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21.12.2002 - "Tibetische Delegation auf Besuch in China und Tibet" «Wir sind überzeugt, dass die chinesische Seite an weiteren Gesprächen interessiert ist» Kelsang Gyaltsen, der in der Schweiz wohnhafte EU-Beauftragte des Dalai Lama, besuchte zusammen mit dem Beauftragten des Dalai Lama in Washington, Lodi Gyari, in einer weltweit beachteten Mission China und Tibet. Der Besuch lässt in den einen die Hoffnung für eine friedliche Lösung des chinesisch-tibetischen Konfliktes keimen, für andere ist es schlicht eine taktische Finte Chinas, um bei den USA gut dazustehen. Kelsang Gyaltsen nimmt zu dieser Frage und weiteren Themen der sino-tibetischen Beziehungen in einem Gespräch mit Daniel Aufschläger Stellung. Haben Sie Tibet bereits vor dieser offiziellen Reise einmal besucht? Ich war seit der Flucht meiner Familie vor 43 Jahren nicht mehr in Tibet. Es ist das erste Mal, dass ich Lhasa besucht habe. Meine Familie stammt aus Osttibet und mein Heimatort ist heute der chinesischen Provinz Sichuan angegliedert. Für Mitarbeiter der Exil-Regierung waren private Besuche Tibets zudem lange Zeit nicht möglich. Während unseres Besuchs in Lhasa und anderswo haben Lodi Gyari und ich weder unsere Verwandten getroffen noch unsere Geburtsorte besuchen können. Es war ein reiner Arbeitsbesuch. Welchen Eindruck haben Sie bei Ihrem ersten Tibetbesuch gewonnen? Ich hatte mir meinen Besuch viel emotionaler vorgestellt. Früher dachte ich, dass mein erstes Wiedersehen mit Tibet ein Höhepunkt in meinem Leben sein würde. Stattdessen verlief die Reise recht nüchtern, sachlich und auf unsere Mission konzentriert. Die Städte in Tibet haben ihr Aussehen so stark verändert, dass sie mir fremd vorkamen. Ich spürte nur wenig Tibetisches, und deshalb sprachen sie mich auch kaum an. Auf den langen Reisen mit dem Auto übers Land fühlte ich mich dagegen in Tibet, wenn ich von weitem kleine Dörfer, Yak- und Schafherden und Nomaden sah. In so einem Dorf würde ich gerne ein paar Monate verbringen. Hängt diese Distanz auch damit zusammen, dass die Delegation recht abgeschirmt reiste? In den sechs Tagenhatten wir ein sehr dichtes Programm und immer wieder lange Autofahrten dazwischen. Tatsächlich hatten wir kaum die Möglichkeit, mit einfachen Leuten zu sprechen. Es waren jeweils die politischen Verantwortlichen vor Ort, die uns gut vorbereitet über die wirtschaftliche Situation in ihrer Region berichteten. Politik war also offenbar kein Thema? Nein, politische Themen haben wir mit den Tibetern in Tibet nicht angesprochen. Es war uns klar, dass die Lösung für das Tibet-Problem in Peking zu suchen ist und nicht in Lhasa. In unseren Gesprächen mit tibetischen Vertretern der lokalen Verwaltung hoben wir die gemeinsame Verantwortung der Tibeter in Tibet und im Exil für das Wohlergehen unseres Volkes hervor. Wir betonten die Notwendigkeit und Wichtigkeit der Bewahrung unserer eigenständigen Kultur, Sprache, Religion und Identität. Wir erklärten, dass wir eine nachhaltige und umweltverträgliche wirtschaftliche Entwicklung und Modernisierung Tibets vollumfänglich bejahen und unterstützen. Zugleich unterstrichen wir die Notwendigkeit, auf unseren eigenen Beinen zu stehen. Wir machten klar, dass die Unterstützung der Regierung in Peking und vieler Provinzen zu begrüssen ist. Die längerfristige wirtschaftliche Entwicklung Tibets müsse jedoch auf Nachhaltigkeit und weniger Abhängigkeit ausgerichtet sein. Wie wurden Sie denn von den tibetischen Verwaltungskaderleuten und Politikern empfangen? Entstand ein Dialog, oder fand nur ein «Verlesen» von Standpunkten statt, ohne auf die andere Seite einzugehen? Wir begegneten zu unserer Überraschung freundlichen, ja manchmal herzlichen tibetischen Regierungsvertretern, die uns engagiert und fachlich versiert erschienen. Sie schilderten sachlich die wirtschaftliche Lage, erläuterten uns ihre Pläne im vielversprechenden Tourismussektor und sprachen von den flankierenden Umweltschutzmassnahmen. Da auch die Gastgeber keine politische Themen und Propagandageschichten vorbrachten, waren wir auch nicht gezwungen, auf