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21.12.2003 - "Interview mit Kelsang Gyaltsen zum 2. Besuch der tibetischen Delegation in China und Tibet"

Tibet-Aktuell, Nr. 80, August 2003: «Ein erster Schritt auf einem langen und beschwerlichen Weg»

Kelsang Gyaltsen, der in der Schweiz wohnhafte EU-Beauftragte des Dalai Lama, besuchte zusammen mit dem Beauftragten des Dalai Lama in Washington, Lodi Gyari, Ende Mai zum zweiten Mal seit September 2002 China und Tibet. Der Besuch führte zu keinen spektakulären Resultaten; es geht immer noch um den Aufbau von Beziehungen, Verständnis und eines Vertrauensverhältnisses. Kelsang Gyaltsen nimmt im folgenden Gespräch mit Daniel Aufschläger eine Einschätzung dieses Besuches vor.

Interview mit Kelsang Gyaltsen und Erklärung von Lodi Gyari zum Besuch:

Kam der Zeitpunkt dieser Einladung für Sie überraschend, da China damals noch stark unter dem Eindruck der nicht überwundenen Sars-Krise stand? Kann man aus der Wahl dieses Zeitpunkt etwas über die Bedeutung des Besuchs ableiten?

Nein. Ich habe nach unserem ersten Besuch im September vergangenen Jahres bereits öffentlich erklärt, dass wir mit dem Eindruck zurückkommen, dass die chinesischen Führung daran interessiert zu sein scheint, diesen Kontakt fortzuführen. Sicherlich ist die Annahme jedoch nicht völlig falsch, wenn wir aufgrund des Zeitpunkts unseres zweiten Besuches darauf schliessen, wie wichtig die chinesische Regierung unsere gegenwärtige Beziehung nimmt.

Letztes Mal weilten Sie gerade vor Beginn des 16. Parteikongresses der Kommunisten, der zu Ablösungen in der chinesischen Führung führte, in China und Tibet. Konnten Sie im Gespräch mit Ihren neuen Gesprächspartner eine entspanntere Atmosphäre oder gar einen neuen offeneren Ansatz zur Lösung des Tibet-Problems erkennen?

Wir sind ermutigt von den Begegnungen und Gesprächen während unseres zweiten Besuchs. Obwohl nach dem Führungswechsel in der chinesischen Kommunistischen Partei und Regierung auch die Führung des «United Front Work Department», die für die tibetische Frage zuständige Organisation, neu besetzt worden war und daher dieses Treffen die erste Begegnung mit der neuen Führung der unmittelbar für die Tibetfrage zuständigen Stelle in der chinesischen Kommunistischen Partei bedeutete, fanden die Begegnungen und der Meinungsaustausch in gelöster und freundlicher Atmosphäre statt. Wir glauben auch einen realistischen und pragmatischeren Ansatz feststellen zu können. Beispielsweise hat der stellvertretende Leiter des United Front, Minister Zhu Weiqun, die Bemerkung gemacht, dass unsere Beziehung in der Vergangenheit viele Windungen und Wendungen genommen habe und dass auf vielen Gebieten weiterhin Differenzen bestehen.

Wenn nichts Unvorgesehenes geschieht, was insbesonders in der Politik nie ausgeschlossen werden kann, werden diese chinesischen Führungsleute für die kommenden fünf Jahre für unsere Beziehung zuständig bleiben. Wir kommen mit dem Eindruck zurück, dass wir einen guten Kontakt zu ihnen herstellen konnten.

Erkennen Sie einen Tatbeweis, dass es die Chinesen ehrlich meinen? Einerseits wurden politische Gefangene freigelassen, anderseits Tibeter wegen politischen Aktivitäten verhaftet. Wäre nicht eine konsistentere «milde» Politik in Tibet durch China ein wichtiges Signal für die Ernsthaftigkeit des Interesses von China?

In der gegenwärtigen Phase ist es äusserst wichtig, dass von beiden Seiten vertrauenbildende Massnahmen ergriffen werden, um diesen Prozess der Annäherung voran zu treiben. In diesem Zusammenhang ist es wichtig festzuhalten, dass unsere chinesischen Gesprächspartner ausdrücklich anerkennen, dass sich die tibetische Führung in Dharamsala seit unserem ersten Besuch positiv verhalten und damit die Fortführung dieses Kontaktes begünstigt hat. Wir haben nachdrücklich darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, dass beide Seiten weitere Massnahmen ergreifen, um gegenseitiges Vertrauen und ein günstiges Umfeld für eine Vertiefung dieses Prozesses zu schaffen.

