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21.12.2007 -
"Tibet Aktuell Nr. 97: "Einkehren, shoppen und glücklich sein""
Sieben Tage war Hamburg Residenz seiner Heiligkeit des 14. Dalai Lamas. Rund 45 000 Besucher haben an den Unterweisungen teilgenommen. Tibet Aktuell berichtet, was nach dem Lachen des Dalai Lamas und dem Schleier des Mitgefühls zurückbleibt... Lesen Sie die Fortsetzung des Berichtes und beginnen Sie mit uns zu diskutieren:
Die Köpfe werden in die Höhe gereckt, die Handys auf Fotomodus umgestellt und die Hände gefaltet. Auf den Gesichtern ein Lächeln, das eine freudige Erwartung ausdrückt. Die Blicke sind gespannt auf das Podium gerichtet, wo ein knapp zwei Meter hoher Thron die Bedeutung der Person hervorhebt, die unmittelbar erwartet wird. Ein Spalt im schweren Vorhang tut sich auf, konzentrierte tibetische Leibwächter treten hervor, dahinter seine Heiligkeit der 14. Dalai Lama. Er hat es aufgesetzt, sein unverkennbar mystisches Lächeln. Diese Essenz, die übrig bleibt, wenn die Dharma-Interessierten und Buddhisten aus aller Welt in ihren Alltag zurückkehren. «Die Zeit» nannte es einen «uralten Wissensrest», das sich in ihm reinkarniert hat und identifizierte «Pointen aus einem früheren Leben, welche in ihm hervorperlen» als dessen Ursache. Dieses alles entwaffnende Lachen trifft chirurgisch genau den Nerv der Anwesenden im Hamburger Tennisstadion Rothenbaum. Eine Woge der Begeisterung geht durch das Rund: Tosender Beifall, Pfiffe der Begeisterung und Tränen der Rührung. In diesem Moment lässt sich der viel bemühte Vergleich zu einem Popstar schwerlich von der Hand weisen. Eventcharakter Überhaupt manifestiert sich in den Unterweisungen seiner Heiligkeit im Ausland immer stärker ein Eventcharakter. Die Anlässe reihen sich nahtlos in spirituell durchgestylte Design- Wellness-Angebote ein. Allein die Veranstaltungsorte sind schon eine Reise wert: Zürich, Hamburg, New York oder Toronto. Orte, wo das Spirituelle mit dem Angenehmen verbunden werden kann. Schnell hinfahren, einkehren, die Stadt geniessen, etwas shoppen und sich besser fühlen. Mühsame, stundenlange Bus- und Zugsfahrten nach Dharamsala, Bodhgaya oder Mundgod gehören der Vergangenheit an. Auf die Malariatabletten kann verzichtet werden, Hygienefragen sind kein Thema und bei Fragen hilft der Help Point in der gewünschten Sprache weiter. Es ist bequem und angenehm geworden, den Dalai Lama zu erleben. Vielleicht ein Erfolgsfaktor dieser in der ganzen Welt stattfindenden Anlässe. Und sie werden immer besser, dank Know-how Austausch unter den Veranstaltern, effizienten Strukturen und professioneller Medienarbeit. Das übliche Programm Nichts desto trotz, der Erfolg gibt den Organisatoren recht: Rund 45 000 Teilnehmer nehmen während sieben Tagen teil und tauchen in uralte buddhistische Texte ein oder wollen ganz einfach nur die Aura von Tenzin Gyatso, der 14. Reinkarnation von Avalokiteshvara, des Buddhas des Mitgefühls, spüren. Das Programm sieht überall gleich aus: Ein Dialog mit Wissenschaft und Politik sowie der Public Talk geht den Unterweisungen voran. Die aktuellen neurologischen Befunde belegen die Wirksamkeit buddhistischer Praxis. Der Dalai Lama hebt die Reformbereitschaft der buddhistischen Lehre hervor und identifiziert die Übung des menschlichen Geistes als Königsweg zum persönlichen und kollektiven Glück. Der Public Talk bietet leicht verdauliche Weis- und Wahrheiten für jedermann und ein