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Zum 40. Jahrestag des tibetischen Volksaufstandes vom 10. März 1959

«Die Tibeter haben die Sympathie der Welt gewonnen - nicht aber ihre Unterstützung». Dies war noch im letzten Jahr die Bilanz eines amerikanischen Journalisten. Treffender kann man die Lage der Tibeter heute wohl kaum in einem Satz fassen. Dem Dalai Lama und dem tibetischen Volk werden weltweit grosse Sympathien entgegengebracht. Die Unterdrückung Tibets und seine von der Auslöschung bedrohte Kultur sind zu allgemein anerkannten Begriffen geworden. In vielen Ländern agieren zahlreiche Unterstützer-Gruppen. Und doch fehlt es an einer entschiedenen und tatkräftigen Unterstützung Tibets und der Tibeter durch die internationale Staatengemeinschaft.

Vor 40 Jahren...

Am 10. März 1959 erhoben sich die Tibeter in Lhasa gegen die chinesischen Invasoren; der Dalai Lama sah sich zur Flucht ins indische Exil gezwungen. Der Zorn der Tibeter entlud sich in jenen Tagen gegen die chinesische «Volksbefreiungsarmee», die immer deutlicher ihr wahres Gesicht zeigte - das der brutalen Unterdrückerin Tibets. Im Laufe der mehrtägigen Kämpfe verloren mehr als 15'000 Tibeter ihr Leben. Der Dalai Lama, und mit ihm 80'000 Tibeter, kamen nur mit knapper Not ausser Landes.

Der Einmarsch

China war 1950 in Tibet einmarschiert, nachdem Mao Zedong die «friedliche Befreiung Tibets» als eines der ersten Staatsziele der gerade erst ausgerufenen Volksrepublik China erklärt hatte. An der Ostgrenze Tibets hatten die schlecht ausgerüsteten Tibeter der chinesischen Armee militärisch wenig entgegenzusetzen. Zunächst verhielt diese sich der Bevölkerung gegenüber denn auch korrekt, half den Bauern bei der Ernte und verteilte Geschenke. Noch glaubten die Chinesen, dass die Mehrheit der Tibeter nur darauf gewartet hat, von ihnen aus einer finsteren, rückständigen Gesellschaft von Sklavenhaltern «befreit» zu werden. Als die Tibeter den Invasoren aber zu verstehen gaben, dass sie von nichts - und schon gar nicht durch eine fremde Macht - «befreit» werden mussten, schlug die Kooperation schnell in brutale Gewalt um.

Das «Abkommen»

Das 1951 unter Zwang mit einer tibetischen Delegation geschlossene «17-Punkte-Abkommen zur friedlichen Befreiung Tibets», das dem Land innere Autonomie garantieren sollte, wurde von China nie ernsthaft eingehalten. Während die Invasoren in Osttibet bereits mit unvorstellbarer Brutalität gegen den wachsenden tibetischen Widerstand vorgingen, bestimmten sie auch in Zentral-Tibet das Leben in Politik, Wirtschaft und Religion immer deutlicher. Die kompromissbereiten Tibeter gerieten immer weiter ins Hintertreffen.

Der Aufstand

Im März 1959 wurden in Lhasa die Lebensmittel knapp, da sie von einer immer grösser werdenden Zahl chinesischer Kaderleute und Soldaten requiriert wurden. Gleichzeitig erreichten immer mehr Berichte über chinesische Greueltaten in Osttibet die Hauptstadt. Gerüchte über eine bevorstehende Entführung des Dalai Lama machten die Runde, bis schliesslich alle Appelle zur Gewaltlosigkeit fruchtlos blieben und der Aufstand losbrach.

Während 40 langer Jahre...

Nach der blutigen Niederschlagung des Aufstandes und der Flucht des Dalai Lama verloren die Besatzer die letzten Hemmungen: im ganzen Land wurde der Widerstand brutal unterdrückt. Hinrichtungen und Deportationen in Arbeitslager gehörten zum Alltag der Tibeter, wenn sie nicht gerade von Hungersnöten hingerafft wurden - eines neuen Phänomens, das vor allem auf die Zwangskollektivierung und Mao's katastrophalen «Sprung nach vorn» zurückzuführen war, also auf die verheerende neue Wirtschaftspolitik Gesamt-Chinas. Von 1950 bis 1979 verhungerten schätzungsweise 342'000 Tibeter.