Wie verlief die zweite Reise im Vergleich mit der ersten?

Wir wurden schon während unseres ersten Besuchs sehr aufmerksam, gastfreundlich und protokollarisch würdig betreut. Offensichtlich wurden wir auf unserem zweiten Besuch protokollarisch noch einen Rang höher eingestuft. Das war klar zu erkennen, wie wir beispielsweise auf verschiedenen Flughäfen in China empfangen und betreut wurden oder anhand der Polizei-Eskorte, die uns begleite.

Was bringen Besuche vor Ort, wenn doch eingeräumt werden muss gemäss Lodi Gyari, dass die Besuche zu kurz sind, um abzuschätzen, wie wirksam die tibetische Sprache, Kultur, Religion und Identät geschützt und gefördert werden?

Wie bereits schon früher erwähnt sind wir keine «Fact-finding delegation». Unsere Aufgabe ist es, einen direkten Kontakt zu der chinesischen Führung herzustellen und einen Prozess der Annäherung in Gang zu bringen, der zu ernsthaften Verhandlungen über die Tibet-Frage führt. Diese Besuche sind wichtig, um einen Eindruck von der Gesamtlage und –entwicklung in China zu bekommen. Von besonderer Wichtigkeit ist es, mit möglichst vielen Führungsmitgliedern sowohl in Peking als auch in den Provinzen und Präfekturen in Kontakt zu kommen und die Möglichkeit zu nutzen, sie über die Grundideen Seiner Heiligkeit des Dalai Lama zu informieren.

Sie haben Yunnan als Provinz mit zahlreichen Minderheiten besucht. Was wollten Ihnen die Chinesen durch die Wahl dieser Provinz mitteilen?

Der Besuch in Yunnan ist von uns vorgeschlagen worden. Man hatte uns wissen lassen, dass dieses Mal wegen der Sars-Krise ein Besuch in tibetische Gegenden in der «Autonomen Region Tibet», in Sechuan, Gansu oder Qinghai nicht möglich sei. Wir hatten Verständnis dafür. So schlugen wir vor, dass wir tibetische Gebiete in der Provinz Yunnan besuchen, da die Provinz Yunnan von der Sars-Krise verschont geblieben war. So wurde der Besuch in Gyaltang kurzfristig ins Besuchsprogramm aufgenommen.

Sie haben buddhistische Führer in China besucht. Was haben Sie besprochen? Haben sie sich zum Dalai Lama geäussert?

Die Begegnung mit buddhistischen Führern in China wurde auf unseren Wunsch arrangiert. Historisch ist Buddhismus in China weitverbreitet. Der Buddhismus ist ein starkes Verbindungsglied zwischen Tibetern und Chinesen. Es ist wichtig, zu versuchen, diese Verbindung wieder aufzunehmen und zu vertiefen. Der Buddhismus kann einen entscheidenden Beitrag zu besseren Verständigung zwischen Tibetern und Chinesen leisten.

Inwiefern wurden diesmal politische Themen angesprochen und mit welchem Fazit?

Der Austausch von Meinungen war extensiv und freimütig. Unser Gespräch in Peking mit der Führung des «United Front Work Department» dauerte etwa drei Stunden. Danach wurde das Gespräch bei einem Dinner fortgesetzt. Aber ich möchte zum jetzigen Zeitpunkt nicht in der Öffentlichkeit über Einzelheiten unseres Gespräches sprechen.

Haben Sie den Eindruck, dass auf chinesischer Seite ein Grundsatzentscheid gefällt worden ist, wie das Tibet-Problem gelöst werden soll?

Ich weiss nicht, wohin dieser Prozess führen wird. Es ist noch zu früh, um eine definitive Schlussfolgerung zu ziehen. Ich sagen kann, dass wir die gegenwärtige Entwicklung unseres Kontaktes positiv beurteilen und zuversichtlich sind, dass dieser Prozess fortgeführt werden wird.

Wie geht es weiter? Gibt es eine «Road Map» für Tibet? Haben die Chinesen zu erkennen gegeben, was verhandelbar ist und was nicht?

