlich war die chinesische Politik in der Vergangenheit in Bezug auf diese beiden Kriterien immer kontraproduktiv. Was uns betrifft: Wir sind ohne jegliche Vorbedingung zu Gesprächen mit Peking bereit. Daher glaube ich, dass der Besuch der beiden tibetischen Vertreter ein guter Anfang dafür ist."

ORF-Religion:
"China bereitet sich auf die Olympischen Spiele 2008 vor. Könnte das eine Chance sein, die Tibet-Frage zu lösen? China bemüht sich ja, das eigene Image im Westen zu verbessern."

Dalai Lama:
"Die chinesische Bevölkerung leidet ja auch. Deshalb ist das Image Chinas außerhalb des Landes nicht sehr gut. Natürlich ist sich die chinesische Führung dessen bewusst. Ich denke, die ungelöste Tibet-Frage ist einer der Gründe für das schlechte Image. Wenn China das Tibet-Problem richtig angeht und die tibetische Bevölkerung endlich mehr Rechte bekommt – dann wäre das ein positiver Beitrag zur Verbesserung des China-Bildes in der Welt."

ORF-Religion: "Wir danken für das Gespräch."

http://www.kalachakra-graz.at/default_deu.html

Der frühere politische Gefangene Takna Jigme Sangpo wurde am 13. Oktober in Graz von S.H. dem Dalai Lama empfangen.

Dalai Lama mit Takna Jigme Sangpo in Graz (20k image)


Salzburger Nachrichten, 23.10.02: Auflösung

Mit der Zerstörung des von Mönchen gestreuten Sandmandalas ging Dienstag in Graz das Weltbuddhistentreffen "Kalachakra" zu Ende. Der farbige Sand wurde in die Mur gestreut. Die als "Auflösung" bezeichnete Zeremonie gilt als Symbol für die Vergänglichkeit. "Wir möchten alle ein glückliches Leben frei von Ängsten und Befürchtungen in einer gerechten Welt leben. Dafür tragen wir alle Verantwortung", erklärte der Dalai Lama (Bild). Das weltliche und spirituelle Oberhaupt der Tibeter wird heute, Mittwoch, in der Kärntner Gemeinde Hüttenberg seinen Freund Heinrich Harrer besuchen und einen 1993 errichteten tibetischen Pilgerpfad segnen. Von dem Treffen profitierten auch Hotellerie und Gastronomie. An dem zwölf Tage dauernden Treffen nahmen etwa 9000 Menschen teil. Der Chef von Graz-Tourismus, Dieter Hardt-Stremayr, jubelt über einen "Rekord-Oktober".

News 22. 10. 2002

Kalachakra geht mit Mandala-Zerstörung zu Ende
Mit der Zerstörung des mühsam gestreuten Sandmandalas geht heute, Dienstag, das Buddhistentreffen "Kalachakra 2002" in Graz zu Ende. An dem zwölf Tage langen Treffen nahmen etwa 9.000 Menschen teil.
"Wir alle möchten ein glückliches Leben frei von Ängsten und Befürchtungen in einer gerechten Welt leben. Dafür tragen alle Verantwortung", bekräftigte der Dalai Lama bei der Abschluss-Pressekonferenz in der Stadthalle. Dies sei aber nur möglich, wenn zuvor innere Frieden erlangt wird. Die Teilnehmer verabschiedeten sich mit stehenden Ovationen und tosendem Applaus vom Dalai Lama.

Dalai Lama: Interreligiöses Treffen war ein Höhepunkt
Die Buddhisten rief das weltliche und spirituelle Oberhaupt Tibets dazu auf, gleich "Steinen, die ins Meer geworfen werden, in ihrer Umgebung positive Wellen des Mitgefühls und der Liebe zu verbreiten". Einer der Höhepunkte war für den Dalai Lama die Zusammenkunft von Vertretern von fünf Glaubensrichtungen bei einem interreligiösen Treffen am Grazer Schloßberg. "Wir tragen schließlich gegenseitig für einander Verantwortung", meinte er.

Stingl: Kalachakra war eine Ehre für Graz
Bürgermeister Alfred Stingl (SPÖ) wies noch einmal auf die große Bedeutung des Buddhistentreffens für Graz hin. "Wir sind uns bewusst, dass es eine große Ehre war, den 14. Dalai Lama zum dritten Mal - dieses Mal gemeinsam mit Gästen aus über 70 Ländern – hier begrüßen zu dürfen", sagte der Bürgermeister. Das geistliche Oberhaupt würdigte er als "eine der größten moralischen Personen der Gegenwart".

Erwirtschafteter Gewinn wird gespendet
Doch nicht allein das Spirituelle bilanzierte positiv. "Wir haben ein leichtes Plus auf dem Konto", meinte Organisator Manfred Klell. Insgesamt kostete die Veranstaltung 3,2 Millionen Euro - 3,3 Millionen wurden eingenommen. Der Gewinn soll Hilfsorganisationen zu Gute kommen.

