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21.12.2003 - "Tourismus in Tibet: tibetische Fremdenführer werden durch chinesische ersetzt"
Am 15. April wurden 100 chinesische Fremdenführer nach Tibet gesandt, um der Tourismus-Industrie Auftrieb zu geben. Zweck der Maßnahme ist nicht nur, „die schönen Berge und Flüsse des Mutterlandes anzupreisen, sondern den in- und ausländischen Touristen zu einem umfassenderen und objektiveren Verständnis Tibets in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verhelfen, und so entschieden gegen alle Aussagen und Handlungen anzugehen, welche die Tatsachen entstellen, um das Mutterland zu spalten“ (Xinhua, 8.4.03). Wie von der offiziellen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua berichtet, ist dies der erste Schwung von 100 tourist guides, die in den nächsten 10 Jahren alljährlich nach Tibet geschickt werden sollen. Die „China National Tourism Administration“ (CNTA) startete dieses Programm mit der Idee, daß die Fremdenführer während ihres Aufenthaltes in Tibet ihr Wissen und ihre Erfahrung auch anderen Kollegen weitergeben werden (Xinhua, 10.4.03). Eine offizielle Rechtfertigung für die Aufstockung der in Tibet beschäftigten chinesischen tour guides ist, daß sie fließend Chinesisch sprechen und daher chinesische Touristen besser führen können. Tibet verzeichnete 2002 über 720.00 Besucher aus Festland-China, doch auch die tibetischen tour guides, welche die chinesischen Touristengruppen betreuen, sprechen ganz gut Chinesisch. Einige der neuen tour guides verfügen über sprachliche Kenntnisse in verschiedenen europäischen und asiatischen Sprachen, doch hat es sich gezeigt, daß die meisten Touren entweder auf Englisch oder Chinesisch geführt werden. Ein weiterer im Xinhua-Bericht genannter Grund für die Maßnahme ist, daß der "Import" chinesischer tour guides wegen des derzeitigen Mangels an Fremdenführern in Tibet notwendig gewesen sei. Am 10. April habe es nur 582 tour guides in Tibet gegeben. Die Entlassung von Dutzenden von tibetischen Fremdenführern unlängst zeigt jedoch, daß die dahinter stehende Absicht eher eine politische als eine wirtschaftliche ist. Ein ehemaliger tibetischer Fremdenführer erzählte International Campaign for Tibet, das TTB [Tibet Tourism Board] habe ihnen sehr unverblümt gesagt, der Zweck des Tourismus in Tibet sei vorrangig ein politischer und der wirtschaftliche Gewinn sei zweitrangig. Das sieht man sehr deutlich bei den tour guides, denn selbst wenn einer die besten Sprachkenntnisse, ein umgängliches Wesen und ein großes Verantwortungsbewußtsein hat, aber seine politischen Ansichten nicht mit denen der Partei übereinstimmen, hat er keine Chancen als tour guide zugelassen zu werden (Tibet Information Network, 17.4.03). Im Juli und August vergangenen Jahres wurde das TTB angewiesen, die tibetischen tour guides in der Gegend von Lhasa genau unter die Lupe zu nehmen. Von allen tibetischen guides wurde verlangt, eine Bestätigung ihres Herkunftsortes vorzuweisen, daß sie nie in Indien gewesen waren. Als Ergebnis dieser Überprüfung sollen im Januar dieses Jahres über 160 tibetische tour guides entlassen worden sein. Die Probleme der Tourismus-Industrie in Tibet sind sehr kompliziert, und die Absichten der chinesischen Regierung in Bezug auf den Tourismus in Tibet, wie auch die Exiltibeter, die sie unlängst so freundlich zur Rückkehr zu bewegen suchte, werden immer zweifelhafter. Die jüngste Entlassungswelle tibetischer tour guides ist nichts als ein weiteres Beispiel für die systematische Diskriminierung der Tibeter. 