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Pilgerreise zum Berg Kailash

Eine Expedition zum "Dach der Welt", auf der Suche nach dem Segen der Götter und der spirituellen Wahrheit
Reisebericht und Photos von Reisejournalist Ron Giger, CH-6612 Ascona (Switzerland)

kailash01.jpg (27924 Byte)West-Tibet, eine mystische Welt von zauberhafter Schönheit! In der ungezähmten Bergwelt des Himalaja, erinnert diese markante, symmetrische Pyramidenform an eine präkolumbianische Tempelanlage gigantischen Ausmasses. Der "Kang Rimpoche" oder "Kang Tise" in Hindu stellt in der Kosmologie Indiens und Tibets den Nabel der Welt der beiden grossen und alten Kulturkreise Indien und China dar. Der "Schneejuwel" vermittelt schöpferische Impulse, er ist die Quelle der Kraft & Inspiration. Dieses geographische Zentrum auf dem höchstgelegensten Hochplateau der Erde, mit einer Schneegrenze zwischen 5-6000 Metern, ist zugleich das Quellgebiet 4 grosser, mächtiger Ströme: Ganges, Indus, Sutley und Karnali (Brahmaputra). Die Achse unseres Universums wird, nach ältester Sanskrittradition, als Meru bezeichnet und dies bezieht sich nicht nur auf die physische, sondern ebenso auf die Metaphysische Welt.
Unser psycho-physischer Organismus ist ein mikrokosmisches Abbild des Universums. Meru entspricht unserer Wirbelsäule, bzw. dem Rückmark unseres Nervensystems, Meru ist also die Achse der verschiedenen überweltlichen Bereiche. Sitz Shivas für die Hindus, ist er ein überdimensionales Mandala (Kreis von geometrischen Diagrammen) von Buddhas und Bodhisattvas (Helfer in allen Notlagen) für Buddhisten.

Das Ziel dieser beschwerlichen Expedition ist die Verwirklichung meines Lebenstraumes, die sog. "Parikrama" ("Kora"), die Umwanderung des Heiligen Berges im Uhrzeigersinn, zusammen mit der Rezitation von kraft- und energiegeladenen Mantra "Om mani padme hum". Im religiösen Buddhismus werden der Mantra heilende Wirkung nachgesagt; sie werden auch als magische Machtmittel gegen Krankheiten, Besänftigung negativer Einflüsse und der Erfüllung von Wünschen eingesetzt. Auf dem riesigen Energiefeld zwischen Kailash und Manasarovar-See drängen sich eine ganze Fülle von mythologisch-spirituellen Deutungen auf. Obwohl der Kailash heute zur Persönlichkeitsprofilierung von Westlern etwas degradiert wird, möchte ich auf dieser Pilgerreise nach Westtibet spirituell Eintauchen in den Wirkungskreis des Buddhismus und dabei die heilsamen Potentiale ansammeln und aufnehmen, wie auch gleichzeitig die hindernden und negativen Einflüsse und Anlagen zu bereinigen.

Lhasa - Gyantse

Früh am Morgen melden sich die 5 Fahrer mit ihren verschiedenfarbenen Toyota Landcruiser - unsere Expedition westwärts kann beginnen. Ein Laster folgt der Karawane, schwer beladen mit Zelten, Proviant und vor allem Benzin-Fässern und Ersatzteilen. Die erste Etappe wird uns nach Gyantse, 260 km südwestlich von Lhasa, bringen. Auf der Ausfahrt passieren wir den 25 km langen Linkur, den Umwanderungsweg der heiligen Stätten. Entlang dem Kychu-Fluss überqueren wir den Tsangpo auf einer präparierten Strasse. „Rinsing“ heisst unser Fahrer – er spricht nur tibetisch. Nach einer Stunde die erste Panne. Langsam und schwerfällig kriechen die 5 Jeeps die von den Chinesen seit ihrer Invasion angelegten Naturstrasse bergauf. Wir befinden uns auf einer alten Handelsroute. Der erste Halt auf 4.800 m, dem Khampa-La. ("La": tib.Pass) Blühende, gelbe Senffelder, blaue Enziane und viele Yak sind zu sehen. Höhepunkt ist der grandiose Blick auf den bizarr-verwinkelten Yamdrok-See, der einem Skorpion gleicht. 4.400 m hoch liegt der "Türkissee" und ist einer der grössten Seen Tibets. Das erste Picknick direkt am Ufer - ein eindrucksvolles Panorama. Wir genießen die Ruhe, die Stille und den Frieden dieser Bergwelt. Wilde Yakherden so weit das Auge reicht. Unsere Schotterpiste führt zum 2. Pass, dem 4.800 m hohen „Karo-La“, wo wir in Nebel verhüllte Hängegletscher fotografieren. Chinesische Pop-Musik erklingt aus einem Autoradio. Wir passieren wilde Bergbäche, schneebedeckte Gipfel, zerklüftete Felswände und Schotterhalden mit riesigen Gesteins-Erosionen. Ueber den „Simi-La“ (4.200 m) erreichen wir abends Gyantse. Von weitem grüsst der Dzong (Klosterburg) mit dem imposanten Kumbum-Stupa, das Wahrzeichen dieser drittgrössten Stadt Tibets. Diese hat ihren besondern Charme behalten - es gibt nur wenige chinesische Bauten. Ein hellgelber Vollmond liegt über Gyantse!
Am nächsten Morgen besuchen wir das „Palkohr Chiode“ Kloster vom 15. Jahrhundert, eine von überdimensionalen Mauern umgebene Klosteranlage, in der jede der vier Hauptrichtungen des tibetischen Buddhismus - Gelugpa, Sakya, Kagyu, Nyingma - Tempel und Lehrgebäude hatten. Diese Anlage wurde während der Kulturrevolution systematisch zerstört. Nur der grosse Kumbum-Stupa (32 m hoch, mit 77 Räumen und 100.000 Buddhas) blieb wie durch ein Wunder, von der Zerstörungswut der Chinesen verschont. Der Stupa beherbergt viele wertvolle Skulpturen und Malereien. Wenn der Potala für die Gläubigen der „Vatikan“ des Mahayana-Buddhismus ist, dann wäre der Kumbum das Assisi. Sein oberer Teil ist vergoldet, das Gebäude ist weiss und in kräftigen Farben bemalt. Und erst diese allgegenwärtigen, überschauenden Augen direkt unter der Kuppel! Diese mystische Lebendigkeit ist ein perfektes Meisterwerk und zugleich der schönste Sakralbau Tibets. Am Eingang zum Kloster folgen uns streuende Hunde. über unzählige Treppenaufgänge gelangen wir zum Dach des Kumbum, mit einem faszinierenden Blick auf die Kornkammer Tibets im Osten. Welch’ eine Glückseligkeit überkommt den Besucher hier oben auf dem Dach des Tempels. Einem Amphitheater gleich breiten sich die Burgwälle um die Klosteranlage aus, die Ruinen perfektionieren das Bild. Den Gyantse-Dzong, die Burgfeste, wollen einige von uns besteigen. Der Blick ins Nyang-chu-Tal ist atemberaubend schön. Der englische General Younghusband marschierte 1903 mit einer 1000- Mann starken Armee hier ein und nahm den Dzong in Besitz. Die wehrlosen Tibeter, mit alten Gewehren, Speeren und Steinschleudern bewaffnet, wurden dezimiert. In der Dämmerung unternehmen wir nochmals einen Spaziergang zum Felsenkloster. Sven Hedin, der schwedische Forschungsreisende, verweilte hier auf dieser berühmten Handelsroute zwischen Indien und China um die Jahrhundertwende. Ein Rudel brauner Hunde begleitet unsern Abstieg. Zurück im Hotel erwartet uns ein perfekter Regenbogen.