Graz erlebte "Rekord-Oktober"
Die Stadt Graz freut sich über einen "Rekord-Oktober", so der Chef von Graz-Tourismus, Dieter Hardt-Stremayr. Zwar lägen noch keine konkreten Zahlen vor, aber sowohl die Gastronomie als auch das Hotelgewerbe dürften enorm von dem religiösen Treffen profitiert haben. Der Kontakt zwischen den Teilnehmern und der Bevölkerung sei ebenfalls sehr harmonisch verlaufen. "Es waren Gäste, wie man sie sich nur wünschen kann", meinte Hardt-Stremayr.

Dalai Lama zerstört das Mandala
Am Nachmittag sollte der Dalai Lama höchstpersönlich das von Mönchen gestreute Sandmandala zerstören und es schließlich der Mur übergeben. Damit soll, wie der Kalachakra-Experte Alexander Berzin erklärte, auf die Vergänglichkeit aller Dinge hingewiesen werden. "Es lehrt uns, auch an den schönen Dingen nicht zu haften", so Berzin.

9000 Teilnehmer
An dem zwölf Tage langen Treffen nahmen etwa 9.000 Menschen teil. Im Mittelpunkt der religiösen Veranstaltung für den Weltfrieden standen Belehrungen durch den Dalai Lama und die Kalachakra-Initiation. Das tibetische Oberhaupt wurde für seine Verdienste um die Menschlichkeit mit dem Menschenrechtspreis der Uni Graz ausgezeichnet.


Der Standard, 21.10.02:

Im Dämmerlicht des Glaubens

Tausende bei "Kalachakra"-Initiation in Graz - Kritiker orten im Text antiislamische Züge von Andrea König Graz - Innerhalb der kühlen Architektur der Stadthalle verbreitet sich das laue Flair eines Friedensfestivals. Blanke Füße auf orangefarbenen Schaumstoffmatten reihen sich neben Wasserflaschen ein, denn die meisten haben die Schuhe ausgezogen. Am hinteren Ende der Halle, gegenüber der großen Bühne, auf der der Dalai Lama umringt von Mönchen auf einem bunten Thron sitzt, stillen Mütter ihre Babys. Das Licht ist dämmrig, die Luft voll von süßem Rauchduft. Gläubige, erschöpften Groupies gleich, schlafen am Boden.

Galt die vergangene Woche des Weltbuddhistentreffens "Kalachakra 2002" in Graz allgemeinen Einführungen in den Buddhismus, findet derzeit der religiöse Höhepunkt statt: die eigentliche "Kalachakra"-Initiation in der neuen Stadthalle, die das tibetische Oberhaupt leitet.

Tibetisch-buddhistische Mönche und Nonnen bekommen durch die mehrstündige Initiation die Erlaubnis, mit der Praxis einer speziellen Meditationsübung, dem "Kalachakra-Tantra", zu beginnen. Es beschreibt den Weg zur Erleuchtung. Nichtbuddhisten erhalten dabei eine Segnung durch den Dalai Lama. Laut Veranstalter finden sich täglich bis zu 7000 Menschen aus 70 Nationen zur insgesamt dreitägigen Initiation ein, die heute, Montag, Abend zu Ende geht.

Das "Kalachakra" ruft auch viele Kritiker auf den Plan. Vor allem im so genannten Shambhala-Mythos des Textes, in dem der König von Shambhala das Böse in einem endzeitlichen Kampf überwinden soll, werden kriegerische Elemente gesehen. Und sogar eine Kampfansage an den Islam. "Das ist ein indirekter Beitrag zum Kampf der Kulturen", meinte etwa die deutsche Autorin Victoria Trimondi in einem ORF-Interview. In Graz auf derartige Kritik angesprochen, verwies der Dalai Lama auf eventuelle Übersetzungs- und Interpretationsprobleme. Auch Buddhismus-Experten wie Alexander Berzin sprechen dem "Kalachakra" die genuin friedliche Botschaft nicht ab. Er führt eventuelle kriegerische und antiislamische Ansätze auf die Entstehungsgeschichte des Textes zurück, der im Gebiet von Afghanistan und Kaschmir entstanden sei.

Doch diese Debatte interessiert nicht alle. Wie etwa der bärtige Einzelkämpfer vor der Stadthalle nur Sorgen hat, dass hier christliche Schäfchen irregeleitet werden könnten. Er sei der "Gegendemonstrant". Die Botschaft auf seinem Plakat lautet: "Jesus Christ, the one and only."

Der Standard, 19.10.02:

Graz, Zentrum der Weltreligionen Friedensdialog mit Dalai-Lama

Graz - 37 Jahre verbrachte der Tibeter Takna Jigme Sangpo in chinesischer Haft. Ende Mai war der heute 74-Jährige wegen seines schlechten gesundheitlichen Zustandes und internationalen Drucks entlassen worden. "Ich glaube noch immer an die Freiheit Tibets. Die Wahrheit ist auf unserer Seite", sagte Sangpo Freitag in Graz. 140 Schicksalsgenossen musste er in dem Gefängnis zurücklassen.

Sangpo arbeitete als Lehrer, als die Chinesen in Tibet einmarschierten. Zwar war er nie bei einer politischen Organisation tätig, doch ließ er sich trotz der Besatzung in seinem Land seine Meinung nicht verbieten. "Ich habe Poster auf die Wand geklebt und bin für eine freies Tibet eingetreten", erzählte Sangpo. Sein Engagement bezahlte er mit Gefängnis.

