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21.12.2003 - "Strassenbau am Kailash zum Zweiten: Hoffen auf Indiens Einflussnahme"

Von Klemens Ludwig
... Die Gegner des Projekts hoffen vor allem auf Unterstützung durch Indien, das eine so eklatante Verletzung der religiösen Gefühle seiner 800 Mio. Hindus nicht hinnehmen werde. Die Hoffnung ist nicht ganz unbegründet, denn als vor zwei Jahren erstmals eine spanische Bergsteigergruppe den noch jungfräulichen Gipfel erklimmen wollte, widerriefen die chinesischen Behörden die Erlaubnis nach diskreter indischer Intervention...
Der ganze Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung:

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.10.03:
Das beste Fahrzeug ist ein Tand

An eines heiligen Berges Rand: Die chinesische Regierung plant eine Straße um den Kailash

Von Klemens Ludwig

Nach dem Gesetz ist alles ganz einfach. Artikel 36 der chinesischen Verfassung garantiert den Bürgern Religionsfreiheit und sichert religiösen Tätigkeiten den Schutz des Staates zu. Selbst auf dieser Basis bereitet die Verfolgung der Falun Gong Bewegung den Offiziellen keine argumentativen Probleme: "Die irreführende Theorie von Falun Gong und ihre Praxis, die Tote und Schaden verursacht, zeigen, daß Falun Gong weder eine Religion noch eine Partei ist, sondern eine Sekte", heißt es in einer Erklärung der chinesischen Botschaft in Berlin. Auch das Verbot der romtreuen katholischen Kirche ist mit der Religionsfreiheit nach chinesischer Deutung vereinbar; schließlich handelt es sich dabei um eine illegale Organisation und für die echten Gläubigen gibt es die "Patriotische Gesellschaft der Chinesischen Katholiken". Sie akzeptiert, was die Romtreuen verweigern, nämlich ihre Bischöfe von der Regierung vorgesetzt zu bekommen.

Daß es dem Wesen von Religionsfreiheit widerspricht, wenn der Staat die Deutungshoheit darüber beansprucht, wer als religiöse Vereinigung und wer als illegale Sekte anzusehen ist, irritiert Peking keineswegs.

Dem Buddhismus einschließlich seiner tibetischen Variante spricht Peking den Status einer Religion nicht ab; von Respekt vor der buddhistischen Tradition und Praxis kann ungeachtet Artikel 36 der Verfassung jedoch keine Rede sein.

Was schon seit einigen Monaten als Gerücht in der dünnen Luft Tibets lag, ist nun offiziell in Peking bestätigt worden: Die chinesische Regierung plant den Bau einer Straße um den Berg Kailash im Westen Tibets. Ingenieure haben bereits mit Vermessungsarbeiten begonnen; die Bauarbeiten sollen im kommenden April aufgenommen und in zwei Jahre abgeschlossen werden. Der Verlauf der Straße orientiert sich an dem bereits existierenden Pilgerweg, der sog. Kora, der sich über 56 km um den Kailash herumzieht. Offenkundig fanden sich die chinesischen Behörden erst durch die Berichte westlicher Touristen genötigt, in die Offensive zu gehen. Zuvor hatten sich einheimische Bauern und Yakhirten über die Vermessungsarbeiten beschwert, sie sind jedoch unter Androhung harten Strafen gewarnt worden, nichts von den Plänen zu erzählen, vor allem nicht gegenüber Ausländern.

Zentrum des Universums

Tatsächlich handelt es sich bei dem Straßenbau um eine äußerst kontroverses Projekt. Vordergründig gibt es keine Notwendigkeit für eine solche Straße, denn der Kailash ragt aus einer unwegsamen Einöde hervor, in der weder Bodenschätze vermutet werden, noch eine nennenswerte Besiedlung oder gar Tourismus anzutreffen ist. Dagegen hat der 6.741 m hohe Berg, den die Tibeter Kang Rinpoche (Schneejuwel) nennen, eine besondere spirituelle Bedeutung. "Wer kann eine Landschaft beschreiben, welche diese Unendlichkeit atmet – wo sich blaue Seen inmitten smaragdgrünen Weidelands und von goldenen Hügeln umgeben, gegen eine ferne Kette von Schneebergen abheben, in deren Mitte sich der blendend weiße Dom des Kailash erhebt, ‚das Schneejuwel‘. Es ist zweifellos einer der erhabendsten Anblicke dieser Erde," schwärmte der deutsche Gelehrte und buddhistische Lama, Ernst Lothar Hoffmann, besser bekannt als Anagarika Govinda, als er in den dreißiger Jahren auf einer Expedition durch West-Tibet den Kailash erblickte.