Die Zerstörung vor und nach der «Kulturrevolution»

Alles, was an das alte Tibet und seine Religion erinnerte, war Ziel der Zerstörung. Nicht in den Jahren der Kulturrevolution von 1966 bis 1976, wie China heute entschuldigend behauptet, sondern schon vorher wurde der grösste Teil der religiösen und historischen Monumente Tibets zerstört.

Während der Kulturrevolution steigerten sich Unterdrückung und Zerstörungswut dennoch - ins Unermessliche. Tibeter wurden «Thamzings», sogenannten «Kampfsitzungen» unterzogen, in denen sie «konterrevolutionäre Verbrechen» gestehen mussten und durch aufgestachelte Mitgefangene, ja auch unter Zwang durch Familienangehörige, brutal misshandelt wurden. Rote Garden zogen durch das Land und zerstörten planmässig jene Monumente, die bisher verschont geblieben waren.

Seit der damalige Parteichef Hu Yaobang im Jahre 1979 die Situation analysierte und für eine gewisse Liberalisierung einstand, ist die Bilanz dieser Schreckensjahre international bekannt. Ca. 1'200'000 Tibeter, also mehr als 20% der Bevölkerung, hatten ihr Leben durch direkte oder indirekte Folgen der Invasion verloren. Ungefähr 6'000 historische und religiöse Monumente, d.h. alle bis auf ganze 10, waren zerstört worden.

Der «kulturelle Völkermord»

Trotz der unermesslichen Zerstörungen hatten die Tibeter ihren Widerstandswillen aber keineswegs verloren. 1989 griff China erneut zur Gewalt, rief den Kriegszustand aus. In den Jahren 1987, 1988 und 1989 hatten die Tibeter in gewaltsam niedergeschlagenen Demonstrationen ihren Widerstand gegen neuste Formen der Unterdrückung kundgetan: die Diskriminierung der tibetischen Sprache und Kultur und vor allem die Zuwanderung chinesischer Siedler, die die Wirtschaft immer stärker dominierten und die Tibeter in die Armut drängten.

Seit Anfang der 90er Jahre wurde es wieder stiller, aber auch wenn die Form der Unterdrückung subtiler geworden ist, verstärkte sich die Repression in Tibet. Die Überwachung und Diskriminierung der Tibeter und ein stetig zunehmender Strom chinesischer Siedler haben den Platz der rohen Gewalt der Waffen eingenommen. Der Dalai Lama spricht diesbezüglich auf zutreffende Weise von einem «kulturellen Genozid». Die Altstadt von Lhasa wurde zur besseren Kontrolle abgerissen, die tibetische Sprache verschwindet aus der Schule und der Universität, Kindern ist der Besuch tibetischer Schulen im Ausland untersagt, das Aufstellen, ja sogar der Besitz von Fotos des Dalai Lama ist verboten.

Die vom Dalai Lama anerkannte Inkarnation des Panchen Lama wurde als 6-jähriges Kind im Frühjahr 1995 mitsamt seiner Eltern verschleppt und ist bis heute an einem unbekannten Ort interniert. Ihm loyale Mönche verschwinden auf ähnliche Weise.

Seit 1996 verlangt eine «Umerziehungskampagne» in nahezu allen Klöstern Tibets von den Mönchen die schriftliche Denunzierung des Dalai Lama. Nach offiziellen Angaben waren bisher 30'000 der 46'000 Mönche in Tibet davon betroffen. Der Widerstand dagegen kostete mindestens 14 von ihnen das Leben, andere flohen ins Exil. Nahezu 4'000 Mönche, die ihr religiöses Oberhaupt nicht denunzieren wollten, wurden aus den Klöstern vertrieben und ins soziale Nichts gedrängt, 294 wurden inhaftiert.

Unter dem Namen «Hartes Durchgreifen» wird offiziell gegen die Kriminalität vorgegangen, was die chinesischen Autoritäten aber nicht daran hindert, «Spalter» und «Konterrevolutionäre» zu identifizieren und zu verhaften.