verbale Angriffe zu reagieren. Wenn man die propagandistischen, den Dalai Lama verunglimpfenden Erklärungen des nominellen tibetischen Vorsitzenden der Provinzregierung Legchog in Lhasa hörte, hat man allerdings den Eindruck, dass diese Begegnung alles andere als freundlich verlaufen sein muss. In der Tat war die Begegnung mit Legchog das am wenigsten entspannte Treffen. Er wirkte während des einstündigen Gesprächs sehr angespannt und nervös. Er war der einzige, der seine Rede ablas. Sie enthielt aber nur wenige politische Bemerkungen; der grösste Teil betraf die wirtschaftliche Situation. Erst auf die Gegenrede von Lodi Gyari, der in seinen Worten deutlich die gemeinsamen Interessen betonte, entspannte sich Legchog etwas. Seine Nervosität mochte auch damit zusammenhängen, dass er während eines Besuches in den USA vor einigen Monaten auf pro-tibetische Demonstranten stiess, die ihn als Verräter bezeichneten. Wir wussten aber nicht, dass Legchog nach unserem Empfang eine Pressekonferenz für westliche Journalisten abhielt. Gegenüber den westlichen Medien äusserte er unter anderem, dass die exil-tibetische Delegation einen überaus positiven Eindruck von den Verhältnissen gewonnen hatte. Stimmt das? Das war aus dem Zusammenhang gerissen. Aber es ist durchaus so, dass wir das Positive, das wir antrafen, hervorhoben und weniger auf das Negative eingingen. Denn wie gesagt: Es ging um eine erste Kontaktaufnahme und nicht um eine Fact-Finding-Mission, die eine Bestandesaufnahme der Menschenrechtssituation und des Zustands der tibetischen Kultur umfassen würde. Wie haben Sie auf die Schilderungen der wirtschaftlichen Entwicklungen durch die Gastgeber reagiert? Wir haben den Einsatz der Behörden zu Gunsten der wirtschaftlichen Entwicklung gewürdigt, aber hoben zugleich die Wichtigkeit der Bewahrung der Kultur hervor. Denn wenn sich die Behörden so viel vom Tourismus versprächen, dann müssten sie die Kultur bewahren, weil dies das sei, was Tibet einzigartig mache, erklärten wir ihnen. Zudem forderten wir sie auf, wirklichkeitsgetreue Lageberichte nach Peking zu schicken und nichts zu beschönigen. Mit einem solchen Vorgehen hat aber der verstorbene Panchen Lama in seinem ungeschminkten 10'000-Zeichen-Bericht schlechte Erfahrungen gemacht. Das war vor rund 40 Jahren. Seither hat sich die Lage grundsätzlich geändert. Wenn man sich auf die wirtschaftliche Lage beschränkt, darf man durchaus eine kritische Haltung vertreten. Zur Zeit wird mit einem riesigen Aufwand eine Eisenbahn von China in die tibetische Hauptstadt Lhasa gebaut. Hat man über den Bau der umstrittenen Eisenbahn gesprochen? Wir haben den Eisenbahnbau nicht direkt angesprochen. Aber indirekt sprachen wir dieses Projekt an, indem wir nachdrücklich betonten, dass bei der wirtschaftlichen Entwicklung und Modernisierung Tibets auf Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit Wert gelegt werden muss. Die Modernisierung und wirtschaftliche Entwicklung dürfe nicht auf Kosten und zu Lasten von nachkommenden Generationen erfolgen. Wie ist Ihr genereller Eindruck von der Infrastruktur und von der Wirtschaftsentwicklung? Allzuviel haben wir nicht gesehen. Offensichtlich ist das gut unterhaltene Strassennetz und das verstärkte Umweltschutzbewusstsein, was wir anhand von Aufforstungsprojekten sehen konnten. Wir sind mit den Chinesen der Meinung, dass die wirtschaftliche Entwicklung Tibets vorangetrieben werden muss. Über die Frage der Art und Weise gehen die Meinungen allerdings auseinander. Aus unserer Sicht müssen die Entwicklungsprojekte den Bedürfnissen der Bevölkerung entsprechen, die natürlichen Bedingungen respektieren und dem Kulturraum entsprechen. Kein taugliches Vorgehen ist die Eins-zu-Eins-Übertragung und Umsetzung von Entwicklungsplänen und Projekten aus China, was zur Zeit mit massivem Geldeinsatz geschieht. Wie wurden Sie von Ihren Gastgebern behandelt? Wir wurden in Peking, Chengdu und Shanghai äusserst zuvorkommend und protokollarisch höchstrangig behandelt. Unsere Begleiter waren entspannt und gelöst. An diesen Orten konnten wir auch ohne Programm spazieren und uns unter das