Tatsächlich gleicht der Kailash einer Stupa, einem Ort für die Beisetzung von Reliquien in der buddhistischen Welt. Zudem ist jede der vier recht gleichmäßigen Seiten nach einer Himmelsrichtung ausgerichtet. Diese besondere Form sowie seine einsame, majestätische Größe im Transhimalaya machen ihn seit Menschengedenken zum Zentrum der Verehrung für die asiatischen Religionen. Die Hindus sehen in ihm den Sitz des Gottes Shivas und gemeinsam mit den Buddhisten betrachten sie ihn als sichtbares Abbild des mythischen Weltenberges Meru, als die kosmische Achse, die Himmel, Erde und Unterwelt miteinander verbindet. Die Jains, die friedlichste aller Religionen, deren Angehörige zumeist einen Mundschutz tragen, um nicht versehentlich ein Insekt zu töten, nennen den Berg Ashtapada, den Achtfüßigen, an dessen Fuß in fernen Zeiten ein großer Tempel für den ersten Tirthankara (den Religionsstifter, wörtl. "Furtbereiter") gebaut worden sein soll. Die Bönpas schließlich, die Angehörigen der vorbuddhistischen tibetischen Religion, verehren ihn als Kristallpagode, in der die Seele des Schneelandes aufgehoben ist, die Schutz und Wohlergehen der Menschen garantiert.

Im Gebiet des Kailash entspringen zudem vier wichtige Flüsse, des Ganges, der Indus, der Brahmaputra, der Karnali sowie der Sutlej. Südlich davon liegt der Manasarovar-See, eine irdische Entsprechung des mythologischen Ozean Anavatapta. Der Manasarova hat eine runde Form und gilt deshalb auch als Symbol für die Sonne. Nach hinduistischer Tradition wurde er von Brahma selbst angelegt, und seine Bedeutung steht deshalb dem Ganges nichts nach. So wurde ein Teil von Mahatma Gandhis Asche in den Manasarova gestreut.

Seit Jahrtausenden wird der Kailash von Pilgern dieser Religionen zu Fuß umrundet, denn das bedeutet eine Ansammlung von unendlichen Verdiensten für zukünftige Leben, eine Begegnung mit dem eigenen Selbst, und nicht zuletzt mit einer großartigen Landschaft. Die Umrundung kann auf einem inneren und einem äußeren Pfad vollzogen werden, wobei der innere nur denjenigen vorbehalten ist, die den äußeren Weg dreizehn Mal bewältigt haben. Die Tibeter benötigen für die Kora, die bis auf eine Höhe von 5600 m ansteigt, zumeist nicht mehr als 24 Stunden. Den besonders Frommen reicht eine gewöhnliche Umrundung nicht. Sie messen den Berg komplett mit ihren Körperlänge ab. Dabei werfen sie sich nieder, berühren mit der Stirn den Boden und setzen ihren Fuß dann dorthin, wo zuvor die Stirn den Boden berührt hat. Zwei bis vier Wochen dauert diese spezielle Übung, die mehr als alles andere dokumentiert, welchen Wertmaßstäben traditionelle Tibeter noch immer verpflichtet sind. Einer Eigenart folgen auch die Bönpas, die auf ihrem Rundgang leicht zu erkennen sind. Sie pilgern nämlich nach alter Sitte als einzige gegen den Uhrzeigersinn.

Manche Hindus, deren Zahl aufgrund der Entspannung zwischen Indien und China in den letzten Jahren zugenommen hat, sind da pragmatischer. Nicht vertraut mit solchen Anstrengungen, lassen sie sich gegen Bares von Yaks, den zähen Hochlandrindern, um den Kailash tragen. Dem können die Tibeter nichts abgewinnen. "Eine solche Umrundung ist vielleicht eine spirituelle Erfahrung für den Yak, aber nicht den Menschen, der darauf reitet", witzeln sie hinter vorgehaltener Hand, machen aber dennoch gern Geschäfte mit den Gästen aus dem Süden. Nach buddhistischer Lehre erlangt derjenige unmittelbar die Erleuchtung, der es schafft, den Kailash 108 mal zu umrunden.

Fragwürdige Motivation

Einig sind sich alle Religionen darin, daß die chinesischen Straßenbauambitionen für den Kailash und die damit verbundenen spirituellen Traditionen eine Katastrophe bedeuten. "Kein Pilger wird auf die Idee kommen, den Kailash mit einem Jeep zu umrunden, denn es ist gerade der Sinn der Übung, den Berg zu Fuß zu umrunden. Durch die Straße wird die Landschaft und die Atmosphäre, die uns heilig ist, völlig zerstört", beklagt jemand, der aus gutem Grund nicht genannt werden möchte.

