Department of Information & International Relations (DIIR) Central Tibetan Administration
23. November 2008

Vom 17. bis 22. November traten 560 Tibeter in leitenden Positionen und Vertreter der tibetischen Exilgemeinschaften aus 19 Ländern in Dharamsala zur ersten Außerordentlichen Vollversammlung zusammen, die gemäß Art. 59 der Charta der Tibeter-im-Exil einberufen worden war. Zu den Teilnehmern der Konferenz gehörten u.a.: der Oberste Justizkommissar und die beiden Beisitzer
der Obersten Justizkommission, der Vorsitzende der Wahlkommission, die acht Kalons [Minister] einschließlich des Kalon Tripa [Ministerpräsident], 18 ehemalige Kalons, 41 derzeitige Parlamentsmitglieder, 32 ehemalige Parlamentsmitglieder, 66 Mitarbeiter der Tibetischen Zentralverwaltung, die Sondergesandten des Dalai Lama, die zehn Repräsentanten des Dalai Lama in
verschiedenen Ländern, 78 Vertreter der tibetischen Siedlungen in Indien, Nepal und Bhutan, 60 Vertreter des Komitees der regionalen Freiheitsbewegung, 32 Vertreter tibetischer Vereinigungen im Ausland, 20 Vertreter verschiedener NGOs, 58 Leiter tibetischer Schulen, 30 Mönche und Nonnen der vier Schulen des tibetischen Buddhismus und der Bön-Tradition, 11 Vertreter verschiedener
unabhängiger Einrichtungen sowie 48 freiwillige Helfer aus Indien, Nepal und Bhutan, die sich für die Sache Tibets einsetzen.
(Nichtauthentische Übersetzung ab Absatz 4 der englischen Fassung)
Der Parlamentssprecher, Karma Chophel, hielt am 17. November die Eröffnungsrede der ersten Außerordentlichen Vollversammlung. Nach der darauf folgenden Ansprache des Kalon Tripa, Prof. Samdhong Rinpoche, an die Versammlung wurden die Teilnehmer in 15 Gruppen aufgeteilt, die dreieinhalb Tage lang im Gangchen Kyishong, dem Sitz der Tibetischen Zentralverwaltung, über den Themenkreis „die Tibet-Frage angesichts der jüngsten dramatischen Ereignisse in Tibet und der internationalen Konstellation“ intensive Diskussionen führten. Außerdem gingen Meinungsäußerungen und Anregungen direkt aus Tibet ein sowie Vorschläge von Seiten tibetischer Siedlungen,
Organisationen, Bildungseinrichtungen und Einzelpersonen...
Am 21. November traten alle Teilnehmer zur Abschlußsitzung zusammen, auf der die Leiter der einzelnen Gruppen ihre Berichte mit den Endergebnissen ihrer Diskussionen vorlegten. Am Morgen des 22. November trafen sich die Leiter der Einzelgruppen und das Organisationskomitee der Außerordentlichen
Generalversammlung des Ständigen Ausschusses des Parlaments, um die Empfehlungen der 15 Gruppen zu einem Resümee zusammenzufassen. Die unten angeführten endgültigen Empfehlungen wurden nach Annahme durch die Vollversammlung am Nachmittag wie folgt verabschiedet.
In bezug auf Seine Heiligkeit den Dalai Lama, das geistige und weltliche Oberhaupt des tibetischen Volkes:
1. Seine Heiligkeit der Dalai Lama ist vom tibetischen Volk und den Schutzgottheiten Tibets einmütig zum geistigen und weltlichen Oberhaupt der Tibeter erkoren worden. Seine Inthronisierung wurde damals von den Nachbarn Tibets, darunter auch von China, begrüßt, was ein klares Zeichen dafür ist,
daß Seine Heiligkeit der Dalai Lama der unumstrittene geistige und weltliche Führer des tibetischen Volkes ist. Das bedeutet somit auch, daß die Tibetische Zentralverwaltung [Central Tibetan Administration/CTA] die einzige und legitime Vertretung aller Tibeter innerhalb und außerhalb Tibets ist – ein Legat, das sie aus vielen Jahrhunderten übernommen hat. Diese lange Geschichte, auf die das tibetische Volk zurückblicken kann, beweist, daß die Propaganda und die kürzlich erfolgten Äußerungen der chinesischen Regierung, Seine Heiligkeit der Dalai Lama und die CTA hätten kein Recht, Tibet und das tibetische Volk zu vertreten, jeglicher Grundlage entbehren. Die Tibeter innerhalb und außerhalb Tibets weisen derartige Bemerkungen nachdrücklich zurück.