In Graz ging für Takna Sangpo nun ein Lebenstraum in Erfüllung: Der Tibet-Aktivist traf auf den Dalai-Lama, sein geistiges und spirituelles Oberhaupt, der sich am Freitag mit Vertretern anderer Weltreligionen zu einem interreligiösen Dialog getroffen hatte. Zum Thema "Frieden in der Welt" begrüßte der Dalai-Lama Freitagnachmittag auch den ehemaligen britischen Barden Cat Stevens, der sich seit seinem Übertritt zum Islam Yusuf Islam nennt. "Viele träumen von einer friedlichen Welt, aber nur wenige tun etwas dafür", meinte er. Gemeinsam wurden am Grazer Schlossberg Texte aus verschiedenen heiligen Büchern wie etwa dem Koran gelesen.

Neben dem Dalai-Lama und Cat Stevens sprachen auch der evangelische Superintendent Hermann Miklas für das Christentum, Swami Amarananda für den Hinduismus und Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg für das Judentum.Das Zusammentreffen kam auf Initiative des Grazer Bürgermeisters Alfred
Stingl zustande. "Eine derartige Veranstaltung ist derzeit in kaum einer anderen Stadt zu realisieren", betonte er.

Stuttgarter Nachrichten, 18.10.02:

Kult um den Dalai Lama in Graz

Rote Socken auf dem Markt der Möglichkeiten

Der Dalai Lama ist in Österreich, und er hat rund 10 000 Buddhisten und Fans aus 70 Ländern zum Kirchentag um sich geschart. Derweil zerstören Buchautoren schwärmerische Tibet-Klischees.

Von Paul Kreiner, Graz

Wer den Buddhismus immer als sanft lächelnde Religion des Zartgefühls betrachtet hat, war noch nie bei einer Unterweisung des Dalai Lama. Mehr als drei Stunden hat er nun schon gesprochen; da nimmt er sich erst das zweite von drei angekündigten Kapiteln vor, die "Lampe auf dem Weg zur Erleuchtung". Der tibetische Gottkönig sitzt auf einem hohen Thron - wie der Papst in Rom, wenn er Unfehlbares verkünden will. Tibetisch redet er, er legt lange Wortstrecken zurück, um anhand vieler indischer Namen zu belegen, dass die Lamas von heute genau die Erlösungsbotschaft weitergeben, die Buddha gelehrt hat. Es zieht in der Grazer Stadthalle, die Kälte kriecht den Betonboden entlang, wo mehrere tausend Zuhörer dicht gedrängt auf dünnen Matten sitzen. Der Übersetzer bemüht sich, nachzukommen, ungeduldige Kinder quäken. Da hat der Dalai Lama ein Einsehen: Die "37 Übungen der erleuchteten Geister" verschiebt er auf den nächsten Tag.

Das steirische Graz, das mit dieser Großveranstaltung auch für seine Rolle als europäische Kulturhauptstadt 2003 trainiert, ist zur Zeit so etwas wie das Weltzentrum des tibetischen Buddhismus. Zehn Tage dauert das
Kalachakra-Ritual; nach Auskunft der Veranstalter, also der Stadt und des buddhistischen Zentrums am Ort, soll es bei den Teilnehmern "positive" Haltungen wie Einfühlungsvermögen, Toleranz und Mitmenschlichkeit stärken und damit den Weltfrieden fördern. Der Dalai Lama spendet seinen Segen in dieser Form alle paar Jahre, nicht nur Buddhisten und Tibet-Fans, sondern allen Menschen guten Willens; zum dritten Mal tut er das nun, im tibetischen "Jahr des Pferdes", auf europäischem Boden.

Abgesehen von den Anhängern des Buddhismus, die sich je nach dem Grad ihrer Zugehörigkeit in tiefrote Pullis, rote Socken oder ganze rot-gelbe Kutten gewandet haben, ist die Umgebung die Gleiche wie bei jedem christlichen Kirchentag: ein "Markt der Möglichkeiten", wo man dieses oder jenes kaufen kann und wo diverse Initiativen um Spenden werben.

Vom Stand mit den "Holy Smokes" wehen die Gerüche der Räucherstäbchen durch die Messehallen; es gibt bunte Schals, Meditationskissen und Silberschmuck, "gefertigt von tibetischen Flüchtlingen in Deutschland"; das Himalaya-Steinsalz kommt aus Indien; bei der Herstellung der Maitreya-Lampe, die der Einfachheit halber auch noch eine selbstdrehende Gebetsmühle ist, wurde "in der Schweiz auf gute Motivation und die Rezitation von Mantras geachtet". Die Grazer Mohrenapotheke verkauft ein Juwel-Tonikum, dessen "Formel auf die legendäre wunscherfüllende Juwelenpille aus dem alten Tibet abgestimmt" ist - und gleich daneben steirisches Kürbiskernöl, das in Österreich beinahe auch mythische Qualitäten hat, jedenfalls kulinarisch.