Gyantse - Shigatse

Früh um 8 Uhr wird am nächsten Morgen zum Start gerufen. Ich habe diese Nacht seit langem zum ersten Mal durchgeschlafen. Nur noch 92 km trennen uns von Shigatse, entlang dem Nyang-Chu. Unser Ziel ist der imposante Tempelbau des „Tashi-Lünpo“ Klosters, wo Sven Hedin um die Jahrhundertwende von weit her die goldenen Dächer des Klosters bewundern konnte. Tashi-Lünpo ist heute Sitz der zweithöchsten Reinkarnation Tibets, dem 10. Panchen Lama. Die Geschichte lehrt uns, dass der 10. Würdenträger nach dem Einmarsch der Chinesen und der darauffolgenden Flucht des Dalai-Lama nach Indien, zur höchsten religiösen Instanz in Tibet erklärt wurde. Nach seinem Tod im Jahre 1989, wurde er 1993 in einer bedeutenden Zeremonie in einem Mausoleum beigesetzt. Ihm ist es zu verdanken, dass das Kloster wiederaufgebaut wurde. Durch seine Kollaboration mit den Chinesen (er war verschiedene Male Gast in China), ist das Kloster heute stark sinologisiert.
Anfangs 1995 wurde die 11. Reinkarnation, ein kleiner Junge, gefunden und wurde vom Dalai-Lama anerkannt. Ueber sein heutiges Schicksal herrscht Schweigen. Nur offiziell weiss man, dass er mit seiner Familie nach China verschleppt wurde und seither als Verschwunden gilt. (Peking gibt heute offiziell zu, der Junge sei mit seiner Familie zu seiner eigenen Sicherheit „interniert“ worden.) Trotz der chinafreundlichen Atmosphäre bin ich tief beeindruckt von der riesigen Klosteranlage, dem Labyrinth der Holztreppen und Gängen, dem bunten Gemisch der vielen Pilger. Und überall dösen verstreut wilde Hunde. Aus dem 2. Stock im Innenhof einer Mönchszelle werde ich von einem jungen Welpen übermütig angebellt. In der dunklen Kammer betrachten wir den vom 9. Panchen-Lama angelegten überdimensionalen Buddha-Maitreya, den Buddha der Zukunft. Er thront auf einer Lotusblume mit erhobener Hand - Daumen und Zeigefinger sind zu einem Kreis geformt. Einmalig in jeder Hinsicht: 9 Stockwerke hoch, aus Hunderten Tonnen Bronze gegossen, mit 225 kg Gold und 300 Edelsteinen verziert. Danach besichtigen wir das Mausoleum des 10. Panchen-Lama. Aber auch das Silbergrab vom 4. Panchen Lama verdient Beachtung. Auf besondere Veranlassung des 10. Panchen Lama wurden alle tibetischen Würdenträger der 6.-9. Panchen-Lama in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt.

