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21.12.2003 - "Schweizer Parlamentarierdelegation besuchte Dharamsala"

reise (13k image)


Sehr erlebnis- und aufschlussreich war die Reise einer Schweizer Parlamentarierdelegation nach Dharamsala. Begleitet von Vertretern der GSTF, des VTJE und der Tibeter Gemeinschaft Schweiz & Liechtenstein besuchten die Abgeordneten das tibetische Parlament und die tibetische Regierung im Exil sowie zahlreiche andere Institutionen.


Den ausführlichen Reisebericht finden Sie hier: reisebericht.pdf (pdf-format)
und den Artikel aus dem "Beobachter" 15/2003

Auf dem Programm stand ausserdem eine Privataudienz beim Dalai Lama, für die meisten Teilnehmer der Reise sicher der Höhepunkt des Besuchs. Die tibetischen Politiker zeigten sich beeindruckt vom Einsatz der Schweiz für Tibet; Nationalrat Mario Fehr, Präsident der Parlamentariergruppe für Tibet, sagte die weitere Unterstützung für den gewaltlosen Freiheitskampf der Tibeter zu und äusserte dabei den Gedanken, dass sich die Schweiz als Gastgeber für allfällige Verhandlungen zwischen Tibet und der VR China zur Verfügung stellen könnte.


Beobachter, Nr. 15, 2003:

Augenzeuge: «Ein Hauch von Gänsehaut»

In Indien empfing der Dalai-Lama die Parlamentarische Gruppe für Tibet zu
einer Audienz - für Nationalrat Mario Fehr ein sehr eindrückliches Erlebnis.

Keiner Fliege taten wir etwas zuleide, weder bei unserem Besuch bei der
exiltibetischen Regierung im indischen Dharamsala noch bei der Privataudienz
beim Dalai-Lama. Alle zehn Mitglieder der Delegation, darunter vier
Nationalrätinnen und Nationalräte, waren sich bewusst, dass Buddhisten jedem
Lebewesen, sei es noch so klein, den grössten Respekt entgegenbringen. Dies
entspricht grundsätzlich auch meiner Haltung. Als aber beim Diner mit dem
tibetischen Regierungschef Samdhong Rimpoche unter meiner Serviette eine
tote Mücke zum Vorschein kam und später eine weitere in meiner Kaffeetasse
landete, war das auch für die Gastgeber nicht der Rede wert. Das gehört in
ihrer Religion ebenfalls zum Kreislauf der Natur.

Keine Rituale und Rollenspiele
In der Gestalt des Dalai-Lama verehren die Tibeterinnen und Tibeter die
Reinkarnation eines Bodhisattva, eines erleuchteten Wesens. Ich persönlich
masse mir als Christ kein Urteil über den Glauben an die Wiedergeburt an.
Diese Frage bleibt für mich auch nach der persönlichen Begegnung mit dem
geistigen und politischen Oberhaupt Tibets offen.

Zugegeben, in dem Augenblick, als der 68-Jährige den schlichten Raum betrat,
in dem wir mit dem Privatsekretär auf ihn warteten, ergriff mich ein schwer
zu beschreibendes Gefühl. Am ehesten war es vergleichbar mit einem Hauch von
Gänsehaut. Als Politiker hat mich jedenfalls noch nie eine Begegnung mit
einem Menschen so beeindruckt und berührt. Der Dalai-Lama hat eine überaus
warme, herzliche, offene, humorvolle und auch sehr liebenswürdige
Ausstrahlung.

Die Toleranz der Tibeterinnen und Tibeter gegenüber Fremden lernte ich schon
1988 bei meinem einmonatigen Aufenthalt in diesem wunderschönen Land
schätzen. Zudem sind ihre Verhaltensregeln nicht kompliziert. Wir mussten
vor der Reise keine Rituale oder Rollenspiele einstudieren. Hingegen ist die
Tradition Geschenke auszutauschen wie im ganzen asiatischen Kulturraum auch
bei Tibeterinnen und Tibetern tief verwurzelt.

Bei den Gaben für den Dalai-Lama liessen wir uns etwas Besonderes einfallen:
Wir überreichten ihm einen Videofilm über die Schweiz, einen vergoldeten
Kugelschreiber und als Überraschung eine Bündner Nusstorte. Mit den Bündner
Bergen fühlt er sich nämlich seit einem längeren Kuraufenthalt verbunden.
Der Tessiner Nationalrat Fabio Pedrina offerierte ihm noch ein Spezialgebäck
aus seinem Heimatkanton.

