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Geschichte: Uebersicht
Um der Problematik Tibets gerecht werden zu können, müssen die bestehenden
Auffassungen über Tibet vor und nach der chinesischen Annexion einer kritischen
Ueberprüfung unterzogen werden. Kurzum: Tibet muss entmystifiziert werden, man muss die
"Wahrheit in den Tatsachen" suchen, wie dies Denk Xiaoping vortrefflich
formuliert hat. Das idealisierte Schangrila-Image Tibets vor 1950 mit seinen romantischen
und mystischen Attributen entspricht ebensowenig der Wirklichkeit wie das Bild vom
"sozialistischen Paradies Tibet", das von der chinesischen Propaganda und von
deren unkritischen westlichen Verteidigern verbreitet wurde und noch heute wird.
Das traditionelle Tibet vor der chinesischen Besetzung war weder ein demokratisches Land
noch ein sozialer Rechtsstaat im heutigen Sinne. Seine soziale Ordnung lässt sich
umschreiben als eine hierarchisch gegliederte Nomaden- und Bauerngesellschaft mit feudalen
und hierokratischen Strukturmerkmalen, die zweifellos reformbedürftig war. Eine
Minderheit herrschte über die Mehrheit, und die Oligarchie aus Klerus und Adel verfügte
über die entscheidenden Machtmittel. Das Volk führte ein hartes und einfaches, aber
zugleich ein zufriedenes und vor allem ein eigenes Leben, und es wurde von Menschen der
gleichen Sprache, Religion, Kultur und Rasse regiert.. Die Tibeter erlitten vor 1950 nie
eine Hungersnot, und die sozialen Ungerechtigkeiten haben nie zu Volksaufständen
geführt.
Seit Mitte des 17. Jahrhunderts lag die Oberherrschaft sowohl über den geistlichen als
auch den weltlichen Bereich der Gesellschaft Tibets in den Händen der Dalai Lamas.
Regierung und Verwaltung waren aus Vertretern der Geistlichkeit und des Adels
zusammengesetzt. Diese enge Verbindung von geistlicher und weltlicher Herrschaft war der
Höhepunkt eines langen und komplexen historischen Prozesses der gegenseitigen Anpassung
von buddhistischer Hierarchie und weltlicher Aristokratie.
Die sino-tibetischen Beziehungen waren -
historisch betrachtet - je nach deren Bedeutung und je nach Machtverhältnisse zwischen
Tibet und China sehr unterschiedlich. Es gab Zeiten, wo mächtige Herrscher Tibets grosse
Teile von China und anderen Nachbarstaaten eroberten. Wie alle Nationen dieser Welt
erlebte Tibet dagegen auch Perioden, in denen seine Nachbarvölker - namentlich die
Mongolen, Mandschus, Chinesen, Engländer und die nepalesischen Gurkhas - versuchten,
Einfluss über Tibet zu erlangen. Das tibetische Volk betrachtete jedoch diese Zeiten nie
als Verlust seiner nationalen Souveränität. Die Chinesen leiten hingegen aus
Einflussnahme sowohl der Mongolen als auch der Mandschus ihren Anspruch auf Souveränität
über Tibet ab.
Mit den hier publizierten Ausführungen soll nun versucht werden, einerseits dem
historischen Anpassungsprozess zwischen buddhistischem Klerus und weltlicher Aristokratie
nachzugehen. Andererseits sollen die gegensätzlichen Auffassungen über das historische
Verhältnis zwischen Tibet und China überblicksmässig dargelegt und sie einer kritischen Ueberprüfung unterzogen werden. Es soll dabei bemüht werden, die Wahrheit in den
historischen Tatsachen zu suchen.
Gyaltsen Gyaltag
23.03.1998 |
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