2. Wir bitten Seine Heiligkeit den Dalai Lama mit dieser Außerordentlichen Generalversammlung eindringlich und mit größter Ehrerbietung, in dieser kritischen Zeit weiterhin die Verantwortung für die geistige und weltliche Führung des tibetischen Kampfes auf sich zu nehmen und kein Wort mehr zu
verlieren über einen teilweisen oder vollständigen Rückzug in den Ruhestand. Als Unterpfand für die ununterbrochene Reihe der Wiedergeburten des Dalai Lama gibt es niemanden außer Seiner Heiligkeit, der das Volk des Schneelandes Tibet so beschützen könnte wie er.
3. Mit dieser Außerordentlichen Generalversammlung fordern wir die chinesische Regierung entschieden auf, unverzüglich die grundlosen und unvorstellbaren Anschuldigungen gegen Seine Heiligkeit den Dalai Lama einzustellen. Diese haben im Herzen und in der Seele des tibetischen Volkes innerhalb und
außerhalb Tibets unheilbare Wunden geschlagen, vor allem bei all den Anhängern des tibetischen Buddhismus, darunter auch den chinesischen Buddhisten, sowie bei allen aufrechten und wahrheitsliebenden Menschen auf der ganzen Welt. Diese Anschuldigungen trugen auch zur Verschärfung der ethnischen Spannungen zwischen Tibetern und Chinesen bei und fügten damit den langfristigen Interessen von Einheit und Kooperation unter den Nationalitäten schweren Schaden zu.
In Bezug auf die Politik und die Haltung der CTA
1. Auf der Grundlage der Anregungen, die für diese Außerordentliche Generalversammlung von Tibetern aus Tibet und aus dem Exil eingingen, faßten die Delegierten nach einer offenen und ehrlichen Diskussion über die zukünftige Politik Tibets die einstimmige Entscheidung, der Führung Seiner
Heiligkeit des Dalai Lama uneingeschränkt zu folgen entsprechend der zu der jeweiligen Zeit gegebenen Situation. Die Mehrheit der Delegierten sprach sich für die Fortsetzung der Politik des Mittleren Weges aus. In Anbetracht des bisherigen Verhaltens der chinesischen Regierung wurden auch nachdrücklich
Meinungen vorgebracht, die Entsendung der Sondergesandten einzustellen und die vollkommene Unabhängigkeit oder Selbstbestimmung anzustreben, falls sich in naher Zukunft kein Ergebnis abzeichnet.
2. Doch zu welchem Programm wir uns in unserem Kampf um Tibet auch immer bekennen – sei es nun zum Ansatz zum Mittleren Weg, zur Unabhängigkeit oder Selbstbestimmung –, wir werden bei der Verfolgung unseres Zieles niemals vom Pfad der Gewaltlosigkeit abweichen.
In Bezug auf die Regierung der VR China und das chinesische Volk
1. Im Bemühen, das sino-tibetische Problem mit der Politik des Mittleren Wege zu lösen, legten Seine Heiligkeit der Dalai Lama und die Tibetische Zentralverwaltung kürzlich der chinesischen Regierung ein Memorandum über echte Autonomie für das tibetische Volk innerhalb des verfassungsmäßigen
Rahmens der Volksrepublik China (VRC) vor. Nicht allein gab es keinerlei positive Reaktion, die Regierung der VRC verwarf jeden einzelnen Punkt dieses Memorandums und beschuldigte die CTA, die volle Unabhängigkeit, die halbe Unabhängigkeit oder Unabhängigkeit in verdeckter Form anzustreben. Daher hat der Dialogprozeß für das sino-tibetische Problem kein nachhaltiges Ergebnis gebracht; die ganze Verantwortung für diesen Mißerfolg liegt allein bei der VRC.
2. Die Ursache für die kürzlich stattgefundenen weitverbreiteten Demonstrationen in Tibet ist die lang angestaute Unzufriedenheit und das Leiden der Tibeter. Die Gründe für diesen Ausbruch von Protesten können auf die harte und unerbittliche Politik zurückgeführt werden, die China all diese Jahre, seitdem es Tibet besetzt hält, den Tibetern gegenüber betreibt. Die Gründe für die anhaltenden Proteste der Tibeter sind in der systematischen Plünderung der Naturschätze Tibets zu suchen, in der Vernichtung der Tradition und des Brauchtums Tibets und vor allem in der sogenannten patriotischen Erziehung, der die Tibeter gewaltsam unterzogen werden – einer Kampagne, bei der sie gezwungen werden, Seine Heiligkeit zu diffamieren. Die tibetischen Proteste gehen weiter aufgrund der in großem Maßstab betriebenen Politik des Bevölkerungstransfers von Chinesen nach Tibet, die die tibetische Religion und
Kultur, die bereits degeneriert sind, noch weiter untergräbt und die Ökologie Tibets zerstört. Zu der Protestwelle kam es auch wegen der Verletzung aller grundlegenden Menschenrechte.