Was also veranlaßt Peking zu diesem Schritt, der wirtschaftlich wenig Nutzen verspricht? Als Argument wird bisweilen der Tourismus genannt. Peking hofft demnach, abenteuerlustige Chinesen aus dem Tiefland, aber auch gutsituierte Ausländer gegen entsprechende Devisen leichter zu einem Besuch des Kailash motivieren zu können. Um derartige Ambitionen umzusetzen, ist ein weiteres Projekt im Gespräch. Tibetischen Quellen zufolge erwägen die Behörden den Bau eines Flughafens in Ali, einer Stadt 250 km nordwestlich vom Kailash. Von dort aus könnte der heilige Berg in einer Tagesreise erreicht werden. Das mag reizvoll klingen, birgt indes große gesundheitliche Gefahren, da eine Akklimatisierung an die Höhe nicht gewährleistet ist. Der Tourismus ist also kein wirklich überzeugendes Argument für den Straßenbau am Kailash; zumal die vielen Chinesen, die täglich von Chengdu oder Peking nach Tibet fliegen, in den seltensten Fällen an der Landschaft und der Kultur interessiert sind. Sie kommen überwiegend, um Freunde oder Verwandte zu besuchen, die sich in den größeren Städten niedergelassen haben.

Ganz andere Motive vermutet deshalb die Tibet Initiative Deutschland (TID). "Die Chinesen wollen den Tibetern damit den letzten Rest ihrer kulturellen Identität nehmen, denn die Erschließung des Kailash verletzt das religiöse Empfinden der Bevölkerung ähnlich wie die Zerstörung der Klöster in den sechziger Jahren.", sagt deren zweite Vorsitzende Inge Reuter.

Eine solche Sicht erscheint nicht ganz abwegig, denn noch immer ist der Buddhismus die wichtigste Quelle des Widerstands gegen die chinesische Assimilierungspolitik. Selbst in der Hauptstadt Lhasa pilgern Junge und Alte entlang der alten Wege unbeeindruckt von den äußeren Veränderungen, die sich gerade dort durch intensiven Straßen- und Wohnungsbau vollzogen haben. Diesem "Widerstand des Geistes" kommen die Chinesen viel schwerer bei als Demonstrationen und Kundgebungen, die mit offener Gewalt unterdrückt werden. Gut möglich, daß Peking die Wurzel des Glaubens, die heiligste Stätte des tibetischen Buddhismus, entweihen will, auch wenn damit einmal mehr demonstriert wird, was die in der Verfassung garantierte Religionsfreiheit wert ist.

Die Gegner des Projekts hoffen vor allem auf Unterstützung durch Indien, das eine so eklatante Verletzung der religiösen Gefühle seiner 800 Mio. Hindus nicht hinnehmen werde. Die Hoffnung ist nicht ganz unbegründet, denn als vor zwei Jahren erstmals eine spanische Bergsteigergruppe den noch jungfräulichen Gipfel erklimmen wollte, widerriefen die chinesischen Behörden die Erlaubnis nach diskreter indischer Intervention.

Zudem bemühen sich die Tibet-Freunde, die Kailash-Region als Weltnaturerbe zu deklarieren, was jedwede Erschließung verbieten würde. Die zuständige UNESCO hat ihr Interesse daran bekundet, jedoch gleichzeitig deutlich gemacht, daß auch Peking dem zustimmen muß. Das könnte sich als unüberwindliches Hindernis erweisen.

Antworten: 2 Kommentare

Protest und nochmals Protest.Free Tibet - Chinesen raus, ihr habt in diesem Land nichts verloren. Muss denn alles dem Teufel geopfert werden.Diese vom komunistischen Idiotismus fehlgelenkte Gesellschaft soll endlich darüber nachdenken was Komunismus eigentlich ist. Es ist die grösste Lüge alle Zeiten und hat der Menschheit bis heute nur Schmach und Schande gebracht. Eine Strasse um den Kailash zu bauen gleicht einer Exekution der Menschenrechte. Schämt euch ihr Hirnverbrannten Komunisten Chinas.

Aufgegeben von Alfred Beetschen @ 26.11.2003 08:10 PM MEZ


ich hoffe,daß´nicht zustande kommt.
der kailash soll bleiben,wie er ist.

Aufgegeben von sabine @ 14.11.2003 09:50 PM MEZ


 

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