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Dalai Lama: Botschaft zum 41. Jahrestag des Tibetischen Volksaufstandes am 10. März 1959.

Anläßlich des 41. Jahrestages des tibetischen Volksaufstandes von 1959 grüße ich meine Landsleute in Tibet ebenso wie im Exil und all unsere Freunde und Unterstützer in der ganzen Welt.

Wir stehen am Beginn des 21. Jahrhunderts. Beim Rückblick auf die Ereignisse des 20. Jahrhunderts stellen wir fest, daß die Menschheit große Fortschritte gemacht hat, was ihr materielles Wohlergehen betrifft.

Gleichzeitig gab es massive Vernichtung sowohl von Menschenleben als auch von materiellen Gütern, da Völker und Nationen sich zur Lösung ihrer bilateralen und multilateralen Probleme für die Konfrontation statt für den Dialog entschieden. In dieser Hinsicht war deshalb das 20. Jahrhundert ein Jahrhundert des Krieges und des Blutvergießens. Ich glaube, daß wir durch diese Erfahrungen wertvolle Lektionen gelernt haben. Es ist ganz deutlich geworden, daß jedwede Lösung, die auf Gewalt oder Konfrontation beruht, keinen Bestand hat. Ich bin fest davon überzeugt, daß wir nur mit friedlichen Mitteln ein besseres Verständnis untereinander entwickeln können. Wir müssen daher dieses neue Jahrhundert zu einem Jahrhundert des Friedens und des Dialogs machen.

Wir begehen diesen Jahrestag des 10. März zu einem Zeitpunkt, wo die Lage unseres Freiheitskampfes sich als komplex und vielschichtig präsentiert; der Widerstandswille der Tibeter in Tibet nimmt weiter zu. Auch die Tatsache, daß die weltweite Unterstützung für unser Anliegen stetig wächst, macht Mut. Leider herrscht auf Seiten Beijings ein offensichtlicher Mangel an politischem Willen und an Mut, die Tibetfrage vernünftig und pragmatisch anzugehen und somit in einen Dialog zu treten.

Von Anfang an, seit dem Beginn unseres Exils haben wir uns von dem Vorsatz leiten lassen, das Beste zu hoffen und auf das Schlimmste vorbereitet zu sein. Mit dieser Einstellung bemühen wir uns seit vielen Jahren, mit der chinesischen Regierung in Kontakt zu treten und sie dazu zu bewegen, einen Prozeß des Dialogs und der Verständigung zu beginnen. Außerdem haben wir zu unseren chinesischen Brüdern und Schwestern in Übersee und in Taiwan Brücken gebaut und dadurch deutlich das gegenseitige Verständnis, den Respekt und die Solidarität verstärkt. Gleichzeitig haben wir weiter daran gearbeitet, die Basis unserer Exilgemeinschaft zu stärken, indem wir in der Öffentlichkeit ein Bewußtsein für die wahre Natur unseres tibetischen Freiheitskampfes geschaffen und tibetische Werte bewahrt haben; wir haben uns außerdem für die Förderung von Gewaltlosigkeit eingesetzt, in unserer Exilgemeinschaft die Demokratisierung vorangetrieben und das weltweite Netz unserer Unterstützer erweitert.

Mit großer Traurigkeit muß ich berichten, daß die Menschenrechtssituation im heutigen Tibet in den vergangenen Jahren eine kritische Wendung genommen hat. Die Kampagnen des „harten Durchgreifens" und der „patriotischen Umerziehung" wurden mit jedem Jahr intensiviert. In einigen Lebensbereichen mußten wir erleben, daß eine Atmosphäre der Einschüchterung, des Zwangs und der Furcht wieder einkehrte, die an die Tage der Kulturrevolution erinnert.

Allein im Jahr 1999 wurden sechs Todesfälle bekannt, die nachweislich auf die Folgen von Folter und Mißhandlungen zurückzuführen sind. Die Behörden haben insgesamt 1432 Mönche und Nonnen aus dem Kloster ausgewiesen, weil sie sich entweder geweigert hatten, sich gegen die Freiheit Tibets oder gegen mich zu stellen. In Tibet sind offiziell 615 politische Gefangene bekannt und dokumentiert. Seit 1996 wurden insgesamt 11409 Mönche und Nonnen gezwungen, ihre Orte des Gebets und des Studiums zu verlassen.