hervorragend gelaunter Dalai Lama zeigt einmal mehr seine ungebrochene Anziehungskraft, indem er das buntgemischte Kollektiv magistral in seinen Bann zieht. Derweil berichtet die nationale Presselandschaft ausführlich und meist wohlwollend über den Anlass, versucht das Massenphänomen Dalai Lama zu erklären, bringt ihrer Leserschaft den Buddhismus und Tibet näher und sucht angestrengt nach Schattenseiten des tibetischen Herrschers. Schliesslich bietet das Rahmenprogramm Ablenkung von der harten buddhistischen Kost in Form eines Benefiz Jazz Konzerts, tibetischer Folkloreabende oder einer Podiumsdiskussion zu Chancen und Gefahren europäischer Chinapolitik. Tibet Politik in der Sackgasse Was bleibt also von Hamburg, ausser diesem verzaubernden Lächeln und einem vollem Programm? Die Erkenntnis, dass die internationale Unterstützung für Tibet dank der Person seiner Heiligkeit eine immense Dimension erreicht hat. Diese ist zugleich aber auch eine Verantwortung, welche sich nicht nur auf eine rein spirituelle oder religiöse Ebene beschränken darf, sondern konkret in die Aussenpolitik der westlichen Länder einfliessen muss. Dies umso mehr als sich der Sondergesandte seiner Heiligkeit, Kalsang Gyaltsen, in Hamburg kritisch zu den Dialogrunden mit China äusserte. In sechs Gesprächsrunden innerhalb der letzten fünf Jahre sei es zu keiner Annäherung der Standpunkte gekommen und Resultate seien noch lange nicht in Sicht. Indirekt hegte er damit Zweifel am Willen der chinesischen Regierung, diesen Gesprächen ernsthaft zum Erfolg zu verhelfen. Er erinnerte daran, dass die Tibet Bewegung eine der wenigen politischen Bewegungen sei, welche in einer Zeit von Repression, Gewalt und Terror, ihre Ziele gewaltlos verfolge. Ein Scheitern der Tibet Bewegung hätte Symbolkraft und würde auch die Glaubwürdigkeit der Menschenrechtspolitik westlicher Staaten in Frage stellen. Die Wettkampfarena als kurzzeitiges Refugium der Dharma-Interessierten Vorbildcharakter Daneben stechen zwei deutsche Beispiele hervor, welche Vorbildcharakter für Vertreter westlicher Regierungen und Städte im Umgang mit China besitzen. Zu vorderst der offizielle Empfang des Dalai Lama durch den Hamburger Bürgermeister Ole von Beust. Trotz Protesten von chinesischer Seite, liessen sich die Hansestädter nicht einschüchtern. So sollte man eigentlich, nach den Regeln der Gastfreundschaft, geladene Gäste empfangen. Dies im Gegensatz zum Besuch seiner Heiligkeit im «weltoffenen» Zürich im Sommer 2005, dessen Stadtpräsident Elmar Ledergerber (SP) sich damals ängstlich in die Ferien verabschiedete. Als weiteres Beispiel ist Roland Koch zu nennen. Im Vorfeld zu den Unterweisungen in Hamburg hat sich der hessische Ministerpräsident und bekennende Dalai Lama Freund kritisch zur Situation in Tibet geäussert. Dies just vor seiner Abreise nach China, wo er auch einen Augenschein in Tibet nehmen wollte. Roland Koch repräsentiert kein marginales Bundesland, sondern mit Frankfurt die Finanzmetropole Deutschlands. Er demonstriert, dass man im Umgang mit China keineswegs nur den Bückling machen muss, sondern selbstbewusst und sachlich die Werte vertreten kann, welche die westlichen Länder als Grundpfeiler ihrer Demokratien betrachten. Es ist Tibet zu wünschen, dass seiner nicht nur spirituell erinnert wird, sondern vermehrt mutige Köpfe wie Koch und von Beust sich politisch für Tibet engagieren. Chompel Balok
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