Shigatse - Lhatse

Ein schmackhafter Buffet-lunch erwartet uns im chinesischen Shigatse-Hotel. Anschliessend starten wir zur Expedition in die tibetische Hochebene, über die endlose Nordroute: Lhatse, Senge-Khabab (Ali), der "Wilde Westen" Tibets. Wir werden einige der abgelegensten Orte unserer Erde besuchen, nach dem Motto: "Der Weg ist unser Ziel".
mk_landschaft01.jpg (45323 Byte)Kurz nach Shigatse der erste chinesische Checkpoint. Sogar Meilensteine gibt es in dieser Einöde, sie geben die Entfernung nach Peking an. Ein Pannenhalt: der Peugeot-Teilnehmer der "Paris-Peking-Rally" liegt mit Achsenbruch auf der Strecke. Ueber 80 Autos nehmen an dem Wüsten Rallye von 5 Wochen teil. Ab und zu gibt es Gerstenfelder in dieser grandiosen, eindrucksvollen Landschaft. Erosionen im fortgeschrittenem Stadium, kleine Plantagen, die von armen Bauern dem kargen und vegetationsarmen Boden abgetrotzt werden. Nachmittags passiert es: Eine Teilnehmerin unserer Gruppe leidet an Diarrhöe und zudem macht ihr die Höhenluft zu schaffen. Trotz Arzt und Krankenschwester in unserer Gruppe, verlieren wir viel Zeit. In einer Kaschemme wärmen wir uns auf mit Buttertee. Dann kommt endlich unser Laster. Neben den 4 Tonnen Benzin führt er unsere Utensilien mit: Nahrungsmittel für die nächsten 3 Wochen, die Zelte und Trinkwasser. Weiter führt unsere Piste westwärts über Schlaglöcher und Bachbette. Wir passieren Yak- und viele Schafherden. Ein faszinierendes Schauspiel von Licht und Schatten. Am späten Nachmittag erreichen wir Lhatse auf 4.300 m Höhe, wo wir die Nacht in einem einfachen Resthouse mit separatem "Shithouse" verbringen. Das einstöckige Gebäude mit grossem, offenen Innenhof erinnert mich an eine ,,Karawanserei" in Nordafrika. Ein zweiter Notfall: eine Teilnehmerin leidet an Höhen-ödem mit hohem Fieber; sie wird von unserm Arzt mit einer Infusion gepflegt. Abendessen in Kaschemme, bei Kerzenlicht suchen wir danach unsere Ruhestätte auf.

Lhatse - Gertse

Gegen 7 Uhr Tagwache, Gang zum "Shithaus", Packen. Nach dem Frühstück verlassen wir den kleinen Provinz-Ort und passieren den chinesischen Kontrollposten, wo der Tages- Permit eingesehen wird. Heute liegt ein anstrengender Tag vor uns. Die Landschaft zeigt sich kontrastreich, ein Eldorado für Geologen. Blaue Bergseen, Ziegen- und Schafherden und fröhliche Bauern, die uns zuwinken. Hier im Hochland des Himalaja beträgt die Boden-Bewegung 10 cm pro Jahr; der indische Subkontinent drückt gegen die asiatische Platte. Unsere Mittagsrast am Fluss liegt auf 4.580 m: kalte Hühnerschlegel, Eier, Momos, tib.salzloses Brot und viel Flüssigkeit. Kurz darauf steuern wir den nächsten Pass auf 4.800 m Höhe an, gebetsfahnengeschmückt, wie alle Gebirgsübergänge in Tibet. Mühsam schleppt sich unser Konvoi voran. Unterwegs begegnen uns viele Laster mit Schafswolle, die für Indien und Nepal bestimmt sind. Kurzer Halt auf dem Hochplateau. Neben blühendem Edelweiss tummeln sich Hasen, Springmäuse und Eichhörnchen.
Gleich nach dem Gula-Pass auf 5.100 m werden die Zelte am Flussbett aufgebaut. Wir sind jetzt schon über 9 Stunden unterwegs - ein harter Tag! Und die Nacht bei Minus-Temperatur zu verbringen, setzt eine gewisse Grund-Widerstandsfähigkeit voraus - das sog. Erstmal-Syndrom.
Nach einer schlaflosen Nacht, Tagwache gegen 7 Uhr. Wir erleben unsern ersten Frost. Entlang dem Tsangpo-Fluss wollen wir vorwandern, um uns etwas aufzuwärmen. Später werden wir von unsern Fahrern wieder "eingesammelt". Landschaft pur! Wir befinden uns im Transhimalaja, auf der Nordroute zum Kailash. Schneebedeckte, gewaltige Schotter-Kulissen kontrastieren mit kristallklaren Bergseen, von Kupferenten bevölkert. Es gibt sogar Geysire mit sprudelnden heissen Quellen.