Offensichtlich hat sich an dem erbarmungslosen politischen Vorgehen Chinas in Tibet kaum etwas geändert, seit der verstorbene Panchen Lama in den frühen sechziger Jahren seine berühmte 70000-Zeichen-Petition verfaßte. Er hatte noch die Besetzung Tibets durch das kommunistische China vom Beginn in den fünfziger Jahren an bis Anfang der sechziger Jahre miterlebt. Der gegenwärtige junge, reinkarnierte Panchen Lama steht bis heute praktisch unter Hausarrest und ist damit der jüngste politische Gefangene der Welt.

Ich bin tief besorgt über sein Schicksal.

Am beunruhigendsten ist der stetige Zustrom von chinesischen Siedlern nach Tibet, die davon profitieren wollen, daß Tibet sich der kapitalistischen Marktwirtschaft öffnet. Diese Entwicklung, verbunden mit der Zunahme von Prostitution, Glücksspiel und Karaoke Bars, die die Behörden stillschweigend fördern, unterminiert die traditionellen tibetischen sozialen Normen und die moralischen Werte des tibetischen Volkes. Mehr noch als brutale Gewalt machen diese Entwicklungen die Tibeter zur Minderheit im eigenen Land und entfremden sie ihrer eigenen traditionellen Werte und Glaubensinhalte.

Diese traurigen Zustände in Tibet helfen weder das Leiden des tibetischen Volkes zu lindern, noch bringen sie der VR China Stabilität und Einheit.

Wenn Einheit ein ernsthaftes Anliegen der VR Chinas ist, so muß sich die chinesische Führung ehrlich darum bemühen, die Herzen der Tibeter für sich zu gewinnen, anstatt zu versuchen, ihnen den eigenen Willen aufzuzwingen.

Es liegt in die Verantwortung derer, die herrschen und regieren, dafür zu sorgen, daß der Umgang mit allen ethnischen Gruppen auf Gleichheit und Gerechtigkeit beruht, um Spaltungen zu verhindern. Lügen und falsche Versprechungen mögen die Menschen kurzfristig täuschen, und mit der Anwendung von Gewalt kann man sie physisch kontrollieren, aber allein durch echtes Verständnis, Fairneß und gegenseitigen Respekt kann man Menschen ehrlich überzeugen und zufriedenstellen.

Die chinesischen Behörden sehen in der eigenständigen Kultur und Religion Tibets die Hauptursache für den Separatismus. Dementsprechend gibt es den Versuch, den integralen Kern der tibetischen Zivilisation und Identität zu zerstören. Immer neue Restriktionsmaßnahmen in den Bereichen Kultur, Religion und Erziehung verbunden mit dem unablässigen Zustrom chinesischer Einwanderer nach Tibet laufen auf eine Politik des Genozids hinaus.

Es ist wahr, daß die lange Geschichte Tibets, seine eigenständige und alte Kultur und seine einzigartige Identität die Hauptursachen des tibetischen Widerstands und des Freiheitskampfes sind. Die Tibetfrage ist wesentlich komplexer und tiefgründiger als die simple von Beijing vertretene offizielle Version. Geschichte ist nun einmal Geschichte, und niemand kann die Vergangenheit ändern. Man kann nicht einfach behalten, was einem paßt und streichen, was einem nicht gefällt. Am besten überläßt man es Historikern und Rechtsexperten, die Geschichte Tibets objektiv zu studieren und zu einem eigenen Urteil zu kommen. In historischen Angelegenheiten sind politische Entscheidungen nicht notwendig. Ich schaue daher auf die Zukunft.

Chinas Tibetpolitik war bisher konsequent fehlgeleitet, da sie auf einem Mangel an Verständnis, Wertschätzung und Respekt für die eigenständige Kultur, Geschichte und Identität Tibets beruhte. Im besetzten Tibet ist wenig Platz für die Wahrheit. Die Anwendung von Gewalt und Zwang als hauptsächliche Mittel, Tibet zu beherrschen und zu verwalten, zwingt die Tibeter dazu, aus Angst zu lügen, und die Beamten der örtlichen Behörden, die Wahrheit zu verschweigen und falsche Fakten zu erfinden, um Beijing und seine Handlanger in Tibet zufrieden zu stellen. Chinas Umgang mit Tibet ignoriert konstant die Realität in Tibet. Eine solche Vorgehensweise ist kurzsichtig und kontraproduktiv. Diese Politik ist engstirnig und offenbart das häßliche Gesicht rassischer und kultureller Arroganz und eine tiefe politische Unsicherheit. Die Flucht von Agya Rinpoche, dem Abt des Klosters Kumbum, und kürzlich jene des Karmapa Rinpoche, sind gute Beispiele für die politischen Zustände in Tibet. Die Zeiten sind jedoch vorbei, als Staaten unter Berufung auf ihre nationale Souveränität und Integrität fortgesetzt ungestraft solche rücksichtslosen Maßnahmen anwenden und trotzdem der internationalen Mißbilligung entgehen konnten. Außerdem wird das chinesische Volk selbst die Zerstörung des alten und reichen kulturellen Erbes von Tibet tief bereuen. Ich bin aufrichtig davon überzeugt, daß unsere reiche Kultur und unsere Spiritualität nicht nur Millionen von Chinesen Nutzen bringen, sondern auch China selbst bereichern kann.