Zusätzlich deckten uns die Parlamentsdienste im Bundeshaus mit
Kugelschreibern für die verschiedenen Begegnungen ein, und als Mitbringsel
hatten wir immer einige Packungen «Toblerone» parat. Auch für Einladungen
und Empfänge waren wir gerüstet: Die traditionellen Katas füllten einen
ganzen Rucksack. Die Kata sieht einem Schal ähnlich und wird als
Glücksschleife zwischen Gastgebern und Geladenen ausgetauscht. Für den
Dalai-Lama hatten wir ein besonders fein verarbeitetes Stück gefunden, und
auch er überreichte jedem von uns ein Exemplar, das wir gleich um den Hals
legten. Zu diesem Geschenk werde ich grosse Sorge tragen.

Als wir am Wohnsitz des Dalai-Lama auf «Your Holyness» warteten - so wird
das Oberhaupt Tibets angesprochen -, spürte ich Freude und Anspannung
zugleich. Auch der Privatsekretär wirkte etwas nervös, als er uns kurz ins
Protokoll einführte. Doch der Dalai-Lama schien nicht viel von Etikette zu
halten. Er überging die offizielle Begrüssungsansprache und setzte sich
gleich an den Tisch.

Seine Heiligkeit bot mir den Platz neben ihm an und erkundigte sich nach
unseren Eindrücken und Anregungen. So durchbrach er spontan alle Schranken
und schaffte in Sekundenschnelle eine offene, freundschaftliche und lockere
Atmosphäre. Die drei Tibeter aus der Schweiz, die unsere Gruppe begleiteten,
waren sichtlich gerührt, als er sie erkannt hatte. Beim abschliessenden
Fototermin gab sich der Dalai-Lama gelöst und hielt Nationalrätin Maya Graf
und mich an der Hand. Dadurch gewann das Treffen zusätzlich an Herzlichkeit.

Politische Fragen diskutiert
Zweifelsohne war die Privataudienz das eindrücklichste Erlebnis dieser
Reise. Aber die Parlamentarische Gruppe für Tibet, die ich präsidiere, ist
ja nicht nur nach Dharamsala gereist - notabene auf eigene Kosten -, um den
Dalai-Lama zu treffen. Vielmehr wurden wir vom tibetischen Exilparlament
eingeladen, um mit ihm und der Regierung die Beziehungen zu vertiefen, vor
Ort verschiedene Non-Profit-Organisationen besser kennen zu lernen und
generell politische Fragen zu diskutieren. Es war ein Gegenbesuch auf unsere
Einladung vor drei Jahren, als eine tibetische Parlamentsdelegation in die
Schweiz kam. Wir erfuhren erst bei den Reisevorbereitungen, dass der
Dalai-Lama während dieser Zeit auch in Dharamsala weile und uns empfangen
werde. Die Einladung betrachte ich auch als Wertschätzung und Anerkennung
dafür, dass ich mich im Parlament immer wieder für die Rechte des
tibetischen Volkes einsetze.

Nicht zur Kultfigur stilisiert
Die Beziehungen zu Tibeterinnen und Tibetern haben mein Leben verändert.
Nachdem ich das Land vor 15 Jahren zum ersten Mal besucht hatte, wurde ich
Mitglied der Gesellschaft für Schweizerisch-Tibetische Freundschaft und
tauchte mehr und mehr in die fremde Kultur ein. Mittlerweile vergeht kaum
ein Tag ohne Kontakte zu tibetischen Freunden und Freundinnen. Dabei werde
ich immer auch mit meiner eigenen Religion konfrontiert.

Tibet ist mir ein echtes Herzensanliegen. Meine eigenen Sorgen und Probleme
relativieren sich oft, wenn ich mir vor Augen führe, mit welcher
Friedfertigkeit und Heiterkeit der Seele das tibetische Volk sein Schicksal
trägt und mit welcher Gelassenheit die Menschen mit ihren Leidensgeschichten
umgehen. Ich habe noch nie ein Idol verehrt. Das entspricht nicht meinen
Wertmassstäben. Auch den Dalai-Lama stilisiere ich nicht zur Kultfigur hoch.
Ich empfinde aber für ihn eine grosse Hochachtung. Er hat mein politisches
Denken massgeblich mitgeprägt.

 

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