lastwagen.jpg (45579 Byte) Kurz darauf stossen wir auf eine Nomaden-Grossfamilie mit ihren Yakherden. Kugelschreiber und Luftballons werden an die Kinder verteilt, dafür dürfen wir Fotos „schiessen“. Diese Hirten bleiben meist eine Woche am Platz und ziehen dann weiter mit ihren Yakzelten. Am “Baga-Chu“ sind wir wieder auf 5.100 m und werden von einer artenreichen Fauna belohnt: Schwarzhals-Kraniche, Berg-Antilopen, Füchse, Hasen und immer wieder neugierige Murmeltiere. Gegen 14 Uhr, nach 5 Stunden Fahrt durch das Hochplateau, machen wir Mittagsrast und bekommen Gesellschaft von einer Nomaden-Familie. Geschenke werden an die Kinder verteilt. Auf dem „Semho-La“ messen wir 5.600 m. Die Licht-Intensität, dieses Wechselspiel zwischen Licht und Schatten, ist beeindruckend. Sogar die sehr scheuen und seltenen Wildesel können wir beim Grasen beobachten. (tib."Kyang") Und plötzlich werden wir von Schneegraupel überrascht. Nach der 10-stündigen, anstrengenden Pistenfahrt schlagen wir gegen 20 Uhr unser Camp am Fluss, im Herzen des Transhimalaja, auf. "Om mani padme hum"!
Das Vorlaufen am nächsten Tag wird zur Standard-Praxis in dieser desolaten, vegetationsarmen Weite des Hochplateaus. Schwerbeladene chinesische Laster sind ab und zu einzige Gäste hier. Wir schaffen ein Stundendurchschnitt von 35 km. übermütige Wiedehopfe begleiten unsere Fahrzeuge nordwärts. Um die Mittagszeit erreichen wir einen türkisblauen Salzsee, eingebettet in eine beeindruckende Bergkulisse. Das weisse Gold wird hier abgebaut, über die Berge nach Nepal transportiert und dort gegen Reis eingetauscht. Vorbei an Sanddünen suchen wir einen Bergfluss für die Mittagsrast. Nomaden gesellen sich zu uns. Hängegletscher begleiten die strapaziöse Fahrt nach Westen und bald befinden wir uns inmitten der berühmten Hochebene der Changtang, einer endlose Sandwüste, die während des 9-monatigen Winters gefroren bleibt. Bereits nach Sonnenuntergang erreichen wir den primitiven Marktflecken Gertse, nach einer 11-stündigen Fahrt. Unsere Gesichter sind vom penetranten Sand pulverisiert. Das Resthouse hat Ähnlichkeit mit der Kaserne einer Fremdenlegion in der Sahara. Schnell wird die Zeltkantine aufgebaut. Dann sinken wir todmüde in unsere Schlafsäcke.

Gertse - Ali

Nach dem gemeinsamen Frühstück Weiterfahrt nach Westen, vorbei an friedlich grasenden Yakherden mit Nomaden und einer sich dauernd verändernden Landschaft. Fotostop bei einem verlassenen, ehemaligen chinesischen Fort. Gleich links führt ein Pilgerpfad nach Südwesten zum heiligen Berg Kailash. Diese Pilgerreise zu Fuss beträgt lange 3 Wochen. Als Hauptnahrungsmittel und Energiespender wird Tsampa, aus gerösteter Gerste, eingenommen. Frischwasser liefern die zahlreichen Bergflüsse, der Yakdung wird unterwegs für Brennholz verwendet. Mittagsrast gegen 14.30 Uhr. Unser Auge schwelgt in überdimensionalen Raumverhältnissen; wir sind die einzigen Lebewesen hier. "Mig-kar" (Weissauge) werden wird von den Tibetern genannt. Salzseen und Eruptionskegel sind Zeugen vulkanischer Tätigkeit vor Tausender Jahren. Gegen 17.30 erreichen wir den nächsten Pass auf 4.800 m. Kurze Zeit später treffen wir auf eine 40-köpfige Pilgergruppe aus der Nordostprovinz Amdo. Ein äusserst heiteres Völkchen. Nach dem Austausch von Geschenken dürfen wir sogar Fotos 'schiessen'.
Auf 5.500 m Höhe schlagen wir gegen 19 Uhr unser Camp an der heiligen Quelle „Chumba (Gegend) Chu“ (Quelle) auf. Heute Nacht sinkt die Aussentemperatur auf -10 Grad. Eine perfekte Milchstrasse zieht von Ost nach West und trägt zur Romantik bei.
Unsere Fahrer sind mit der Reparatur einer Achse noch bis spät in die Nacht hinein beschäftigt.
Hell scheint die wärmende Sonne in unser Zelt am nächsten Morgen. Wir genießen das Vorlaufen, unser Morgenritual. Nach einer Stunde werden wir "eingesammelt", dann geht es in flottem Tempo westwärts, vorbei an einem chinesischen Kontrollposten, mit nur 2 Mann "bestückt" (der Eine ist des Lesens kundig, der Zweite notiert die vorbeifahrenden Autonummern!). An einem einsamen Fluss warten wir auf den zurückgebliebenen Verpflegungs-Laster. Gegen 14 Uhr dürfen wir uns stärken. Vorher geniesse ich die "Fünf-Tibeter"-Uebungen an der Sonne. Mein Herz pumpt, der Puls rast in dieser Höhe. Ueber 3 Stunden dauert die Wartezeit auf den defekten Landcruiser. Gegen 16 Uhr erreichen wir den träge dahinfliessenden Indus, eine der Lebensadern Indiens, vor einer majestätischen Bergkulisse. Dann gegen 20 Uhr ist unser Etappenziel Ali in Sicht, die moderne chinesische Hauptstadt der westlichen Provinz Ngari, auf 4.300 m Höhe. Und wieder sind wir todmüde und durchgeschüttelt. Leider ist unser Hotel ausgebucht, wir müssen mit einer "Absteige" auf dem Hinterhof für die Nacht vorlieb nehmen, ohne Dusche und WC. Das ,,Shit-house" befindet sich gleich neben der Abfallhalde. Bei anbrechender Dunkelheit fahren wir zu einem chinesischen Restaurant.