Es existiert für die Tibet-Frage noch keine «Road Map». Wir dürfen uns keiner Illusion hingeben. Der Weg zu ernsthaften Verhandlungen und zu einer einvernehmlichen Lösung des Tibet-Problems wird lang und schwierig sein. Aber man kann wohl sagen, dass ein erster Schritt auf diesem langen und beschwerlichen Weg mit der Anknüpfung eines direkten Kontaktes getan wurde. Diese Entwicklung muss uns Tibeter und unsere Freunde in der ganzen Welt anspornen und ermutigen, unser Engagement für eine friedliche und einvernehmliche Lösung der Tibet-Frage zu verdoppeln und den eingeschlagenen Kurs der Gewaltlosigkeit, Versöhnung und Dialogbereitschaft Seiner Heiligkeit des Dalai Lama fortzusetzen. Denn die heutige hoffnungsvolle Entwicklung ist die Frucht eines friedlichen aber beharrlichen Engagement von Tibetern in Tibet als auch im Exil sowie von Tausenden Menschen in aller Welt. Nicht Diplomaten oder Regierungen oder Wirtschaftskonzerne haben letztendlich diese Entwicklung herbeigeführt, sondern einfache Menschen mit Herz, Gewissen, Mut und Engagement in vielen Teilen unserer Welt. Dies belegt einmal mehr, dass das Engagement eines jeden Einzelnen zählt und ausschlaggebend sein kann.

Besten Dank und viel Erfolg bei Ihren weiteren Verhandlungen mit China.
Erklärung des Sonderbotschafters Lodi Gyari zum Besuch
Als Ergebnis der Bemühungen Seiner Heiligkeit des Dalai Lama war es uns im September 2002 möglich, wieder einen direkten Kontakt mit der chinesischen Führung herzustellen. Den Prozess setzten wir, mein Kollege Kelsang Gyaltsen und ich, in Begleitung von zwei Mitgliedern der Arbeitsgruppe, Sonam M. Dagpo und Bhuchung K. Tsering, mit unserem Besuch Chinas vom 25. Mai bis 8. Juni 2003 fort. Dieser Besuch erfolgte nach dem Wechsel sowohl in der Führung der Chinesischen Kommunistischen Partei als auch der chinesischen Regierung und gab uns die Möglichkeit, umfassend mit der neuen chinesischen Führung und den für Tibet Verantwortlichen in Kontakt zu treten.

Zusätzlich zu dem Hauptzweck, den im September 2002 begonnenen Prozess, mit der für Tibet verantwortlichen chinesischen Führung zusammenzutreffen, weiterzuführen, hatten wir drei besondere Anliegen bei diesem Besuch:
1. unser allgemeines Verständnis der Situation in China durch Besuche in verschiedenen Gebieten und Treffen mit Offiziellen zu erweitern,
2. chinesische buddhistische Führer zu treffen und heilige buddhistische Orte zu besuchen sowie
3. tibetische Gebiete zu besuchen und tibetische Offizielle zu treffen.In Beijing trafen wir Ms. Liu Yandong, Vorsitzende der United Front Work Department der Kommunistischen Partei Chinas, Mr. Zhu Weiqun, stellvertretenden Vorsitzenden, Mr. Chang Rongjung, Stellvertretenden Generalsekretär, und andere hohe Vertreter Chinas. Wir waren beeindruckt von
der Aufmerksamkeit und Offenheit der chinesischen Gesprächspartner bei unserem Treffen. Beide Seiten waren sich einig, dass es in unserer bisherigen Beziehung viele Unstimmigkeiten gab und dass nach wie vor in vielen Bereichen unterschiedliche Auffassungen existieren. Man teilte die Ansicht, dass es verstärkt bemüht werden muss, die existierenden Probleme zu lösen und gegenseitiges Verstehen und Vertrauen zu schaffen.

Wir fühlten uns bei dieser ersten Begegnung sehr ermutigt und tauschten unsere Ansichten mit unseren chinesischen Partnern aus. Diese erkannten explizit die positiven Bemühungen der tibetischen Führung an, ein förderliches Umfeld für die Fortsetzung des gegenwärtigen Prozesses zu schaffen, und wir schlugen vor, dass beide Seiten weitere Schritte unternehmen.

Der zweite Besuch gab uns die Möglichkeit, Gebiete der Provinzen Jiangsu, Zhejiang und Yunnan zu besuchen. Wir waren sehr beeindruckt von den wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen in den von uns besuchten Gebieten.