Volk mischen. Aber als wir in Tibet ankamen, schlug die Stimmung plötzlich um. Es war, als ob wir auf einem anderen Planeten gelandet wären. Unsere Betreuung wurde zurückgestuft. In Lhasa wurden wir im Tibet-Hotel in Doppelzimmern untergebracht, während uns in China geräumige Suiten in «State Guesthouses» zur Verfügung gestellt wurden. Mehr als das Fehlen dieser kleinen protokollarischen Aufmerksamkeiten fiel uns jedoch die plötzliche Nervosität und Gespanntheit auf, die unsere Begleiter und Betreuer an den Tag legten. In Tibet wurden wir ständig von 20 bis 30 Personen begleitet. Die Unruhe der Begleiter stand überhaupt nicht im Einklang mit dem oberflächlich entspannten Eindruck, den die Städte in Tibet auf uns machten. Es war offensichtlich, dass die augenscheinliche Normalität nicht die Wirklichkeit wiedergab. Ein weiteres Indiz dafür war, dass wir die Klöster Sera und Drepung nicht besuchen durften und den Jokhang im Zentrum Lhasas früh am Morgen besichtigen mussten. Sie haben in Peking auch Ngawang Jigme Ngabö getroffen. Der Tibeter ist seit seiner Zeit als Gouverneur in Chamdo, als er die Stadt 1950 kampflos den Chinesen überliess, so umstritten wie kein zweiter Tibeter. Welche Rolle hat Ngabö heute noch? Wir haben Ngabö getroffen, weil ihm die chinesische Regierung seit Jahrzehnten vertraut und er über entsprechenden Einfluss verfügt. Wir baten ihn als eine führende tibetische Persönlichkeit, sich für eine einvernehmliche Lösung des Tibet-Problems einzusetzen. Er sprach nachdrücklich von der Wichtigkeit, dass Seine Heiligkeit der Dalai Lama sich mit den chinesischen Führern trifft. Er ist nun mittlerweile 92 Jahre alt und möchte, wie er uns sagte, gerne vor seinem Tod noch einmal dem Dalai Lama begegnen. Hat dieser Besuch bereits etwas bewirkt? Ernsthaft wird es, wenn auf diesen ersten Kontakt weitere Besuche und Treffen folgen. Wir haben mit den chinesischen Repräsentanten noch nichts Konkretes vereinbart, werden aber nun, nachdem der 16. Parteikongress der Kommunistischen Partei beendet ist, wieder Kontakt aufnehmen. Wir sind mit dem festen Eindruck aus Peking abgereist, dass die chinesische Seite an weiteren Gesprächen interessiert ist. Wieso hat China ausgerechnet jetzt Schritte zur Entspannung des sino-tibetischen Verhältnisses unternommen? Was ist die Motivation der Chinesen? Auf der einen Seite versucht China seit 50 Jahren das Tibet-Problem auf repressive Art zu lösen und hat dies in all den Jahren nicht geschafft. Auf der anderen Seite steht der Dalai Lama mit seinem Dialogangebot, mit dem er keine Trennung Tibets von der Volksrepublik China anstrebt, wenn den Tibetern eine echte Autonomie zugesprochen wird. Also eine Position, die einerseits den Tibetern das Recht gibt, ihre eigenen inneren Angelegenheiten selbst zu regeln und andererseits die «Stabilität und Einheit der Volksrepublik China» gewährleistet und stärkt. Der Dalai Lama hat die internationale Gemeinschaft um Hilfe gebeten bei der Vermittlung mit China, und viele Regierungen haben China denn auch stets zum Dialog mit dem Dalai Lama aufgefordert. Vor allem die Tatsache, dass das Tibet-Problem über all die Jahre von Vertretern der internationalen Staatengemeinschaft thematisiert wurde und wird, hat wohl zu einer Änderung der chinesischen Haltung geführt. Kann man aber bereits jetzt sagen, ob China ernsthaft bereit ist, die Tibet-Frage im Dialog zu lösen? Es ist noch zu früh, um das bereits heute abzuschätzen. Ich denke auf chinesischer Seite ist noch keine definitive Entscheidung darüber gefallen, wie das Tibet-Problem gelöst werden soll. Unser erster Besuch ist hauptsächlich von symbolischer Bedeutung. Ich glaube, dass die chinesische Regierung sich zumindest auf ein pragmatisches Vorgehen geeinigt hat: Abwarten, was Gespräche bringen. Die bisherige Politik war ja nicht erfolgreich. Für einige Unruhe unter Tibetern im Exil und bei Tibetfreunden hat der Appell von Ministerpräsident Samdhong Rinpoche gesorgt, nicht mehr gegen China zu demonstrieren. Wie ist dieser Aufruf zu verstehen? Es war uns bereits vor dem Mission in China und Tibet klar, dass wir nach einem