Das Schweigen der internationalen Gemeinschaft

Die Internationale Völkergemeinschaft blieb in all den Jahren weitgehend tatenlos. Nur vereinzelt brachten Staaten - wie Irland, El Salvador, der malaiische Bund - in den frühen 60er Jahren UNO-Resolutionen ein. Mit US-Präsident Nixons «Ping-pong-Diplomatie» und der Aufnahme der Volksrepublik China in die UNO und den Weltsicherheitsrat kam 1972 schliesslich das gänzliche Ende für jegliche internationale Unterstützung Tibets.

1998 verzichteten die USA und die EU-Staaten in der UN-Menschenrechtskommission erstmals ganz auf einen Resolutionsentwurf gegen China. Bei den Menschenrechten seien gewisse «Fortschritte» gemacht worden, und man setze auf «Dialog». Dies dürfte ein Resultat der veränderten Kommunikationspolitik Chinas sein. Während früher offene Gewalt und die Abschottung vom Ausland herrschten, werden internationale Beobachter heutzutage provokativ eingeladen. Was man ihnen vorzeigt sind aber nur Scheinwelten, die unter ständiger Aufsicht nach einem vorgegebenen Programm besichtigt werden. Den internationalen Menschenrechts-Delegationen, die nach Tibet reisen, werden zum Beispiel «moderne» Gefängnisse vorgeführt. Vor ihrer Ankunft werden dort die Zellen frisch gestrichen, die Ernährung wird aufgebessert, «kritische» Gefangene werden vorsorglich verlegt und die verbliebenen massiv eingeschüchtert, damit sie den Gästen nur «korrekte» Dinge berichteten.

Sympathiebekundungen - und doch kein Recht auf Selbstbestimmung?

Angesehene Organisationen wie die Internationale Juristenkommission betonen das Recht der Tibeter auf Selbstbestimmung. Der Dalai Lama wird inzwischen trotz chinesischer Drohungen von vielen Staats- und Regierungschefs empfangen, die ihm ihre Sympathie zusichern. Parlamente fordern in Resolutionen ihre Regierungen zur Unterstützung der Tibeter auf - aber dennoch ist bisher alles ohne Konsequenzen geblieben. Zu gut funktioniert die chinesische Propaganda, zu gross ist die Furcht, den Wirtschaftsgiganten zu verstimmen.

Im Juni 1998 gab es dennoch einen Hoffnungsschimmer. Chinas Präsident Jiang Zemin erklärte, die «Tür für Verhandlungen» sei «offen». Der Dalai Lama müsse nur erklären, dass Tibet und Taiwan «unabtrennbare Bestandteile» Chinas seien. Trotz der Absurdität, zu Taiwan Stellung zu nehmen, ging der Dalai Lama konstruktiv auf diese Aufforderung ein. Alle Hoffnungen sollten aber enttäuscht werden. Nicht nur kamen aus Beijing keinerlei positive Reaktionen zu einer von den Tibetern vorbereiteten Stellungnahme; es wurden neue propagandistische Kampagnen gegen die Exil-Tibeter und den Dalai Lama eröffnet.

Seit der Präsentation des «Fünf-Punkte-Plans» vor dem US-Repräsentantenhaus im Jahre 1987 und dem «Vorschlag von Strassburg» im Jahre 1988, also seit mehr als 10 Jahren, schlägt der Dalai Lama eine Lösung vor, die von einer vollständigen Unabhängigkeit Tibets absieht. Und dennoch verweigert Beijing hartnäckig jegliches Gespräch, da der Dalai Lama nicht von der Forderung nach einem unabhängigen Tibet Abstand nehme - und schiebt ihm somit die Schuld für die Blockade zu. Das alles, aber auch das rigorose Vorgehen Chinas gegen seine «eigenen» Dissidenten - Initianten unabhängiger Parteien oder Gewerkschaften -, machen aus den anerkannten «Fortschritten» bei den Menschenrechten höchstens eine Farce - eher aber eine Tragödie.

Nach 40 Jahren Widerstand ist die tibetische Kultur von einer nicht rückgängig zu machenden Vernichtung bedroht. Die Tibeter brauchen deshalb mehr als weltweite Sympathie, mehr als das Händeschütteln der Staatsmänner mit dem Dalai Lama, und mehr als ein nostalgisches Bekenntnis zu einem mystischen «Shangri-La» - die Tibeter brauchen Ihre tatkräftige Unterstützung.

Kalsang P. Chokteng
15.02.1999
seitenbeginn
www.tibetfocus.com