Ali - Guge

Hier können sich die Nomaden mit dem Nötigsten eindecken und wir ergänzen hier unsere Vorräte. Einem betagten Lama-Arzt aus Darchen übergeben wir 17.000 Fr. Spendengelder aus der Schweiz für seine Medizin-Schule. Im Restaurant "Fu-Cheng" nehmen wir das Frühstück ein. Anschliessend genießen wir den freien Vormittag, während unsere Landcruiser von der Mannschaft überholt werden. Der Morgenspaziergang durch Ali erfordert eine gewisse Abgestumpftheit. So viel Dreck, Schmutz und Armut in diesem Nest am Ende der Welt ist schwer anderswo zu finden. Und der Gestank der Müllhalden ist kaum zu ertragen und spottet jeder Beschreibung. Nicht ohne Grund tragen die Menschen hier einen Mundschutz. Wir erkennen viele Händler aus dem entfernten Kashgar. Omnipräsent sind die chinesischen Militärstreifen mit ihren vielen "Spitzeln".
Nach dem gemeinsamen Mittagessen im "Fu-Cheng", Weiterfahrt Richtung Südwesten, zu einem bedeutenden buddhistischen Zentrum, dem alten und heute verlassenen Königreich Guge. Doch vorher müssen noch 3 Pässe bewältigt werden. Wir befinden uns im Indus-Tal, bevölkert von verstreuten Herden von Wildpferden und Schwarzhals-Kranichen. Am Tilla-Pass angelangt, erreichen wir 5.600 m Höhe und schlagen unser Camp am Flussbett auf. Nachts heulen streuende Wölfe, die uns aber unbeeindruckt lassen.

wandmalerei.jpg (43677 Byte)Ein unvergesslicher Tag erwartet uns im ehemaligen Königreich Guge, jeder profanen Wirklichkeit enthoben und berühmt geworden aus den Erzählungen "Weisse Wolke", von Lama Govinda. 45 erhabene Minuten wandern wir ostwärts, passieren kurze Zeit später den chinesischen Vorposten und strafen die Militärs durch unsere Teilnahmslosigkeit. Und schon öffnet sich die bizarre Cañon-Landschaft in ihrer ganzen vielfältigen Farbenpracht. Einmalig ragen die von Wind und Wetter geformten Sandsteinformationen in den klaren, tiefblauen Himmel und versetzen uns in eine andere Welt. Wegen der Grenznähe zu Indien brauchen wir einen ,,special permit". Während der berüchtigten Kulturrevolution von 1966-76 wurden Tholing und Tsaparang von den Chinesen vollständig zerstört. Heute ist das ehemalige religiöse Zentrum eine von den Göttern verlassene Stadt. Der Grosse Atisha (indischer Weiser), der im elften Jahrhundert den Buddhismus nach Tibet brachte und in Guge 1040 den „Pfad zur Erleuchtung“ verfasste, war ein berühmter Gelehrter. Die Ruinen der Gompa zeugen noch heute von der unkontrollierten Zerstörungswut der Besetzer. In Tholing werden „Permit“ und Pässe kontrolliert.
Dem Sutlej-Fluss entlang erreichen wir nach mühsamer 20 km Pistenfahrt Tsaparang, der alten Hauptstadt von Guge mit seiner ruhmvollen Vergangenheit.
Bis ins 16.Jahrhundert war dieser heilige Ort zweites religiöses Zentrum Westtibets, ein Ort geistig-künstlerischer Ausstrahlung. Infolge von Trockenheit und Versandung wurde die Stadt später aber aufgegeben.
Box-Lunch am fusse der Ruinen-Klöster. Hier faszinieren die noch heute beeindruckend gut erhaltenen Wandfresken. Sie stammen teilweise noch aus der Gründungszeit. Ein historisches Zeugnis der damaligen Kunst und Zugeständnisse an die Gegenwart. Zurück am chinesischen Posten in der Oase - zwischen frischgrünen Pappeln und orangefarbenem Sanddorn - sind wir der Willkür des Grenzpostens ausgesetzt. Vorbei an Schotter-Abbrüchen - Zeugen von jungem Gestein - erreichen wir unser Etappenziel gegen 20 Uhr. Unsere Zelte stehen schon bereit.

Ein denkwürdiger Tag in Tirthapun:

Gut erholt starten wir den neuen Tag mit dem Vorlaufen. 2 Pässe, zugefrorene Bergflüsse und viel Staub ist heute Morgen zu bewältigen und dies auf einer Höhe von 5000 Metern. Und immer wieder dunkles Vulkangestein und Moränen. Gegen 13 Uhr ist Mittagsrast in der fruchtbaren Ebene bei Moincer. Am Fluss bauen wir kurz darauf unser Camp auf, direkt am Lincor, dem heiligen Umrundungsweg der Pilger. Tirthapun, zusammen mit dem Kailash und Manasarovar-See, gehören zu den klassischen Pilgerorten der Tibeter. Hier erinnern die beiden Fussabdrücke: Guru Rinpoche mit seiner Gefährtin Yeshe Tsogyel - heiligstes Zeichen dieses Ortes - an ihre Meditation.