erfolgreichen Besuch auch eine positive Geste machen sollten. So hat unser Ministerpräsident dazu aufgefordert, bis Juli 2003 alle Aktionen zu unterlassen, die einem günstigen politischen Klima, das eine Weiterführung des Kontaktes ermöglicht, abträglich sind. Im Besonderen forderte er, dass keine Demonstrationen gegen Jiang Zemin anlässlich seiner Staatsbesuche in den USA und Mexiko stattfinden sollten. Der Appell ist die logische Konsequenz eines geradlinigen politischen Handelns im Geiste des «Mittleren Weges» und ein wichtiger Beweis für unsere politische Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit. Heisst das nun, dass die Tibet-Organisationen ihre Hände in den Schoss legen sollen? Wir raten von Demonstrationen vor chinesischen Botschaften und bei Besuchen von chinesischen Politikern ab. Das heisst aber nicht, dass man nichts tun soll. Im Gegenteil: Samdhong Rinpoche bittet ausdrücklich um Zusammenarbeit und Mithilfe bei der Erarbeitung eines günstigen politischen Klimas für die Fortführung des angeknüpften Kontaktes. Es gilt, jetzt kreativ mitzudenken und Ideen zu entwickeln, welchen Beitrag man leisten kann. Offensichtlich kann man die Chinesen ermutigen, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Man kann in Briefen an die Botschaften ausdrücken, dass der Dialog weitergehen muss. Es ist auch wichtig, dass die Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit über die Situation in Tibet parallel weitergehen. Ist es aber mit Blick auf die zunehmende Repression auch in osttibetischen Klöstern nicht eine etwas naive Vorstellung, dass sich die Chinesen durch Wohlverhalten der exil-tibetischen Seite stärker für eine friedliche Lösung des Tibetproblems einsetzen werden? Wie gesagt, ist auf chinesischer Seite wohl noch kein Grundsatzentscheid gefällt worden, wie das Tibet-Problem gelöst werden soll. Wir wissen auch noch nicht, wie es nach diesem ersten Besuch weitergehen wird. Doch es gibt keine Alternative zu Verhandlungen mit China. Nur im direkten Kontakt besteht die Möglichkeit, dass sich etwas zum Guten entwickelt. Wir müssen den Chinesen vermitteln, dass nur die Gewährung von Autonomie zur Stabilität von China und Tibet beiträgt und somit für beide Seiten von Vorteil ist. Wir müssen alle Chancen zur Beilegung des Jahrzehnte langen Leidens des tibetischen Volkes wahrnehmen. Die Kontaktnahme zwischen Dharamsala und Peking ist international einhellig begrüsst worden. Die grosse internationale Aufmerksamkeit, die dieser Entwicklung geschenkt wurde, hat den hohen Stellenwert des Tibet-Problems verdeutlicht. Wie sich der direkte Kontakt entwickeln wird, hängt entscheidend davon ab, wie stark und beständig die internationale Gemeinschaft die chinesische Regierung ermutigt und drängt, ernsthafte Verhandlungen über eine einvernehmliche Lösung des Tibet-Problems aufzunehmen. Hat die Exil-Regierung konkrete Vorstellungen für eine Autonomie-Regelung, wenn die Gespräche mit China weitergehen? Wir haben verschiedene Autonomie-Regelungen studiert und uns im besonderen auch mit dem Hongkong-Modell befasst, dem Konzept «Ein Land – zwei Systeme». Mit diesem konnte China bereits Erfahrungen sammeln. Wir möchten aber unsere Vorstellungen noch nicht im Detail vorstellen, da es bis zu allfälligen Verhandlungen noch ein weiter Weg ist. Erst nach einer Vertiefung des Kontaktes und der Schaffung eines vertraulichen Klimas können wir gemeinsame Lösungen für Probleme finden. Am Ende des Prozesses muss das Volk über die ausgearbeitete Lösung entscheiden. Besten Dank und viel Erfolg bei Ihren weiteren Verhandlungen mit China. Antworten: 1 Kommentar Ich begrüsse ebenso, dass direkte Gespräche geführt werden. Es muss alles unternommen werden, um dem Volk zurückzugeben, was ihm gehört, nämlich sein Land, und dies möglichst bald, bevor alles von Chinesen so verändert wurde, dass das Tibetische darin nicht mehr wieder zu erkennen ist. Gewalt bringt nie eine Lösung (siehe Amerika zur Zeit), nur Gespräche können eine Lösung herbei führen. Aufgegeben von Christian Wüthrich @ 29.12.2002 03:01 PM MEZ
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