Und dann gibt"s dort den Schweizer Johannes Frischknecht, der mit seiner schwarzen Frau im Senegal lebt, seine Existenz mit dem Malen von Mandalas sichert und in Graz "tantrische Rosenkränze" anbietet, welche er "auf abenteuerlichen Wegen" über Thailand aus Osttibet bezieht. Die Sache führt auf die dunkle Seite des Kalachakra. Denn die 108 grau-bräunlichen Perlen dieser Gebetsschnur bestehen aus Knochen, und zwar - "die meisten Menschen zucken zurück, wenn ich die Wahrheit sage" - aus menschlichem Schädelgebein. Wären sie ganz den hergebrachten Regeln entsprechend gefertigt, "müssten sie aus 108 verschiedenen Schädeln geschnitten sein", sagt Frischknecht. Aber dafür will er sich nicht verbürgen.

Zu tun hat dieser seltsame Brauch damit, dass der Tantraweg als das Extrem unter den zahlreichen mystischen Richtungen des tibetischen Buddhismus gilt. Während sich die anderen Schulen um Reinheit in Gedanken, Worten und Werken bemühen, gehen manche Tantriker bewusst in den Schmutz, um diesen und sich selbst zu reinigen: Sie essen Fleisch, trinken Alkohol, dürfen lügen, stehlen, töten, erregen durch eigenartige Sexualpraktiken Anstoß. Und - das ist der Punkt, an dem sich die aktuelle Kritik an der Grazer Veranstaltung entzündet: Das Kalachakra begreift sich als höchste Form des Tantra.

Und so schießen Leute um Herbert und Mariana Röttgen aus vollen Rohren. Unter dem Pseudonym Victor und Victoria Trimondi haben die zwei Verleger - der Alt-68er Röttgen hat früher die Mao-Bibel und Schriften des Dalai Lama auf den deutschen Markt geworfen -, eine Schmähschrift gegen das geistliche Oberhaupt der Tibeter losgelassen. "Der Schatten des Dalai Lama" ist bei Religionswissenschaftlern zwar mit Pauken und Trompeten durchgefallen; das hat die Trimondis aber jüngst nicht daran gehindert, auch noch historische Verbindungen zwischen Buddhismus und Nazi-Ideologie auszugraben und sie dem Kalachakra anzulasten.

Der von einem Träger des Friedensnobelpreises geführte Buddhismus, so polemisieren die Trimondis, predige in Wahrheit den "heiligen Krieg" gegen Islam und Christentum, ignoriere die Menschenrechte, strebe nach einem Gottesstaat, einer "Welt-Buddhokratie", fördere Verbrechen, nutze Frauen "sexualmagisch" aus - halte aber all das, unter Androhung von "Höllenstrafen" an die wenigen wirklich Eingeweihten geheim. Die Reaktionen auf Trimondis Bücher sind gespalten: Während die einen sie als Gegengewicht zur unkritischen Dalai-Lama-Schwärmerei im Westen begrüßen, lehnen andere sie als Mittel zu diesem Zweck ab.

Religionswissenschaftler, denen die "enthüllten" Texte ja längst bekannt sind, sagen, die Trimondis hätten halb Recht, aber eben nur halb: Sie läsen die krausen und martialischen Ratschläge des Kalachakra, die für erfahrene Meditierende in ihrer inneren Schlacht zwischen Gut und Böse gälten, als unmittelbare Anweisungen für Feldherrn und Vergewaltiger. Auch Schriften der christlichen Mystik lassen sich demnach, den entsprechenden Entschluss vorausgesetzt, im kriegerischen Sinne interpretieren. Missbrauch ist in keiner Religion ausgeschlossen - aber es gibt keine Anzeichen dafür, dass der Dalai Lama ihn predigt. Und in Graz, so beteuern die Veranstalter, wird niemand die "tantrischen Gelübde" ablegen.

Dass der Buddhismus nicht um Anhänger wirbt, das hat der "Ozean der Weisheit"gleich am Beginn seiner Unterweisungen klar gestellt: "Es ist besser, in der Religion zu bleiben, die man aus dem heimischen Kulturkreis kennt", sagt der Dalai Lama. "Das ist stabiler, sicherer und natürlicher. Ein Wechsel führt oft zu schwierigen Brüchen."

Und während er die buddhistische Grundhaltung von Mitgefühl und Zuneigung zu allen Lebewesen empfiehlt, durchbricht nur ein Scharren, Kratzen, Wischen und Klopfen die andachtsvolle Stille. Vor dem gelben Vorhang mit den Buddha-Bildteppichen, der das Grau der Messehalle deckt, und neben dem roten Thron des Dalai Lama arbeiten vier junge, hagere Mönche unter einem pagodenartigen Dach. Aus farbigem Sand legen sie das große Mandala, das zum Höhepunkt der Feiern vorgestellt wird. Es soll den Tempel des Buddha darstellen, und wer sich bis zu diesem durchmeditiert, der kommt an vier Stadttoren, etlichen Mauern und 634 Gottheiten vorbei - für die Mönche, die das alles zu zeichnen haben, ist das tagelange Feinstarbeit: jedes einzelne Sandkorn in dem mehr als ein Quadratmeter großen Bild muss exakt am richtigen Platz liegen. Nur in einem Punkt haben sich die Künstler die Arbeit erleichtert: Sie tragen Mundschutz; jedes unbedachte Ausatmen könnte das Werk hinwegblasen. Nach dem Kalachakra wird es ohnehin zerstört. Ein Zeichen der Vergänglichkeit aller Dinge, wie sie der Buddhismus lehrt. Und der Dalai Lama zieht weiter.


