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21.12.2006 -
""Dach der Welt" wird zum Rummelplatz"
Der Standard, 21.9.06 Von Johnny Erling aus Peking Chinas spektakuläre Tibet-Eisenbahn hat kaum ein Vierteljahr nach ihrer Eröffnung zu einem touristischen Massenansturm auf das jahrhundertelang abgeschieden gebliebene Dach der Welt geführt. Dies hat sogar die gelenkte chinesische Presse aufgeschreckt. "Der Tourismus nach Tibet darf nicht wie einen Wirbelwind angefacht werden", warnte die China Business Times. In Lhasa gehe es nun ständig so zu, wie sonst nur in Chinas "goldenen Reisewochen", wenn alle zugleich unterwegs sind. Auch andere Zeitungen fordern einen "sanften" Tourismus für Tibet. Das Gegenteil ist der Fall. Der Andrang nach Fahrkarten gerade vor der Woche ...
...der Nationalfeiern ab 1. Oktober ist so groß, dass der Schwarzhandel blüht. Bisher wurden schon 185 Schwarzhändler, die gehortete Zugkarten teuer weiterverkauften, verhaftet. Elf Wochen nach Eröffnung der Bahn meldete am Mittwoch die Nachrichtenagentur Xinhua eine Rekordzahl von bisher 450.000 in Anspruch genommenen Hin- und Rückfahrtkarten. Zum Vergleich: Im eigentlichen Stadtzentrum von Lhasa wohnen nur rund 150.000 Menschen. Täglich kommen oder verlassen über drei Direktzüge bis zu jeweils 3000 Passagiere Tibets Hauptstadt; sie machen nur den Anfang. Ab 1. Oktober fährt ein vierter Zug jeden zweiten Tag von Schanghai nach Lhasa. Am 2. Oktober nimmt dann Südchinas Metropole Kanton den Direktverkehr nach Lhasa auf. Die Fahrzeit wird 57 Stunden betragen. "Die neue Eisenbahn hat das Hochplateau Qinghai-Tibet zum begehrtesten Reiseziel in ganz China gemacht", sagt Tibets Chefplaner für Wirtschaftsentwicklung, Jin Shixun. Im Juli stieg die Gesamtzahl der mit Bahn, Flugzeug oder über Straßen angereisten in- und ausländischen Touristen um die Hälfte, im August um 58 Prozent über die der Vorjahresmonate an. Naturschützer warnen vor den Folgen des "Massengetrampels" für die empfindliche Ökologie des Hochlands. Die Auswirkungen auf die Stadt der Pilger sind nicht zu übersehen. Einkaufspassagen und Fußgängerzonen machen Lhasa zum geschäftigen Rummelplatz. Die Wartezeiten vor den Kartenvorverkaufsstellen des Potalapalasts (im Bild) (einst Sitz des Dalai Lama), in den pro Tag nur 2300 Besucher Einlass finden, werden länger. Lhasas 200 Billighotels sind nahezu ausgebucht; auch die Auslastung der teureren Hotels erreicht seit Juli Spitzenwerte von mehr als 83 Prozent. Das Eiltempo, mit dem die Bahn den Anschluss Tibets an Chinas moderne Zivilisation über den Tourismus bewirkt, zerstört anfängliche Hoffnungen, der Zug werde sich für die meisten Tibeter wirtschaftlich eher als Segen denn als Fluch auswirken. Reporter des Wirtschaftsmagazins IT-Ceocio untersuchten die Geschäftschancen tibetischer Firmen. Die Auswirkungen der Bahn treffe sie wie ein "Erdbeben", schrieben sie, Tibetern bleibe keine Zeit, sich vorzubereiten und anzupassen. Chinas Führung lässt Tibet über die Bahn ins Zentralreich einbinden und hofft, so den Einfluss des Dalai-Lama weiter zu schwächen. Sie hat grünes Licht zum Weiterbau der Bahn von Lhasa aus quer über das Dach der Mitte erteilt, zuerst nach Xigaze und dann nach Nepal. Zum Nationalfeiertag am 1. Oktober wird nun in Peking die Tibet-Bahn auf dem Tian-anmen-Platz gefeiert. Derzeit entsteht dort ein riesiges Modell des Potalapalasts mit schneebedecktem Himalaja und der Bahn nach Tibet. Schon während der Aufbauten lassen sich Touristen vor dem Denkmal fotografieren. Überall hört man sie sagen: "Mit der Tibet-Bahn fahren wir bald auch einmal mit."
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