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21.12.2008 - "Dalai Lama: Der große Pragmatiker"
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.3.08, von Pico Iyer In gewisser Weise gleicht sie der Debatte, die in Tibet selbst geführt wird, wo die eine Gruppe von „Befreiung“ spricht (von Rückständigkeit, Armut und Schmutz, vom Feudalismus, wie die Chinesen es genannt haben), während die anderen, in den Klöstern, unter „Befreiung“ die Freiheit von Unwissenheit, Abhängigkeit und Selbsttäuschung verstehen, die nur Leid bringt. Sie erinnert an den Richtungsstreit zwischen Martin Luther King und Malcolm X, zwischen Gandhi und Nehru, zwischen Falken und Tauben in Israel. „Ich reinige meine Gedanken und besinne mich auf Mitleid“, sagt ein typischer junger Tibeter. „Aber wie kann das helfen, wenn die Pekinger Regierung meinen Bruder ins Gefängnis wirft, meiner Mutter verbietet, ein Bild des Dalai Lama mit sich zu tragen, und meine Heimat von der Landkarte löscht?“ Tibeter führen intensive Debatte Doch unter Tibetern wird die Debatte immer intensiver und schärfer geführt, weil von Tibet selbst immer weniger... übrigbleibt. Wenn in den nächsten Jahren nichts geschieht, sagt der Dalai Lama seit langem, wird das Tibet, das wir kennen, ein für alle Mal verschwunden sein. Im Namgyal-Kloster, gleich neben dem Haus des Dalai Lama, sehe ich einen Geländewagen, auf dessen Ersatzradhülle „TIME IS RUNNING OUTTTTTT. . .“ steht - neunzehn Ts, wie Grabsteine aneinandergereiht. Einst war Tibet ein Meer von Wärme und Farbe Ich kann aus eigener Erfahrung sagen: es stimmt. Als Tibet 1985 zum ersten Mal für die Welt geöffnet wurde, war das Land ein Meer von Wärme und Farbe, die Tibeter strömten aus den Häusern, um die ungewohnten Ausländer zu sehen, Mönche sangen in den Kapellen, in die sie teilweise zurückkehren durften, und nach Jahrzehnten von Unterdrückung und Zerstörung war eine gewisse Zuversicht zu spüren. Aber die Anwesenheit von Ausländern, den Augen und Ohren der Welt, ermutigte die Tibeter fast zwangsläufig, ihre Stimme gegen ihre Besatzer zu erheben, so dass in den Köpfen der Chinesen die Angst vor einer Volkserhebung herumspukte. Als ich 1990 wieder in Lhasa war, standen außerhalb der Hauptstadt überall Panzer, und bewaffnete Soldaten patrouillierten über den Hausdächern im Umkreis des zentralen Jokhang-Tempels. Tibet stand unter Kriegsrecht, und Touristen bekamen nur dann eine Reisegenehmigung, wenn sie viel Geld bezahlten und in Gruppen reisten (meine Gruppe bestand nur aus mir). Die Stadt, die mich fünf Jahre zuvor so verzaubert hatte, existierte praktisch nicht mehr. Tibeter durften den Potala-Palast nicht betreten, das jahrhundertealte Symbol ihrer Kultur und Tradition, sie standen vor dem Tor, sahen wehmütig den paar Touristen hinterher, die in der falschen Richtung, gegen den Uhrzeigersinn, durch den Palast geführt wurden. Die meisten Räume waren verschlossen, hin und wieder ging auch das Licht aus. Der tibetische Guide, von den Chinesen geschult, erklärte mir in allen Einzelheiten, dass dies ein weltlicher Wohnsitz sei, der Palast eines Königs, bis zwei englische Touristen in unserer Nähe darauf hinwiesen, dass dieser König ein Mönch und der Potala also nicht nur ein Palast, sondern auch ein Tempel sei. An Frieden und Dialogbereitschaft festgehalten Als ich zu Beginn des 21. Jahrhunderts meine dritte Reise nach Tibet unternahm, war das Land, das ich zweimal besucht hatte, nicht mehr wiederzuerkennen. Der Potala war von den meisten Stellen in Lhasa nicht mehr zu sehen, breite, blitzsaubere Straßen zogen sich durch die Stadt, gesäumt von blauverglasten Einkaufszentren und modernen Hochhäusern. Übriggeblieben war das kleine tibetische Viertel mit seinen staubigen Gassen und kleinen Häusern, es hieß nun Altstadt, als wäre es schon ein historisches