3. Weil die VRC fortwährend behauptete, sie hätte Beweise dafür, daß die jüngsten Unruhen in Tibet von der „Dalai Clique ausgelöst, angezettelt, geplant und organisiert“ worden seien, forderten Seine Heiligkeit der Dalai Lama und die Tibetische Zentralverwaltung, daß eine internationale Untersuchungskommission die Erlaubnis erhalten solle, nach Tibet zu reisen, um diese Behauptungen der VRC zu prüfen. Außerdem könne China seine Vertreter nach Dharamsala senden, um an Ort und Stelle nach einer Bestätigung für seine Unterstellungen zu suchen. Die VRC hatte jedoch nicht den Mut, diese beiden Vorschläge anzunehmen. Mehr noch, sie konnte der Weltöffentlichkeit keinen einzigen Beweis zur Unterstützung ihrer Behauptungen präsentieren. Das zeigt ganz deutlich, daß die Demonstrationen und Proteste in Tibet seit März dieses Jahres auf die repressive Politik, die China seit der Besetzung des Landes gegenüber den Tibetern betreibt, zurückzuführen sind. Daher sollte die Regierung der VRC zu ihren Fehlern stehen und die Verantwortung dafür übernehmen.
4. Mit dieser Außerordentlichen Generalversammlung wollen wir ein weiteres Mal betonen, daß der tibetische Kampf ein Kampf um die Rechte der Tibeter ist. Es ist ein Kampf gegen die verfehlte Politik der VRC gegenüber Tibet und den Tibetern. Der tibetische Kampf richtet sich in keiner Weise gegen das
chinesische Volk, wie es von der VRC dargestellt wird.
5. Um den tibetischen Buddhismus zu zerstören, führte die VRC neue Bestimmungen über die Anerkennung reinkarnierter Lamas oder „Lebender Buddhas“ ein. Wir wenden uns entschieden gegen jede Einmischung einer Regierung, die sich zum Atheismus bekennt, in die spirituellen Angelegenheiten eines Volkes um des politischen Kalküls willen. Wir wenden uns entschieden gegen die Kampagne der „patriotischen Erziehung“, der die Klöster in Tibet immer vehementer unterzogen werden.
In Bezug auf die Verbesserung und Förderung der Projektarbeit.
In Kürze wird das Sekretariat des Parlaments einen ‚Bericht’ erarbeiten über die Vorschläge und Anregungen, die uns aus Tibet und aus der Exilgemeinde erreichten, sowie über die Empfehlungen der respektiven Gruppen für die Wahrnehmung der administrativen Aufgaben, die bildungsbezogenen Aufgaben, die Verbreitung von Informationen und für das Gesundheits- und Finanzwesen. Dieser Bericht wird an die zuständigen Abteilungen zu ihrer Information und weiteren Planung ihrer Handlungen verteilt werden.
Dank und Anerkennung allen Unterstützern der Sache Tibets
Auf dieser Außerordentlichen Generalversammlung sprechen wir allen Tibet-Unterstützungsgruppen in der ganzen Welt, den Regierungen, der Öffentlichkeit, den Parlamenten und internationalen Organisationen und ganz besonders aber dem Volk und der Regierung Indiens für seine nicht nachlassende Unterstützung und Solidarität mit der Sache Tibets und der Tibeter über all die Jahre hinweg unseren aufrichtigen Dank aus.
Im Namen aller Teilnehmer der ersten Außerordentlichen Generalversammlung der Tibeter, am 25. Tag des 9. Monats des Tibetischen Königsjahres 2135, dem 22. November 2008.
Karma Chophel, Sprecher des Tibetischen Parlaments-im-Exil
Dolma Gyari, Stellvertretende Sprecherin des Tibetischen Parlaments-im-Exil.
Der Originaltext wurde aus dem Tibetischen ins Englische übersetzt
Bei Zweifeln bezüglich des Wortlauts ist das
tibetische Originalmaßgeblich.
Nichtautorisierte Übersetzung: Adelheid Dönges, Revision: Schabka