Saarbrücker Zeitung, 17.10.02:

Harrer für Verdienste um Tibet geehrt

Graz (afp). Der Dalai Lama hat dem österreichischen Bergsteiger und Autor Heinrich Harrer am Dienstagabend den "Preis der Aufklärung und der Wahrheit" verliehen. Der Autor von "Sieben Jahre in Tibet" soll damit für seine Berichte über das Schicksal Tibets ausgezeichnet werden, das seit 1951 von China besetzt ist. "Ich freue mich, meinen alten Freund wiederzusehen", sagte der religiöse Führer der Tibeter auf dem Weltbuddhistentreffen in Graz. "Ich habe ihn mit 15 oder 16 in einer turbulenten Phase meines Lebens getroffen. Heute ist er 90 und scheint immer noch bei bester Gesundheit." Harrer floh im Zweiten Weltkrieg aus einem britischer Kriegsgefangenenlager in Indien nach Tibet. Dort freundete er sich mit dem jungen Dalai Lama an.

Die Kleine Zeitung, 16.10.02:

Beglückend.

Die frühere First Lady Frankreichs, Danielle Mitterand, Schauspieler Richard Gere und Filmregisseur Martin Scorsese sowie das gesamte indische Volk finden sich als Dank für ihr Engagement zu Gunsten Tibets schon unter den Ausgezeichneten. Am Dienstag nahm der 90-jährige Kärntner Weltenforscher Heinrich Harrer in Graz den "Licht der Wahrheit"-Preis aus den Händen des Dalai Lama entgegen. Posthum wurde auch die vor zehn Jahren verstorbene Mitbegründerin der deutschen Grünen, Petra Kelly, geehrt. Harrer dankte sichtlich gerührt für die "schönste und beglückendste Auszeichnung meines Lebens". Der Autor des Buches "Sieben Jahre in Tibet", langjähriger Freund und ehemaliger Lehrer des Dalai Lama, über die Gemeinsamkeiten zwischen ihm und dem Oberhaupt der Tibeter: "Wir sind beide am gleichen Tag geboren und stehen außerdem seit Monaten abwechselnd an der Spitze der Bestsellerlisten. Aber der Schüler von vor 50 Jahren hat seinen Lehrer endgültig überrundet." Der Dalai Lama konterte: "Er spricht noch immer so gut Tibetisch wie früher und macht auch Witze auf Tibetisch, was ein Zeichen für seine geistige Frische ist." Am 23. Oktober wird der Dalai Lama Hüttenberg, dem Kärntner Heimatort Harrers, einen kurzen Besuch abstatten.

Der Standard, 15.10.02

"Gipfeltreffen" der Religionen

Interreligiöser Dialog auf dem Grazer Schlossberg

Graz - Das "Kalachakra", das Weltbuddhistentreffen, nimmt seinen Fortgang, am Freitag soll es am Grazer Schlossberg zu einer Gipfeltreffen von Weltreligionen kommen. Ab 13 Uhr werden der Dalai Lama als Vertreter des Buddhismus, der evangelische Superintendent Hermann Miklas für das Christentum, Swami Amarananda für den Hinduismus, Yussouf Islam - vormals Cat Stevens - für den Islam und Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg für das Judentum gemeinsam die Interreligiöse Begegnung "Frieden in der Welt" begehen.

Übersetzer und zwei Gebärdendolmetscherinnen sollen dafür sorgen, dass alle Gäste den Beiträgen folgen können. Zutritt zur Veranstaltung gibt es nur mit einer der 1200 ausgegebenen Zählkarten.

Dem heute 90-jährigen Heinrich Harrer wurde am Dienstag wie angekündigt der "Light Of Truth Award" der International Campaign for Tibet verliehen, für seine großen Verdienste um das Land.

Harrer verbindet seit mehr als 50 Jahren eine enge Beziehung zum Dalai Lama und zu Tibet. 1939 geriet Harrer bei einer Himalaya-Expedition in britische Kriegsgefangenschaft, nach vier vergeblichen Ausbruchsversuchen entkam er am 29. April 1944 und erreichte am 15. Jänner 1946 nach mehr als 2000 Kilometern Fußmarsch die Stadt Lhasa. Dort lebte er als Freund und Lehrer des Dalai Lama.

Der Standard (Wien), 14.10.02:

Ein Jahrmarkt des Buddhismus: Der Dalai-Lama sorgt zum "Kalachakra"-Auftakt für volle Hallen

Andrea König

Graz - Statt Zuckerwatte-Geruchs liegt schwerer Currydunst in der Luft. Und vermischt sich mit dem Nebel, den Räucherstäbchen verströmen. Statt heimischen Biers gibt es Buttertee. Abgesehen von den ungewöhnlichen Gerüchen unterscheidet sich die Atmosphäre auf der "Tibetausstellung" in der Grazer Messehalle zwölf kaum von einem gängigen Jahrmarkt. Unzählige kleine Stände bieten Waren feil. Nur dass - die meisten - eben asiatisch sind. Von Gebetsfahnen zum Selberdrucken bis hin zu Speisen im Schweizer Restaurant "Tibet am Rhein".