Ein großer Moment unserer Reise war der kurze Besuch von Gyalthang, einschließlich des Klosters Gaden Sumtsenling (gegründet vom Großen Fünften Dalai Lama), heute die Autonome Tibetische Präfektur Dechen in der Provinz Yunnan. In Yunnan war uns eine Interaktion mit tibetischen Vertretern sowohl
der Provinz- als auch der Präfekturebene möglich. Wir waren sowohl von den Bemühungen, die schöne Umgebung von Gyalthang zu schützen, beeindruckt als auch von den Lebensbedingungen einiger Familien, die wir besuchten. Dennoch betonten wir gegenüber den offiziellen Vertretern, wie wichtig der Erhalt der tibetischen religiösen, kulturellen und sprachlichen Identität neben dem materiellen Fortschritt ist. Unser Besuch war zu kurz, um zutreffend beurteilen zu können, wie effektiv die tibetische Sprache, Kultur, Religion und Identität in dieser Region Tibets erhalten, geschützt und gefördert werden.

Wir waren sehr erfreut, in Yunnan einige Gebiete der ethnischen Minderheiten, die zu den Yi, Naxi (Jang) und Bai gehören, zu besuchen. Diese Volksgruppen haben enge historische, kulturelle und religiöse Bindungen zu den Tibetern. Es war uns eine große Freude, verschiedene Vertreter dieser Völker zu treffen und mit ihnen Freundschaft zu schließen.

Auf unserer Reise war es uns möglich, Vertreter unterschiedlicher Verwaltungsebenen der Provinzen zu treffen und unsere Ansichten in freundlicher Atmosphäre auszutauschen. Während unseres Besuches besuchten wir den Mount Putuo (Riwo Potala) in der Provinz Zhejiang und den Mount Jizu (Riwo Jakang) in der Provinz Yunnan. Beide Orte sind sowohl für Buddhisten tibetischer als auch chinesischer Tradition heilig, und es war uns eine große Ehre, sie besuchen zu können. Wir waren besonders erfreut, in Beijing
Meister Yicheng, den Präsidenten, und Meister Sheng Hui, den amtierenden Vizepräsidenten der Buddhistischen Vereinigung Chinas zu treffen. Die Treffen mit verschiedenen zivilen und religiösen Führern gab uns die Gelegenheit, mit diesen einige Gedanken Seiner Heiligkeit des Dalai Lama
auszutauschen.

Heute informierten wir Seine Heiligkeit den Dalai Lama über unseren Besuch. Seine Heiligkeit ist insbesondere erfreut, dass die chinesische Führung unsere kürzlichen direkten Kontakte positiv betrachtet. Er ist von dieser Entwicklung ermutigt und wiederholte erneut, wie wichtig es für uns sei,
nachhaltige Anstrengungen zu unternehmen, diese Entwicklung fortzusetzen. Es ist unsere Aufgabe, diesen Prozeß zu ernsthaften Verhandlungen weiterzuentwickeln, um eine für beide Seiten akzeptable Lösung für das tibetische Volk zu finden.

Prof. Samdhong Rinpoche, der Vorsitzende des Kashag (Tibetisches Kabinett), der unsere Mission mit konstantem, fundiertem Rat unterstützte, erklärte seine Entschlossenheit, den gegenwärtigen Kurs zur Schaffung einer förderlichen Atmosphäre zur Fortführung dieses Prozesses der Wiederannäherung fortzusetzen.

Gastgeber unseres Besuches war das United Front Work Department der Chinesischen Kommunistischen Partei. Viele andere Organisationen, einschließlich der Regierungen von Shanghai, Jiangsu, Zhejiang und Yunnan und ihrer autonomen Präfekturen, Städte und Gemeinden, waren an der Organisation unseres Besuches beteiligt. Wir möchten den Vertretern der verschiedenen Verwaltungs- und Regierungsebenen unsere aufrichtige Anerkennung für ihre Gastfreundschaft und Unterstützung aussprechen.

Dharamsala, 11. Juni 2003

Antworten: 2 Kommentare

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Aufgegeben von roulette @ 22.03.2005 10:51 PM MEZ


Der einzig richtige Weg für Tibet und die Rettung dieser einzigartigen Kultur ist die sanfte, gewaltlose Annäherung und der Dialog mit der chinesischen Verwaltung, so wie er von den Herren Gyaltsen und Gyari geschildert wird.
Es ist ein langer Weg, wo auch Rückschläge in Kauf genommen werden müssen, aber die Geschichte zeigt, dass Generationen und Systeme einem konstanten Wandel unterliegen, diese Tatsache führt definitiv zur Wiedererlangung von Freiheit und Selbstbestimmung des tibetischen Volkes. Die Kraft welche von dieser Kultur ausgeht ist stärker als jedes dialektische System.

Aufgegeben von Hansjörg Suter @ 21.07.2003 11:39 PM MEZ


 

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