1997 wurden mindestens 69 tibetische tour guides gefeuert und durch chinesische ersetzt, weil sie nicht genehmigte Reisen nach Indien unternommen hatten, und im Juli 2001 führte eine ähnliche Direktive zur Ausweisung von 29 tour guides aus Tibet. Es handelte sich ebenfalls um aus Indien zurückgekehrte Exiltibeter. Der Argwohn der chinesischen Regierung gegenüber den tourist guides, die irgendwann einmal in Indien gewesen sind, bestimmt seit Jahren die offizielle Politik. Zumindest seit 1994, als die Chinesen sich schworen, von nun an aufzupassen, daß Rückkehrer aus dem Exil „keine gemeinsame Sache mehr mit ausländischen Touristen zum Schaden der Staatssicherheit machen“, werden die guides streng überwacht. Die jüngsten Ermittlungen und die Entlassung von 100 guides bestätigen eine alarmierende Entwicklung, die dem tiefsitzenden Mißtrauen der Besatzer gegen die Exilgemeinschaft in Indien zuzuschreiben ist...): Die Anzahl arbeitsloser tibetischer tour guides oder solcher, die sich ins Exil absetzen, nimmt nach einer jeden derartigen Überprüfungsaktion erheblich zu. Die offenkundige Diskriminierung aus dem Exil zurückgekehrter Tibetern wirkt befremdend angesichts der zur Rückkehr ermutigenden Politik, die im Februar 2002 konzipiert wurde, als die chinesische Maxime „alle Patrioten sind Mitglieder einer großen Familie“ auf die Tibeter ausgeweitet wurde. Wie Xinhua mitteilte, hieß China Tibeter willkommen, die zu „Besuchen, Sightseeing oder religiösen Zwecken“ in ihre Heimat zurückkehren wollten, ebenso wie Geschäftsleute, die „zur wirtschaftlichen Entwicklung und zum sozialen Fortschritt des Mutterlandes praktische Arbeit leisten“. Eine neue Regelung ermöglicht die Rückkehr von Tibetern aus dem Exil entweder für ein Jahr oder um sich ständig niederzulassen. Die Bedingung dafür war, daß Personen, die früher politisch aktiv waren, ihren Standpunkt zur tibetischen Unabhängigkeit neu definieren, sich entschieden von allen „spalterischen Aktivitäten“ distanzieren müßten und sich in einer Weise, die „dem Mutterland dienlich ist“, zu benehmen hätten. Falls sie dies beherzigen, würden ihnen keine Fragen mehr über etwaige politische Aktivitäten vor 2000 gestellt werden. Menschenrechtsorganisationen verzeichnen hingegen weiterhin zahlreiche Fälle von willkürlichen Festnahmen, Entlassungen und Ausweisungen von Tibetern, die Indien besucht haben. Einige der Entlassungen könnten auch mit einem Vorbehalt bei dem Rückkehr-Schema in Zusammenhang gebracht werden. Die meisten tibetischen tour guides stammen aus Lhasa, und Tibetern, die aus dem Exil zurückkehrten, wurde absichtlich nur die Bewilligung zur Rückkehr in ihren Herkunftsort ausgestellt, um eine Überflutung der Städte zu vermeiden. Nur Personen, die ursprünglich aus Lhasa stammten, konnten sich dort wieder ansiedeln, und auch dann war die Bedingung zur Einreise, daß sie ein Einladungsschreiben der Stadt Lhasa vorlegten und eine genaue Adresse nannten, wo sie wohnen würden. Es bleibt daher unverständlich, warum in einer Region, in der ein offiziell bestätigter Mangel an Fremdenführern herrscht und wo eine Politik verfolgt wird, daß Personen, die früher in Indien waren, unbehelligt gelassen werden, nun wieder tibetische guides entlassen und durch chinesische ersetzt werden. Die tibetischen guides haben meistens gute Fremdsprachenkenntnisse, sind in tibetischer Sprache, Kultur und Geschichte bewandert, und wenn man zudem bedenkt, daß Touristen ständig nach tibetischen guides verlangen, kann man sich die kürzlich erfolgte Entlassung der tibetischen guides nur als Resultat der Diskriminierung, des Argwohns und der Paranoia erklären, die seit Jahren Chinas Politik gegenüber den Tibetern kennzeichnen. Übersetzung: Adelheid Dönges, München, und Angelika Mensching, Hamburg
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