Am Samstag eröffnete der Dalai-Lama in Graz die Ausstellung zum Auftakt des Weltbuddhistentreffens "Kalachakra für den Weltfrieden 2002". Er sorgte für volle Hallen und zog ein gemischtes Publikum an. Von buddhistischen Mönchen über gestylte Jugendliche bis hin zu Familien mit kleinen Kindern. Alle versuchten, einen Blick auf den 66-jährigen Star des Buddhismus zu erhaschen.

Mitgefühl, Zuneigung

Doch die lockere Athmosphäre hat auch eine andere Seite. Die Security- "Schatten" des Dalai-Lama sind nie weit. Auch wenn er, wie am Samstag, vor rund 8000 Menschen in der Grazer Stadthalle von "Mitgefühl und Zuneigung als zentrale Werte einer weltlichen Ethik" spricht. Milde lächelnd und auf seinem weißen Polstersessel hin- und herpendelnd.

Im Publikum waren auch rund 300 Nonnen und Mönche, die den Gottkönig begleiten. Darunter auch eine 40-jährige Österreicherin, die als buddhistische Nonne in Australien lebt. "Das hier ist für mich einfach ein großartiges Erlebnis", sagt sie im STANDARD-Gespräch. Sie schläft derzeit im Massenlager, das extra für Helfer eingerichtet wurde.

Peter Riedl, Präsident der Österreichischen Buddhistischen Religionsgemeinschaft, glaubt, dass das bis zum 23. Oktober stattfindende Kalachakra (Einweihungsritual in den tibetischen Buddhismus) die Zahl der Buddhisten in Österreich (derzeit rund 16.500) steigern wird. "Es geht hier um das Überwinden von Gewalt, ähnlich der Psychotherapie", entschärft Riedl kürzlich aufgekommene Kritik am Kalachakra.

Vorarlberg Online, 14.10.02:

Weltbuddhistentreffen in Graz

In den frühen Morgenstunden startete der Dalai Lama mit den Vorbereitungszeremonien auf die Kalachakra-Initiation am kommenden Wochenende.

Die Grazer Messehalle ist seit Samstag "geweihter Boden": In den frühen Morgenstunden startete der Dalai Lama mit den Vorbereitungszeremonien auf die Kalachakra-Initiation am kommenden Wochenende. Am ersten Tag wurden die Räumlichkeiten und Teilnehmer des Rituals "den Buddhas vorgestellt", wie der amerikanische Kalachakra-Experte Alexander Berzin gegenüber der APA erläuterte.

Zwischendurch entzündeten Mönche Kerzen, um "störende Geister ruhig zu stellen". "Damit alles gut klappt und diese Energien nicht bei der Intiation dazwischen kommen", sagte Berzin. Am Nachmittag sollte mit der Errichtung des prächtigen Sand-Mandalas begonnen werden, das am Ende des Rituals wieder zerstört wird. "Das soll lehren, nicht an den schönen Dingen zu haften", so der Experte.

Der Dalai Lama war dieses Mal ganz in seiner Funktion als spirituelles Oberhaupt zugegen. Auf einem Thron sitzend rezitierte er mit tiefer monotoner Stimme umringt von Mönchen aus seinem Kloster Verse aus heiligen buddhistischen Texten. "Er ist auf einem Thron, weil er die Lehren Buddhas repräsentiert", erklärten die Organisatoren. Begleitet wurde die rituelle Lesung von Trommel- und Tschinellenklängen und Gesängen, wobei jeder Ton und jede Bewegung eine spezielle Bedeutung hat.

Das geheimnisvolle Ritual sollte niemand abschrecken. "Das wichtigste ist die Entwicklung von Altruismus", betonte der Dalai Lama in seinen Erklärungen. Neben einem "Erleuchtungsgeist" und eines "Gewahrseins von Leere" sei dies die zentrale Praxis des tibetischen Buddhismus.

Die Entwicklung von Mitgefühl macht das Kalachakra, so Berzin, auch so wichtig für die Gegenwart. "Die erste große Initiation wurde ebenfalls in einer sehr kriegerischen Zeit gegeben", sagte der Experte. Die tantrische Schule helfe dabei, sowohl die innere als auch die äußere Welt in Harmonie zu bringen. Anschuldigungen, dass das Ritual vor allem dem Erreichen von weltlicher Macht dient und gewaltverherrlichend ist, bezeichnete der Autor schlicht als "Unsinn". "Es wird gelehrt, wie man genau diese negativen Emotionen transformiert."

Die wenigen westlichen Zuseher, die bereits seit den frühen Morgenstunden vor den Bildern verschiedener tantrischer Gottheiten meditierten, wurden von dem nicht angekündigten Besuch des Dalai Lama überrascht. "Sie durften aber natürlich bleiben", sagten die Organisatoren. Die in Tibetisch rezitierten Verse dürften dabei nur die Wenigsten verstanden haben. "Aber sie sind wohl vor allem hier, um in der Nähe Seiner Heiligkeit zu sein", hieß es.