mk_landschaft02.jpg (65348 Byte)Der nächste Morgen beschert uns ein besonderes Erlebnis: Im Uhrzeigersinn erklettere ich, zusammen mit meinem Freund, den Klosterberg. Am hl. Pilgerweg, dem Lincor, beobachten wir einen älteren Mann während seiner Umrundung. Bereits am Vortag hatte er unsere Aufmerksamkeit erregt, wie er, glücklich mit sich selbst, seine heiligen Orte während der Nacht umschreitet. Sein insich-gekehrtes, zufriedenes Lächeln, bestätigt meine Vermutung. In dieser Nacht sind einige neue Pilgergruppen, sowohl aus dem In- wie Ausland, angekommen. In der Ferne grüsst der Schneegipfel Ghurla Mandata, der Blick auf den mäandrierenden Flusslauf in der Ebene ist atemberaubend schön. Tirthapun, Ort der heiligen, heissen Quellen, mit ihren weissen und rosafarbenen Sinterterrassen. Pilger sammeln Steine und Pflanzen, denen besondere Kräfte innewohnen. Aber überall dasselbe traurige Bild: Die sinnlos zerstörten Klöster mit ihren unschätzbaren Wandmalereien und Fresken, die während der Kulturrevolution zerstört wurden. Warum, so stellt sich immer wieder die Frage, wird ein friedliches, glückliches, anti-aggressives und nicht auf Landgewinn ausgerichtetes Volk geknechtet? Warum wird seine Kultur zerstört, warum werden Kleinkinder nach China verschleppt? Warum wohl hatte Tibet damals keine völkerrechtliche Anerkennung angestrebt? Es fehlt eine Antwort auf diese Problematik.

Manasarovar-See

Später am Vormittag steigen wir zum höchsten Punkt des heiligen Berges auf, grosse Schatten vorauswerfend. In der Ferne grüsst der Kailash. Beim Abstieg treffen wir auf zahlreiche neu-angekommene Pilgergruppen und verweilen in einem wiederaufgebauten Kloster, wo ein kostbares Mandala (ältestes aller heiligen Symbole, mit kleinem Kreis, die Seele darstellend) unsere Aufmerksamkeit erregt. Die kleine Pause zum Philosophieren über den Buddhismus ist sehr willkommen.
Nach dem gemeinsamen Mittagessen am Fluss in der Sonne, Weiterfahrt Richtung Darchen. Der Kailash rückt in greifbare Nähe, sogar die "Himmelsleiter" wird sichtbar. In der schweigenden Einöde der windgepeitschten, mit Steppengras bewachsen Hochebene, beobachten wir seltene Kyang (eine Art Wildesel), Schwarzhalskraniche und viele Hasen.
Bei Hore, südlich vom Kailash, zeigt sich der mit seinen 4.588 Metern höchstgelegenste Frischwassersee der Erde, das Ziel der Wallfahrt und unserer Sehnsucht.
Das aquamarin- bis türkisblaues Wasser hat magische Heilkraft und symbolisiert die Kräfte des Lichts. Ein Reservoir psychischer Energie - der See der unbesiegbaren Kräfte Buddhas. Ich glaube kaum, dass es einen Ort auf Erden gibt, der erhabener und würdiger wäre, mit dem Paradies identifiziert zu werden als die Manasarovar-Kailash Region, von den Tibetern das "Dach der Welt", der Nabel, das Zentrum aller Länder genannt. Die seelische Empfänglichkeit und die Feinfühligkeit werden hier unendlich gesteigert. Auch das Bewusstsein erhält eine neue Dimension der Wirklichkeit: wunderbare Visionen werden zuteil, seltsame Stimmen dringen an das innere Ohr und trance-ähnliche Verzückungszustände entstehen.

manasarovar01.jpg (32202 Byte) Die Hindus verehren den Manasarovar-See als eine Schöpfung ihres Gottes Brahma für die rituelle Reinigung. Wer von dem Wasser trinkt, dem werden Vergehen von 100 Geburten vergeben. Im Jahre 1948 wurde ein Teil der Asche von Mahatma Gandhi in den See gestreut. 8 verschiedene Klöster säumen das Ufer des Sees, und jedes repräsentiert eine der 8 Speichen des "Rad des Lebens" (auch "Rad der Lehre": Zwischen 2 Gazellen erinnert das Rad an Buddhas erste Predigt im Tiergarten von Sarnath). Dieser hochgelegene See verkörpert Licht, das Positive und Maskuline. Der Rakastal See in seiner Nähe, mit dem dunklen Wasser für den Mond und die Kräfte der Finsternis, hat eine leichte Sichelforn. Ein Ausbleiben der Verbindung des Ganga-Chu-Kanal wäre für die Tibeter ein schlechtes Omen (dies ist zur Zeit der Fall). Die Kora (die Umrundung) hilft, positives Karma aufzubauen und steht für die einmalige Drehung des Lebensrades. Bei der Ankunft in Darchen ist eine Besichtigung des lokalen Krankenhauses, mit Schweizer Hilfe finanziert, vorgesehen. Es wurde am 22.8.1997 eingeweiht, tibetische und westliche Medizin werden hier angewendet.
Zurück in Hore bauen wir unsere Zelte auf, trotz eisigem Steppenwind. Psychisch bereiten wir uns auf die Teil-Umrundung des hl. Sees (Kora) vor. Werden wir der karmischen Erlösung in ein paar Tagen näher gekommen sein? Sonntag: "Om mani padme hum" ("Heil dem höheren Ich des Menschen") rezitierend, beginnen wir mit der ersten Etappe der Umrundung, immer in Sichtweite des hl. Berges. Den See bevölkern Kupferenten und Stelzenreiher. Den Tieren droht keine Gefahr, da sie weder bedroht noch gejagt werden - sie dürfen ein heiliges Leben führen. Wir treffen auf einen Landcruiser mit chinesischen Vermessungsbeamten - die einzigen Menschen am azurblauen, heiligen See. Gegen Mittag erreichen wir das Kloster Seralung, dessen alte Gompa während der Kulturrevolution zerstört wurde. Danach überschreiten wir die kleine Passhöhe. Die schwer bepackten Lastpferde begleiten unsere Wandergruppe entlang des Südostufers. Von jetzt an geht es an die Muskeln. Trotz meiner Müdigkeit bin ich überglücklich, diese unvergesslichen Erinnerungen und Eindrücke von diesem heiligsten und berühmtesten See der Erde, dem Ziel unserer Wallfahrt, aufzunehmen.

