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21.12.2008 - "Asien-Experte Michael von Brück wirbt für eine Lösung des Tibet-Konflikts: »Tibet nicht idealisieren«"

Sonntagsblatt, 29.6.08:
Der Asien-Experte Michael von Brück wirbt mit dem Modell Südtirol als Vorbild für eine Lösung des Tibet-Konflikts. »Ähnliches könnte für Tibet innerhalb eines föderal verwalteten chinesischen Staates umgesetzt werden«, sagte der Leiter des Fachbereichs Religionswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München in einem epd-Interview. Brück, 1949 geboren, ist seit vielen Jahren im Dialog mit dem Dalai Lama. Mit dem evangelischen Theologen und Buddhismus-Experten sprach Stephan Cezanne.

Herr Professor von Brück, die Beziehungen Tibets zu China sind sehr alt. Bereits im 7. und 8. Jahrhundert spielte Tibet im Kräftespiel zwischen China und seinen Nachbarländern eine wichtige Rolle. Wie weit haben diese geschichtlichen Hintergründe noch heute eine Bedeutung?

Brück: Diese Hintergründe werden ideologisch als Argumentationshilfen benutzt, und zwar von beiden Seiten. Internationale Juristenkommissionen, die sich mit dem Konflikt beschäftigen, gehen zurück in die Jahrhunderte und versuchen Perioden sowohl der Unabhängigkeit Tibets als auch der engen Anlehnung Tibets an China zu finden. Meines Erachtens bringen solche historischen Rückblicke ...

... wenig, außer dass sie von der einen oder anderen Seite instrumentalisiert werden. Und zwar deshalb, weil der moderne Staat überhaupt nicht vergleichbar ist mit diesen historischen Konstellationen, die wir nicht nur in der Geschichte zwischen China und Tibet hatten, sondern auch zwischen China und der Mongolei und verschiedenen benachbarten Völkern. Umgekehrt hilft es aber auch nichts, eine moderne Nationalstaatsidee, die ja in Europa auch erst im 19. Jahrhundert auftaucht, in die zentralasiatische Welt zu übertragen.

Gibt es völkerrechtliche Vorbilder für eine Lösung des Tibet-Konflikts?

Brück: Ich werbe bei meinen tibetischen und chinesischen Gesprächspartnern mit Südtirol als Vorbild. Natürlich ist Südtirol winzig gegenüber Tibet. Das Interessante ist jedoch die Bevölkerungssituation. Südtiroler und Italiener haben zwar die gleiche Religion, aber doch eine andere Sprache und eine andere Kultur. Italien hat Südtirol nicht nur im weiten Rahmen kulturelle Autonomie gewährt, man hat noch etwas ganz Wesentliches gemacht: Diese Autonomie hat auch ökonomische Konsequenzen.

Welche?

Brück: Zum Beispiel können Nicht-Südtiroler aus Italien oder anderen Ländern nicht so leicht Land erwerben. Dadurch wird einer Überfremdung der Bevölkerung vorgebeugt. Als das noch nicht geregelt war, gab es massiven Widerstand gegen die italienische Regierung bis hin zum Bombenkrieg in der Region Bozen in den 1960er-Jahren. Heute investieren die Italiener etwa als Touristen und bringen Geld; die Südtiroler können sich auf diese Weise entwickeln. Das ist meines Erachtens eine sehr kluge Politik. Jetzt kann man von Südtirol sagen, sie haben das Beste von allen Welten.

Ist das übertragbar?

Brück: Ja, Ähnliches könnte für Tibet innerhalb eines föderal verwalteten chinesischen Staates umgesetzt werden. Ich könnte mir denken, dass die einzelnen Völker innerhalb Chinas außenpolitisch, militärisch und natürlich auch makroökonomisch zentral regiert und von China zentral vertreten werden, die Uiguren ebenso wie die Tibeter, die Mongolen und andere. Kulturell, sprachlich und eben auch in Bezug auf die Besitzverhältnisse des Landes aber könnten entsprechende Schranken eingebaut werden, sodass Tibet eben nicht weiter sinisiert wird und dadurch verschwindet.

