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21.12.2002 - "Die Tibetfrage ist reif für eine Lösung"

Von Orville Schell, Los Angeles Times, 27. Oktober 2002

BERKELEY ­ Am Freitag wurde eine gute Gelegenheit verpasst, als Präsident Bush mit dem chinesischen Präsidenten und Vorsitzenden der kommunistischen Partei Jiang Zemin zusammen getroffen war, ohne jedoch die Situation in Tibet zu erwähnen.

China hatte letzten Monat grosse Hoffnungen geweckt, als es eine Delegation der Exilregierung des Dalai Lama auf einen Besuch in China und Tibet empfangen hatte. Nun wäre der richtige Moment gewesen, um diese Initiative weiter voran zu bringen.

Aber es ist noch nicht zu spät, die Herausforderung anzunehmen, den Status von Tibet zu lösen. Denn mit diesem Problem haben sowohl die TibeterInnen als auch die ethnischen ChinesenInnen seit langem zu kämpfen. Hu Jintao, der beim Rücktritt von Jiang wahrscheinlich die Nachfolge als Generalsekretär antreten wird, war von 1988 bis 1992 Chinas Parteisekretär der Autonomen Region Tibet gewesen. Dass er die Vielschichtigkeit der schwierigen Beziehung zwischen Tibet und China versteht, versetzt ihn in eine ausgezeichnete Position, um sich zu Beginn seiner Amtszeit als oberster Führer Chinas durch Mithilfe beim Lösen dieses gordischen Knotens auszuzeichnen.
Sollte Hu es unterlassen, die Menschenrechts-Situation in Tibet und den Wunsch nach Autonomie anzugehen, könnte dies für sein Land unangenehme Folgen haben. In den palästinensischen Gebieten, in Kashmir und im früheren Jugoslavien haben wir miterlebt, wie ungelöste ethnische Konflikte auf eine Art und Weise ausbrechen können, dass sie praktisch ausweglos werden. Es liegt im Interesse Chinas, es in Tibet nicht so weit kommen zu lassen.

Als Jiangs Regierung letzten Monat mit Lodi Gyaltsen Gyari und Kelsang Gyaltsen, zwei Vertretern der Exilregierung des Dalai Lama, zusammentraf, schien dies eine neue Flexibilität auf Seiten Pekings anzuzeigen ­ eine Flexibilität, die nötig sein wird, wenn China seine seit langem bestehenden Differenzen mit Tibet lösen will. Bei seinem Amtsantritt sollte Hu diesen soeben begonnenen Weg des Friedens mit weiteren Initiativen weiterverfolgen, um zu einer wirklich nachhaltigen Lösung zu gelangen.

Zum Glück ist die Lage in Tibet nicht hoffnungslos. Und man kann sich für einen chinesischen Führer kaum einen besseren Start in die neue Aufgabe vorstellen, als eine friedliche Lösung anzubieten.

Der Dalai Lama hat einen vernünftigen Kompromiss vorgeschlagen: dafür, dass Tibet ein hoher Grad von Autonomie zugebilligt wird und dass er die Erlaubnis erhält nach Lhasa zurückzukehren, würde seine Exilregierung dem Anspruch der chinesischen Regierung auf Souveränität nachkommen und deren Wunsch, Tibets Aussenpolitik und Verteidigung weiterhin zu kontrollieren.

Dies ist ganz klar ein Vorschlag, bei dem alle Seiten nur gewinnen können. China gewinnt das Eingeständnis des Dalai Lama, dass Tibet Teil eines multi-ethnischen China ist: dadurch wäre das umstrittene Thema der Unabhängigkeit vom Tisch. Tibet gewinnt die Zustimmung Chinas, den Dalai Lama nach Hause zurückkehren zu lassen. Dies würde helfen, die Auflösung des tibetischen Buddhismuss und der traditionellen Kultur einzudämmen. Diese kulturelle Auflösung und die vermehrte Einwanderung von Han-Chinesen haben die Region kulturell und politisch immer stärker Richtung China gezogen. Und die Welt gewinnt, indem sie von der Last einer Quelle für globale Spannungen befreit würde.

Eine Lösung des Tibetproblems würde auch Chinas weltweites Ansehen verbessern. Die Situation in Tibet, welche von vielen als eine koloniale Besetzung angesehen wird, ist seit langem ein Makel für China. Die Ausarbeitung einer Lösung, welche die Rückkehr des Dalai Lama nach Tibet erleichtern würde, könnte nicht nur helfen, dieses seit dem letzten halben Jahrhundert bestehende Stigma zu entfernen, sondern würde es dem Dalai Lama auch erlauben, beim Abbau der in diesen Jahren entstandenen Spannungen zu mitzuhelfen.

Obwohl die Situation in letzter Zeit zumindest an der Oberfläche ruhig scheint, ist es kein Geheimnis, dass unterschwellig immer noch Groll vorhanden ist und dass dieser leicht zu einem weiteren offenen Konflikt führen könnte. Falls dies passieren sollte, könnte es zu spät sein für eine friedliche Versöhnung, die sich im Moment als verwirklichbare Möglichkeit präsentiert.

Ich habe oft ­ und nur halbwegs spasseshalber ­ gegenüber chinesischen Freunden, die bezüglich der tibetischen Exilregierung Bedenken haben, angetönt, dass die meisten nicht-chinesischen führenden Regierungschefs der Welt überglücklich wären, den Dalai Lama als Gegner zu haben. Schliesslich sei er bekannt für seine Toleranz, seinen gesunden Menschenverstand und sein Mitgefühl. Chinesische Regierungsvertreter müssen realisieren, nachdem sie vor kurzem eine tibetische Delegation empfangen haben, dass sie äusserst vernünftige Verhandlungspartner vor sich haben.

Das Tibetproblem auf friedliche, gerechte und grossherzige Weise zu lösen, würde einen aussergewöhnlichen Anfang für Hu¹s Amtszeit darstellen. Es wäre auch taktisch geschickt, um damit die Verbesserung der Beziehungen Chinas mit den USA zu verstärken.

Für diejenigen, welche mit offenen Augen das Weltgeschehen beobachten, würde eine kreative, neue Lösung für dieses sich in einer Sackgasse befindenden Problem ein äusserst überzeugendes Signal geben, dass China sich verändert, reifer wird und allmählich dafür empfänglicher, als konstruktive, verlässliche und vorwärts-schauende Macht eine grössere Rolle im Weltgeschehen zu spielen. In dieser Zeit der tiefen Angst vor internationalem Terrorismus und ethnischen Auseinandersetzungen könnte eine solche Handlung der chinesischen Führung die Welt beeindrucken und beruhigen. Hu könnte kein grösseres Vermächtnis hinterlassen.

(Orville Schell ist Dekan an der Graduate School of Journalism an der Universität von Berkeley und schreibt seit längerer Zeit über chinesische und tibetische Themen.)

Übersetzung tibetfocus.com, S. Gut

Antworten: 3 Kommentare

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