2. Tag des Parikrama

Gegen 10 Uhr geht es südwärts. In dieser unberührten Natur, abseits menschlicher Geschäftstätigkeit, unter freiem Himmel und von einer Traumlandschaft umgeben, fühle ich mich glücklich, sorgenfrei und im „tao“ mit mir selbst und der Welt. Himmelblau zeigt sich der Manasarovar-See um die Mittagszeit. Gegen 14.30 Uhr Rast bei der wieder-aufgebauten Gompa, neben dem chinesischen Militärposten. Hier wollen wir die Nacht am Fluss verbringen. Entlang der Küste, etwas abseits des Pilgerpfades, entdecken wir Anhäufungen von “Mani-Steinen“, auf denen heilige Silben eingeritzt sind. Sie sollen dem Künstler wie dem Spender Verdienste bringen.
Vor dem Sonnenuntergang unternehmen wir einen längeren Spaziergang am Ufer des Sees. Fette Mäuse treiben ihr Unwesen in der prärie-ähnlichen Steppe. In der Ferne sind Vogelstimmen zu hören. Plötzlich stossen wir auf eine 30-köpfige Nomaden Familie mit ihrer Herde schwarzer Yak (tib.Grunzochsen). 4 Generationen, vom Baby bis zur betagten Grossmutter, teilen ihre Zelte, wo bereits ein lustiges Feuer für den traditionellen Buttertee brennt. Der kostbare Kopfschmuck lässt auf eine Pilgergruppe schliessen; vielleicht trecken sie vom Kailash zu ihren Winterquartieren?
Um 19 Uhr ist Teezeit. Biskuits "made in China" werden herumgereicht. Dann bricht auch schon die Nacht ein.
Gegen 10 Uhr machen wir uns auf den Weg durch das Sumpfgebiet. Vergangene Nacht ist wieder Schnee gefallen. Mit Schrecken stellen wir fest, dass nur ein Abschleppseil zur Verfügung steht, wie sträflich leichtsinnig. Drei Landcruiser sind letzte Nacht im Schlamm hängen geblieben. Auch ein Achsenbruch wäre in diesem unwegsamen Gelände vorstellbar. Doch heute Morgen macht unsere Flotte einer "Camel-Trophy" alle Ehre. Gegen Mittag erreichen wir den azurblauen Rakastal-See, in der Ferne grüsst die schneebedeckte Bergkette Indiens. Zurück am Manasarovar-See besuchen wir einen Eremiten-Lama in seinem Adlerhorst, tief im Innern des Felsens. Gegen 14 Uhr bauen wir dann unser Camp auf, in Sichtweite des „Chiu-Gompa“ (tib. Vogel). Verkleidet besuchte Sven Hedin 1907 diese Region. Er verbrachte 12 Stunden auf dem Dach des kleinen „Gosul-Gompa“ am Westufer, in tiefer Meditation. Wir geniessen den purpurroten Sonnenuntergang dieser einmalig schönen Landschaft.

Darchen

Nach einem kurzen "Einlaufen" gönnen wir uns die verdiente Siesta. Um 18 Uhr sind wir Gäste im "Kailash-Medical-Center", das vor 2 1/2 Monaten eingeweiht wurde. Der junge Architekt Andreas aus dem St.Galler Rheintal übernimmt die Führung. Beim gemeinsamen Abendessen werden wir vom Lama-Arzt Dorje mit einer Kata (weisse Glücksschleife) geehrt. Diese Katas sind symbolische Geschenke; sie stellen eine Verbindung zwischen dem Spender und dem Empfänger her. Die Höhe und Nervenanspannung machen einer Expeditions-Teilnehmerin erneut zu schaffen. Drei der Teilnehmer verzichten infolge auf die strapaziöse Umrundung.

Der Kailash:: ein unbeschreibliches Gefühl höchster Glückseligkeit nimmt Besitz von mir, denn auch das geistige Umfeld stimmt. Es ist ein erhabener Ort spiritueller Inspiration, ich fühle mich Zentrum des Mandala, das Pilgerziel meiner Träume rückt in nächste Nähe. Die Kora dauert 3 Tage. 53 km sind unter extrem schwierigen Voraussetzungen zu umwandern. Höhepunkt: der 5.600 m hohe „Dölma-La“, dem Himmel spürbar näher. So nah den Göttern werden wir nie mehr sein. Im Jahre 1959 wurden die uralten Pilgerwege von den Chinesen geschlossen, 1981 öffneten sie die Grenze für Inder und Nepali; seit 1985 dürfen Ausländer "unverkleidet", aber nur mit einer Sondergenehmigung, den Kailash besuchen. Auch wir dürfen morgen das kraftspendende und heilende Mantra ,,om mani padme hum" beim Aufstieg rezitieren und die Gebetsschnur durch unsere Finger gleiten lassen.