Salzburger Nachrichten, 12.10.02:

Dalai Lama im Regen

Der neue Flughafen-Tower ist zwar noch nicht eröffnet, die Leuchtschrift-Begrüßung - "Welcome To His Holiness The Dalai Lama" - funktioniert aber schon und mildert so die Peinlichkeit der "Graz 2003"-Reklame, in der die Kulturhauptstadt Europas sich mit den Motiven Flugzeug, Hirsch und Traktor bewirbt. Auf dem Rollfeld trifft Freitagmittag das spirituelle und weltliche Oberhaupt der Tibeter an Bord einer "Tyrolean Airways" ein. Nach Fotografengeschrei, Blumen- und Glücksschal-Austausch präsentiert sich der Dalai Lama gemeinsam mit LH Waltraud Klasnic und dem Grazer Bürgermeister Alfred Stingl der Schar von Medienleuten: "It's raining, thank you, thank you and see you again."

Ein "Phaeton" aus dem Hause VW fungiert als "Lama-Mobil", die von Sicherheitsleuten streng bewachte Karosse bringt den freundlich lachenden Mann in die Grazer Burg, wo Küchenchef Wolfgang Edler unter anderem Schafkäse-Pralinen, Teigtaschen mit Kürbiscreme-Mousse und Kastanienterrine mit frischen Beeren kredenzt. Bei der Pressekonferenz mit dem Friedensnobelpreisträger des Jahres 1989 bezeichnet Stingl den Dalai Lama als "eine der bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Zeit", als "unermüdlichen Mann des Friedens", der Graz bereits zum dritten Mal besucht. Der Grund? Das Welttreffen der Buddhisten "Kalachakra for World Peace", das aber auch in den eigenen Reihen nicht unumstritten ist. "Eine Versammlung von Bauchrednern, eine Art Mariazell des Buddhismus", erklärt etwa der österreichische Drehbuchautor und Buddhist Ernst Hinterberger.

Der Dalai Lama, der den Reden Stingls und Klasnics teilweise mit geschlossenen Augen und rhythmischen Wippbewegungen des Körpers folgt, zeigt sich erfreut, dass - just am Freitag - sein "alter Freund Jimmy Carter" zum Friedensnobelpreisträger gekürt worden ist.

Konflikte, die im Namen von Religionen ausgetragen würden, machten ihn sehr traurig, sagt der Dalai Lama. Der beste Weg zur Konfliktlösung sei jener des Dialoges, da bei der Anwendung von Gewalt der Samen für weitere Konflikte bestehen bleibe. Im Zeitalter der Globalisierung sei die Zerstörung des Feindes auch eine Zerstörung der eigenen Interessen, betont er. Der Kalachakra-Ritus sei eine wichtige tantrische Unterweisung, in der negative Energie in gute Energie umgewandelt würde: "Was dabei entsteht, ist eine Welle, eine Schwingung des Mitgefühls."

Süddeutsche Zeitung, 12.10.02:

Dieses kosmische Gefühl

Sinnsucher-Konferenz mit dem Dalai Lama als Stargast

Von Tanja Rest

Immer den Sandelholzdämpfen nach. Durchs Foyer des Bayerischen Hofes, an der Schlange der Zuspätgekommenen vorbei, Wortfetzen - ". ..denn ich spreche gar kein Tibetisch", "...suchen wir ja alle nach Was-auch-immer" -, hinein in den Ballsaal, Bücherstand rechts, Fernsehkamera links, Bildnisse Buddhas und tibetische Gebetsfahnen entlang der Empore. 500 Menschen im Raum. Schauen aufs Rednerpult. Das Knistern von Erwartung in der Luft. Es ist Donnerstag, 17 Uhr; die "Internationale Wissenschaftliche Konferenz" unter dem Motto "Unity in Duality" (Einheit in der Vielfalt) hat soeben begonnen, und am Rednerpult steht Jürgen Fliege.

"Wir sind hier zusammengekommen, um Grenzen zu überwinden. Wissen Sie eigentlich schon, wer neben Ihnen sitzt?", sagt Moderator Fliege mit seiner
TV- Wohlfühlstimme. Die Zuhörer überwinden vorerst noch keine Grenzen, sie schauen irritiert nach den Lautsprechern. Es ist ein regelmäßiges Pochen darin. Als ob ein großes Herz klopft. Fliege berichtet, bis eben habe er mit seiner Heiligkeit dem Dalai Lama beisammen gesessen. Man fragt sich, worüber sie wohl geredet haben, diese beiden Profis in der medialen Vermittlung des Spirituellen, der eine ein Kämpfer für sein Land, der andere für die Quote. Als ersten Hauptredner kündigt Fliege den Lama Tarab Tulku Rinpoche an: Er soll ein tibetisches Gebet sprechen, dann über "Unity in Duality in Bezug auf den Subjekt- und Objekt-Pol" reden. Bevor der Pastor das Mikrofon freigibt, formuliert er noch einmal das Ziel der Veranstaltung: "Streben nach Wahrheit! Mit den renommiertesten Wissenschaftlern der Welt in dieses große, kosmische Gefühl eintauchen."