Viertel, das an die Geschichte einer untergegangenen einheimischen Bevölkerung erinnern sollte. In der Beijing Lu, wie die Hauptstraße heißt, wurde für Giordano und Eiscreme geworben. Bei den Nachrichten, die in der letzten Zeit aus Lhasa kamen, fühlte ich mich nach Dharamsala und Tibet zurückversetzt, ich hörte die Ungeduldigen unter den Tibetern sagen, wie ein Oppositioneller es ausdrückte: „Wir beten für den Frieden auf der Welt und sind doch untätig. Wenn eine Maus von einer Katze in die Enge getrieben wird, muss sie um ihr Leben laufen. Wenn wir nicht handeln, wie kann die Welt uns dann unterstützen?“ Und doch ahnte niemand, dass etwas beginnen würde, das eine Nation, zweihundertmal größer als Tibet und nicht sonderlich willens, auf Ermahnungen und Appelle anderer Nationen zu hören, herausfordern sollte. Gewalt, dachte ich, wird nur zu noch mehr Gewalt führen und das Einzige beschädigen, was Tibet in die Waagschale werfen kann - im Unterschied zu anderen Freiheitsbewegungen auf der Welt hatten die Tibeter an Frieden und Dialogbereitschaft festgehalten. Gewalt verhindert die Lösung Wenn der Bruder einem die Geldbörse stiehlt, dachte ich, kann man ihn anschreien, ihn verprügeln, ihm mit einer Anzeige drohen - oder aber mit ihm reden. Wenn man ihn anschreit oder schlägt oder gegen ihn prozessiert, geht etwas kaputt in der gegenseitigen Beziehung, auf Jahrzehnte hinaus. Und weil er der eigene Bruder ist (so, wie China der Bruder Tibets ist, würde der Dalai Lama sagen), sind die beiden schicksalhaft miteinander verbunden. Und wenn es nur dieser Grund wäre - und der Gedanke an die Zukunft und das eigene Wohlergehen und das seine: es ist sinnvoller, mit dem Bruder vernünftig zu reden, zumal er sich durch nichts, was man tut, wird umstimmen lassen (immerhin wusste er, dass man sich aufregt, wenn einem die Geldbörse gestohlen wird). Das Beispiel mag trivial sein, entscheidend ist das Prinzip: Gewalt beschädigt letztlich denjenigen, der Gewalt anwendet, und sie verhindert die Lösung von Konflikten. Wenn der Dalai Lama von Geduld und Verständigungsbereitschaft spricht, obwohl er angespuckt wird, so dürfte das die überzeugendste und sinnvollste Haltung sein. Man kann leicht vergessen, dass er kein Anfänger im politischen Geschäft ist - er regiert sein Volk seit siebenundsechzig Jahren, war in seiner Jugend mit Mao Tse-tung und Tschou En-lai zusammengekommen und verbrachte ein Jahr in Peking. Und während ich an all die Tibeter dachte, die ihre zutiefst menschliche Ungeduld und Frustration ausdrücken - wie können wir tatenlos zusehen, wenn unser Land zerstört wird, Stück für Stück? -, erinnerte ich mich, dass ich in den sechsundzwanzig Jahren Korrespondententätigkeit, in denen ich über Kriege und Politiker berichtet hatte, von Nordkorea bis Beirut und von Sri Lanka bis El Salvador, keinem weitsichtigeren, pragmatischeren oder vernünftigeren Politiker begegnet bin als dem Dalai Lama. Die Tibeter können nur trauern, wenn sie sehen, wie ihren Landsleuten in der Heimat die Menschenrechte verwehrt werden; andererseits haben sie an ihrer Spitze den entschiedensten Realpolitiker, den man sich denken kann - den Vierzehnten Dalai Lama. Aus dem Englischen von Matthias Fienbork Pico Iyer wurde 1957 als Sohn indischer Eltern in Oxford geboren, wuchs in Kalifornien auf, war sein Leben lang schreibend in der Welt unterwegs und lebt heute meist in Japan. Er nennt sich selbst „global village on two legs“. Im Juli erscheint von ihm im Goldmann-Verlag sein Buch „Der Dalai Lama - Politiker, religiöser Führer und Mystiker“. Antworten: 1 Kommentar Ich habe hier eine Reihe von Tibetflaggen mit der Aufschrift FREE Tibet gefunden. http://www.fanshop-online.de/Tibet-Fahnen.php Aufgegeben von Ralf @ 11.04.2008 01:57 PM MEZ
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