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21.12.2003 -
"Die Krise des Tibet Information Network ist überwunden"
Das Tibet Information Network (TIN) ist die einzige wirklich unabhängige Nachrichten- und Informationsdienst über Tibet. Die Meldungen von TIN, das in London domiziliert ist, werden von den Medien weltweit übernommen. Ende letztes Jahr geriet TIN in eine finanzielle Schieflage, die zur Schliessung von von TIN hätte führen können. Verschiedene Organisationen vor allem in Deutschland und der Schweiz, darunter auch die GSTF und der VTJE leisteten Überbrückungshilfe. Die Hintergründe der Krise und die neue Strategie, welche TIN auf eine solide Grundlage stellen soll, werden im folgenden Beitrag geschildert:
Das Tibet Information Network wurde 1987 von Robert Barnett und Nicholas Howen gegründet. Seither ist und bleibt es die einzige Institution, die völlig unabhängig und neutral über die Situation in Tibet berichtet (siehe auch Interview mit dem Direktor Thierry Dodin in Tibet Aktuell Nr. 76). Seit 1996 ist TIN als nicht profitorientierte Gesellschaft in Grossbritannien registriert. Dank einer grosszügigen Spende eines Gönners von 500'000 Pfund jährlich befand sich die Organisation in einer bequemen finanziellen Lage. Als der Gönner nach wenigen Jahren wie vereinbart nur noch die Hälfte, nämlich 250'000 Pfund, an TIN überwies, mussten sich die Verantwortlichen auf die Suche nach Spendern machen. Im darauffolgenden Jahr musste TIN seine Spenden selber suchen. Das Jahresbudget wurde auf 400'000 Pfund reduziert, doch auch dieser Betrag war noch zu hoch. So viel Geld aufzutreiben erwies sich als unmöglich. Die Lage spitzte sich zu, als im letzten November eine versprochene grössere Spende kurzfristig wieder gestrichen wurde und die nächsten grösseren Zahlungen erst im Frühling eintreffen sollten. Redimensionierung Unterdessen ist die finanzielle Lücke, vor allem auch dank Spenden aus Deutschland und der Schweiz, geschlossen, und das Fortbestehen des Tibet Information Network gesichert. Auch die GSTF hat 5000 Franken an TIN überwiesen. Damit sich das finanzielle Desaster nicht wiederholt, sind grössere Umstrukturierungen geplant oder bereits in die Wege geleitet worden. Viele Mitarbeitenden mussten entlassen werden (natürlich mit dem entsprechenden Sozialplan, der die Forderungen des britischen Gesetzgebers übertraf) und arbeiten jetzt zum Teil auf freiberuflicher Basis mit TIN zusammen. TIN wird auch weiterhin genau, schnell und zuverlässig Informationen und Situationsanalysen verbreiten, politisch unabhängig bleiben und darauf achten, nicht von anderen Organisationen finanziell oder in Bezug auf Informationsbeschaffung abhängig zu werden. Der Standard, der TIN auszeichnet, soll unbedingt beibehalten werden. Auch möchte TIN seine Aktivitäten auf keinen Fall reduzieren. Thierry Dodin, der Direktor, ist aber überzeugt, dass bisher zu teuer und zu wenig effizient gearbeitet wurde, und dass der qualitativ und quantitativ gleiche Output mit weniger finanziellem Aufwand produziert werden kann. In Zukunft will TIN kostensparender und effizienter arbeiten. Dazu werden die Tätigkeiten in so genannte Kernaufgaben sowie andere Aktivitäten unterteilt. Diese Aufteilung erlaubt es für die anderen Aktivitäten, gezielter auf Spendensuche zu gehen. Das Büro selbst wird natürlich für die Administration zuständig sein, die ebenfalls rationalisiert werden soll, indem sie von weniger Mitarbeitenden, dafür mit besserer Software (beispielsweise für Abonnentenbetreuung und Buchhaltung) bewältigt werden soll. Auch News Updates, die kein Spezialwissen verlangen, werden weiterhin vom Büro produziert, ausserdem ist das TIN-Personal mit der Betreuung des Archivs, Internetrecherchen, Feldforschung, Interviews und der Auswertung chinesischer Quellen betraut. Andere Tätigkeiten werden ausgelagert, dafür wird der Koordinationsaufwand steigen. Für diese Grundtätigkeiten braucht man deutlich weniger Personal, und dafür wird auch ein Budget von 200'000 bis 250'000 Pfund reichen. Dieses Geld kann erfahrungsgemäss ohne grosse Probleme gesammelt werden, wodurch auch weniger Zeit und Energie für das Fundraising aufgewendet werden muss und Kapazität für andere Aufgaben frei wird. Günstigere dezentrale Arbeit Während das TIN-Team das Kerngeschäft betreut, soll ein Pool von externen Mitarbeitenden auf Vertragsbasis spezielle Newsupdates und die vier Berichte pro Jahr produzieren, die TIN nach wie vor herausgeben wird. Für jedes Thema können die geeignetsten Autorinnen oder Autoren gesucht werden, die ihrerseits nicht mehr von TIN finanziell abhängig sein werden. In gewissen Situationen werden auch Experten zu einem Thema ihr Wissen weitergeben können, die nicht unter ihrem