Leider scheinen einige Führer der VR China zu hoffen,. daß die Tibetfrage im Laufe der Zeit von selbst verschwinden wird. Eine solche Einstellung auf Seiten der chinesischen Führung heißt einfach, die Fehlkalkulationen der Vergangenheit zu wiederholen. Sicher hätte kein chinesischer Führer im Jahr

1949/50 und dann 1959 gedacht, daß China sich im Jahr 2000 immer noch mit dem Tibetproblem auseinandersetzen würde. Eine alte Generation Tibeter ist verstorben, eine zweite und dritte Generation Tibeter sind herangewachsen.

Unbeirrt vom Lauf der Zeit geht der Freiheitskampf des tibetischen Volkes mit unverminderter Entschlossenheit weiter. Es ist klar, daß dies kein Kampf um das Anliegen eines Einzelnen oder einer einzigen Generation von Tibetern ist. Es ist offensichtlich, daß kommende Generationen von Tibetern sich diesem Freiheitskampf verpflichtet fühlen und ihn hochhalten werden.

Über kurz oder lang muß die chinesische Führung dieser Tatsache ins Auge sehen.

Die chinesischen Führer weigern sich zu glauben, daß ich keine Separation suche, sondern echte Autonomie für die Tibeter. Sie bezichtigen mich ganz offen der Lüge. Es ist ihnen freigestellt, unsere Exilgemeinschaft zu besuchen und sich selbst von der Wahrheit zu überzeugen. Ich bemühe mich unablässig, eine friedliche und für beide Seiten akzeptable Lösung des Tibetproblems zu finden. Meine Position ist, daß Tibet echte Autonomie im Rahmen der VR China erhält. Eine solche Lösung würde beiden Seiten nützen, indem sie zur Stabilität und Einheit Chinas - seiner beiden obersten Prioritäten - beitrüge, während gleichzeitig die Tibeter sich ihrer grundlegenden Rechte sicher wären, ihre eigene Zivilisation zu bewahren und die fragile Umwelt des tibetischen Plateaus zu schützen.

Da ich im Laufe der Jahre keinerlei positive Reaktion der chinesischen Regierung auf meine Vorschläge erhielt, bleibt mir keine andere Wahl, als mich an die internationale Gemeinschaft zu wenden. Es ist nun klar, daß nur verstärkte und gemeinsame internationale Bemühungen Beijing davon überzeugen werden, seine Tibetpolitik zu ändern. Obwohl die unmittelbare Reaktion Chinas darauf negativ sein wird, bin ich fest davon überzeugt, daß solch ein Zeichen internationaler Betroffenheit und Unterstützung wesentlich dazu beiträgt, ein Klima zu erzeugen, das einer friedlichen Lösung des Tibetproblems zuträglich ist. Ich bleibe meinerseits dem Dialog verpflichtet. Ich glaube fest daran, daß der Dialog und die Bereitschaft, die Realität Tibets mit Ehrlichkeit und Klarheit zu betrachten, uns zu einer tragfähigen Lösung führen können.

Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um den zahlreichen Einzelpersonen, Regierungen, Parlamentsabgeordneten, Nicht-Regierungs-Organisationen und verschiedenen religiösen Orden für ihre Unterstützung zu danken. Die Sympathie und die Unterstützung, die wir von einer wachsenden Zahl gut informierter chinesischer Brüder und Schwestern erhalten, ermutigt uns Tibeter sehr und ist für uns von ganz besonderer Bedeutung. Außerdem möchte ich unsere Unterstützer auf der ganzen Welt grüßen, die heute diesen Jahrestag begehen, und ihnen meine tief empfundene Wertschätzung übermitteln,. Vor allem möchte ich aber im Namen der Tibeter dem Volk und der Regierung Indiens unseren Dank übermitteln für ihre unübertroffene Großzügigkeit und ihre Unterstützung während der vergangenen vierzig Jahre unseres Exils. Mit meiner Huldigung all jener tapferen Männer und Frauen Tibets, die für unsere Freiheit gestorben sind und mit einem Gebet für ein schnelles Ende des Leidens unseres Volkes.

Der Dalai Lama.


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23-Mar-00; 5:57:44 PM www.tibetfocus.com
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