Erkenntnis für 450 Euro

Insgesamt 14 Referenten - Physiker, Biologen, Psychologen und Buddhisten - sind nach München gekommen, um die Zuhörer am Schulterschluss von westlicher Wissenschaft mit fernöstlicher Weisheit teilhaben zu lassen. Stargast und Zugpferd der viertägigen Konferenz ist der Dalai Lama. Die meisten haben sich angemeldet, vor allem um ihn zu hören. Oder wie es Margot Mayer, seit zwei Jahren praktizierende Buddhistin, formuliert: "Ich möchte ihn spüren. Seine Aura spüren, Anleitung bekommen. Ich selbst ahne nur, aber ich weiß nicht." Das Streben nach Erkenntnis muss den Teilnehmern einiges wert sein: 450 Euro beträgt die Gebühr fürs Vier-Tage-Komplettprogramm, Übernachtung nicht mitgerechnet. Wer nur den Dalai Lama hören will, ist immer noch mit 150 Euro dabei.

"Ich hab' das Geld gern gezahlt", sagt Jürgen Zimmer, Psychotherapeut aus Stuttgart. "Beruflich beschäftige ich mich seit Jahren mit dem Buddhismus. Ich hoffe, dass mir hier so manches Licht aufgeht." 19 Uhr, Tarab Tulku Rinpoche hat soeben geendet, überall stehen die Menschen eifrig diskutierend in Grüppchen zusammen. Tendenziell mehr Frauen als Männer, mehr Ältere als Junge, mehr Batik als Business. Sie wollen ihren "Horizont erweitern", sich "Anregungen holen", "neue Einsichten gewinnen". So gelassen das klingt, es ist bei vielen ein fast fiebriges Bedürfnis spürbar. Erkennen-Wollen. Nicht irgendwann. Jetzt.

Schalk in den Augen

Freitagmorgen. Vorm Bayerischen Hof patroulliert Polizei, an der Pforte zum Ballsaal empört sich ein weißhaariger Mann über die 150 Euro Eintritt, und drinnen streiten zwei Frauen um einen Sitzplatz in Reihe sieben. Eine halbe Stunde vor Ankunft des Dalai Lama ist die Stimmung latent gereizt. Einige sind schon um sechs Uhr aufgestanden, um einen Stuhl ganz vorne zu besetzen - wer jetzt erst kommt, muss nach hinten vor den Bildschirm. Überall im Saal blitzen Khatags auf, tibetische Schals. Manche balancieren auch einen Notizblock auf den Knien. Auf der Bühne fährt sich Jürgen Fliege nervös durch die Fönfrisur.

Der XIV. Dalai Lama erscheint Punkt neun Uhr auf der Empore, Schalk in den Augen und das berühmte Lächeln um die Mundwinkel. Die Menschen erheben sich feierlich. Setzen, setzen, bedeutet er. Nimmt ebenfalls Platz. Ordnet erst einmal in Ruhe das rot-gelbe Gewand. Und beginnt seinen Vortrag, wobei er immer erst einige Minuten auf Englisch spricht, dann die Übersetzung ins Deutsche abwartet. In der folgenden Stunde ist es ein Vergnügen zu beobachten, wie die Heiterkeit des Dalai Lama mit der atemlosen Konzentration des Publikums kontrastiert. Während der Dolmetscher spricht und im Auditorium Kugelschreiber übers Papier flitzen, blickt Seine Heiligkeit zwinkernd in die Runde, winkt ausführlich, rutscht auf seinem Stuhl hin und her und kann es offensichtlich kaum abwarten, in seiner Rede fortzufahren.

Mit den konjunkturstarken Marktschreiern des Buddhismus verglichen, ist seine Botschaft ein Exempel an Zurückhaltung. Jeder Mensch, sagt der Dalai Lama, sei zunächst im eigenen Glauben verwurzelt und müsse auf dieser Basis etwas beitragen zum Wohl der Welt. Konvertierungen zum Buddhismus hält er nur in Ausnahmefällen für sinnvoll. "Ihr Leute aus dem Westen, behaltet Eure eigenen Traditionen, das Christentum hat das gleiche Potenzial." Der eine oder andere dürfte unterm Tibetschal zusammenzucken. Es sind gütige, hoffnungsfrohe Worte, die der Friedensnobelpreisträger an seine Zuhörer richtet, aber eine Heilsgarantie ist nicht dabei. "Ziel unser aller Leben ist es, glücklich zu sein. Darum ist das Beste, was wir tun können, Mitgefühl zu zeigen. Weil es immer auch uns selbst zugute kommt." Punkt. Fertig. Danke.

So schließt der Dalai Lama, und sekundenlang herrscht eine gar nicht aufgesetzte, ehrlich ergriffene Stille im Saal. Dann meldet sich Pastor Fliege zu Wort: "Auch wir sagen Danke. Durch Ihr Lachen, Ihre compassion haben wir viel gewonnen auf dem Weg zur happyness. Wir machen jetzt erstmal eine Pause und dann..." Die Suche geht weiter.

 

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