eigenen Namen publizieren können oder wollen. Ferner werden auch Freiwillige mitwirken. Dank eines Kommunikationssystems, das eine Verschlüsselung erlaubt, kann die Arbeit dezentralisiert werden: Texte können irgendwo auf der Welt geschrieben und an TIN übermittelt werden. In der Zentrale in London – ein besonders teures Pflaster – werden nur noch zwei oder drei Angestellte arbeiten. Durch die Nutzbarmachung externer Ressourcen wird die Arbeit des Tibet Information Network einerseits kostengünstiger, andererseits flexibler. Man ist nun nicht mehr darauf angewiesen, die Erstellung der Berichte zeitlich zu koordinieren, da verschiedene Autorinnen und Autoren damit beschäftigt sind. Ausserdem wird ein Auftrag erst dann erteilt, wenn die Finanzierung gesichert ist. Die Dezentralisierung wird erlauben, billiger zur produzieren. So können beispielsweise Schreibarbeiten in Indien oder Nepal erledigt und Bücher ausserhalb von England gedruckt werden. Dadurch kann auch Geld auf ausländischen Konten – zunächst soll wenigstens eines im EU-Raum eröffnet werden – ohne grosse Verluste durch Bankspesen direkt verwendet werden. Projektorientierte Spenden Durch das «Outsourcing» von Aufgaben, das angesichts der finanziellen Lage zwingend geworden ist, wird auch das Fundraising einfacher, da Geld projektorientiert gesammelt werden kann. Interessierte können nun Geld gezielt für die Aufarbeitung des Themas spenden, das sie als besonders wichtig erachten; sie können sich sogar im Endprodukt als Sponsoren aufführen lassen. Bei kleineren Spenden ist dadurch der Zweck klar erkennbar, und sie verschwinden weniger in einem grossen Jahresbudget. Spenden werden nach wie vor aus drei verschiedenen Arten von Quellen kommen: Einerseits gibt es grosse Organisationen wie die Swedish International Development Agency SIDA, die regelmässig grosse Beiträge überweisen, allerdings eine aufwändige Dokumentation verlangen und häufig genaue Auflagen haben, wie zum Beispiel, dass ein gewisser Prozentsatz des Geldes ausserhalb der Industrieländer ausgegeben werden muss. Stiftungen wie die deutsche Heinrich-Böll-Stiftung oder in der Vergangenheit die Schweizer Tibethilfe und grosse private Spender aus dem Showgeschäft, der Finanzwelt oder der Industrie sind flexibler und können auf Anfragen schneller reagieren, aber ihre Spenden sind weniger regelmässig und oft abhängig von persönlichen Interessen. Kleine Spenden sind ebenfalls wichtig, da private Geber sehr schnell reagieren und besonders in Krisenzeiten, wie sie TIN diesen Winter erlebt hat, ganz wesentlich dazu beitragen, dass die Aktivitäten weitergeführt werden können. Auch sind Spenden von Privaten ein Zeichen dafür, dass die Arbeit von TIN geschätzt wird. Es ist geplant, dass die Spendenaufrufe jedes Jahr weitergeführt werden. Es wird möglich sein, für einzelne Projekte zu spenden, wie zum Beispiel für das geplante Buch über den Tourismus in Tibet oder den jährlichen Band mit der Sammlung der wichtigsten Neuigkeiten (News Review). Im Moment wird mit den Publikationsformaten experimentiert. Thierry Dodin erwägt die Möglichkeit, verschiedene Arten von Abonnementen einzuführen und grösseren Abnehmern wie zum Beispiel grossen Rundfunkanstalten oder Supportgruppen Spezialdienste (wie häufigere News Updates) gegen Entgelt anzubieten. Wohl einmalig ist das Archiv des Tibet Information Network, das aufgearbeitet und leichter zugänglich gemacht werden soll, vielleicht auch über Internet. Dabei werden natürlich nur diejenigen Informationen zugänglich gemacht, die nicht vertraulich sind. TIN legt grossen Wert auf auf den Schutz seiner Informanten sicher, die, würden sie entdeckt, in Tibet grosse Probleme bekämen. Die Weitergabe vieler, auch alltäglicher, öffentlich zugänglicher Informationen würde aus chinesischer Sicht dem Tatbestand des Verrates von Staatsgeheimnissen entsprechen. Unterdessen gibt es verschiedene Organisationen, die über Tibet informieren, wie das Tibetan Centre for Human Rights and Developpment (TCHRD), Voice of Tibet, International Campaign for Tibet (ICT) und demnächst wohl auch die Vereinigung der Tibetunterstützungsgruppen. Regierungen und UNO-Organisationen wenden sich jedoch an TIN, wenn sie zuverlässige, ausführliche und detaillierte Informationen brauchen. TIN ist natürlich weiterhin zur Kooperation mit anderen Tibetorganisationen bereit, solange seine Unabhängigkeit damit nicht in Frage gestellt wird – auch wenn eine Zusammenarbeit nicht immer einfach ist. Jeder Interessierte kann die Quellen vergleichen und sich über die Qualität selber ein Bild machen. Wir jedenfalls erachten die Existenz und Arbeit von TIN nach wie vor als sehr wichtig. Dana Rudinger, Tibet aktuell
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