Tibet wird ja im Westen oft idealisiert - etwa als utopisches Shangri-La.

Brück: Mythen erfüllen ihren Zweck. Mythen dieser Art sind räumliche Utopien. In dem Maße, in dem aber die weißen Flecken auf der Landkarte verschwunden sind, verschwanden auch die Möglichkeiten zu räumlichen Utopien. Früher waren es Atlantis, El Dorado und dann eben das sagenumwobene Shangri-La. Heute sucht man Utopien im Bewusstsein. Das unbekannte Land heute ist das eigene Bewusstsein. Dieses kann durch Bewusstseinstraining, durch Meditation tatsächlich erheblich erweitert, vertieft und verändert werden. Genau dafür steht der Buddhismus, genau dafür steht auch der Dalai Lama.

Die Geschichte Tibets war ja ein Wechselspiel zwischen religiösen Kräften und politischen Prozessen, auch nicht immer ohne Gewalt. Wäre eine realistischere Sichtweise sinnvoll?

Brück: Auf jeden Fall! Eine nüchterne Betrachtung der Geschichte Tibets ist sicherlich gut und heilsam. Der Dalai Lama selbst möchte diesen Mythos Tibet mit entkräften helfen, weil natürlich jeder Idealisierung eine Enttäuschung folgt, die dann auch nicht hilfreich ist. Dass in der politischen Geschichte Tibets, auch in der Religionsgeschichte, Gewalt ausgeübt worden ist, das liegt auf der Hand.

Was kann Deutschland konkret tun, um im Tibet-Konflikt zu helfen?

Brück: Deutschland kann auf diplomatischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene China ermutigen, direkte Kontakte mit der tibetischen Exilregierung in Dharamsala aufzunehmen. China ist so stark und hat es als kommende Großmacht schlicht nicht nötig, in der Nationalitätenpolitik so unflexibel zu reagieren. China kann sich diese Angst auf Dauer nicht leisten. Dies betone ich auch in Peking bei meinen Gesprächspartnern. China muss einen Weg des Dialogs finden. Deutschland kann Mut machen, auch aufgrund der eigenen Geschichte, Föderalismus nicht als Zugeständnis, sondern als Gewinn für die wirtschaftliche und politische Entwicklung zu sehen, und das Subsidiaritätsprinzip ist ein Schlüssel für die Lösung vieler politischer Konflikte, weltweit übrigens. Diese Öffnung Chinas, die ja schon längst eingesetzt hat, können sowohl Wirtschaftsdelegationen als auch politische Delegationen unterstützen. Politische Einflussnahme ist auch möglich vom Auswärtigen Amt sowie von Kulturträgern wie Wissenschaftlern und Künstlern. Das ist das, was Deutschland tun kann. Das ist keine Einmischung, sondern partnerschaftlicher Dialog.

Was kann man konkret für verfolgte Menschen tun?

Brück: Natürlich muss man sehen, dass in Tibet, aber auch in China Menschenrechtsverletzungen schlimmster Art an der Tagesordnung sind. Gegen diese kann und muss die Öffentlichkeit nachhaltig protestieren.

Ist eine Lösung der Tibet-Frage auch ohne den mittlerweile 72-jährigen Dalai Lama möglich?

Brück: Natürlich drängt die Tibet-Frage, nicht nur wegen des Alters des Dalai Lama. Er ist die Zentralfigur im Exil, die internationale Identifikationsfigur, das ist gar keine Frage. Ohne ihn wäre eine Lösung viel, viel schwieriger. Verschiedene Splittergruppen könnten dann auch zur Gewalt greifen. Die andere Problematik ist natürlich die Sinisierung der Städte in Tibet und die Marginalisierung der tibetischen Bevölkerung in ihrer Heimat. Schon daher drängt die Zeit.

 

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