dolmala.jpg (45628 Byte) Am nächsten Morgen gegen 10 Uhr sind wir startbereit, trotz Frost und leichtem Schneefall. Ueberschattet wird der Tag durch den Tod zweier junger deutscher Trecker, die in der letzten Nacht während der Umrundung erfroren. Der Dritte, ein Koreaner, wurde mit schweren Erfrierungserscheinungen ins Krankenhaus gebracht.
Als Vorreiter-Gruppe machen wir unsern ersten Halt am sog."Maibaum-Flaggenmast". Dieses Felsplateau dient dem Bestattungstort toter Pilger. Die Geier nehmen sich ihrer Gebeine an, nur so ist eine Wiedergeburt gesichert (Tod ist Geburt, Sterben ist nur eine Entrückung auf eine andere Daseinsebene). Dolomitenartiges Gestein begleitet den Umrundungspfad nordwärts.
Die Kora symbolisiert den Kreislauf von Leben, Tod und Wiedergeburt. Der Weg ist also eine Reinigung des Geistes oder die Meditation über Leben und Tod.
Mit entsprechender Motivation wird das negative Karma eines Lebens mit jeder Kora beseitigt.
Unterwegs treffen wir auf vereinzelte westliche Pilger, welche die Kora frühzeitig, wegen Schneefall oder Uebermüdung, abgebrochen haben. Gegen 16.30 erreichen wir das verlassene Kloster „Drira-Puk“, geschmückt mit Gebetsfahnen, knapp unter 5000 m Höhe. Wir dürfen die wärmende Sonne noch während einer Stunde geniessen. Vor unsern Augen erhebt sich der magische, heilige Berg Kailash, das Schneejuwel. Niemand kann sich seinem Zauber entziehen. Um 19 Uhr trifft der schwer-beladene Yak Versorgungs-Konvoi ein. In der Zwischenzeit haben wir einen Komplex aus 4 primitiven Schuppen gefunden, wo wir die erste Nacht verbringen. Morgen werden wir den „Dölma-La“, knapp unter 6000 m, erreichen - der Höhepunkt der Kora. Von heute ab heisst die Devise: "Atmung regulieren", denn man muss infolge Sauerstoffarmut das zwei- bis dreifache Volumen an Luft einatmen, als man dies auf Meereshöhe benötigen würde. Dementsprechend hat das Herz eine erheblich grössere Arbeit zu leisten. Andererseits ist das Gewicht des Körpers erheblich vermindert, sodass die Muskeln ihn fast ohne Anstrengung emporheben und man sich beim Steigen beschwingt fühlt. In diesen Höhenlagen wird man sensitiver, man wird auch mehr seiner eigenen Träume bewusst und wird von ihnen beeindruckt. Diese Fähigkeit der Konzentration und Selbstbeobachtung, vor allem die psychische Sensibilität, wird in Tibet hundertfach verstärkt durch die unendliche Weite, Stille und Einsamkeit der Natur. Hier gibt es nichts, was den Geist von sich selbst ablenkt. Die geistige Aktivität wird erhöht und verstärkt, denn Geist und Natur sind Verbündete, nicht Konkurrenten.

2. Tag der Kora

Nach einer "trockenen" Nacht, machen wir uns gegen 10 Uhr auf den Weg zum Aufstieg. Der Pass ist nach der gütigen „Buddha-Tara“ benannt. In der Nacht ist ergiebig Schnee gefallen. Viele Pilger haben das gleiche Ziel. In ihren selbstgebastelten Turnschuhen ziehen sie, Mantra rezitierend, bergauf. Gegen 13.50 erreichen wir die Passhöhe - ein dramatischer Augenblick - wir haben es geschafft. "Lha-Gyalo": die Götter siegen! Wir fallen uns gegenseitig in die Arme und befestigen unsere mitgebrachten Gebetsfahnen und Katas. Unser Picknick schmeckt heute besonders gut. Dann folgt auch schon der gefährliche Abstieg im Schnee und Eis. Todmüde erreichen wir gegen 18.30 ein Flussbett, wo die Zelte aufgebaut werden. Wir befinden uns auf einer Höhe von 4.800 m. kailash02.jpg (60676 Byte)

3. Tag der Kora

Gegen 10 Uhr machen wir uns auf den Rückweg nach Darchen. Moränen mit Flussbetten sind harmonisch eingespannt in die grossartige Felslandschaft. Unterwegs genießen wir unser Picknick und beobachten ein Pärchen Steinadler auf Futtersuche. Gegen 15 Uhr schaffen wir unser Endziel. Wir werden mit einem warmen, schmackhaften Essen belohnt. Meine innigsten Gedanken sind bei meiner Liz, zuhause in unserer Sonnenstube im Tessin. Und weil Gedanken Energiewellen sind, kann der Gedanke zielgerichtet bewirken, dass sich ein Gegenstand ,,telekinetisch" bewegt. In anderer Art geleitet, kann sich der Gedanke als Telepathie auswirken!
GHeute ist Sonntag, wir treten die Rückfahrt über die Südroute an. Unterwegs können wir zahlreiche Gazellen und Kraniche beobachten. Zu unserer Linken liegt der „Bön-Ri“ (heiliger Berg der Bön), rechts grüsst der Manasarovar-See. Bei Hore passieren wir nochmals den chinesischen Posten. 2 junge Israelis warten schon seit 2 Tagen auf einen "Lift" nach Süden.
Schotterhügel, "angezuckerte" Felspyramiden, einsame Bergseen und viele Schafherden, die ihr neues Winterquartier aufsuchen. Beim Ueberqueren eines namenlosen 5.200 m hohen Bergpasses braucht unser Laster das erste Mal Ketten. Gegen 19.50 erreichen wir ein Hochplateau am Flussbett, wo wir unser Camp aufschlagen.

Pajang - Zhangmu

Am nächsten Tag gegen Mittag erreichen wir Pajang mit ihren Wanderdünen. Nachmittags kurzer Besuch im „Drongba-Gompa“, klein und intim. Die Fresken wurden leider allesamt zerstört. Das gleiche Schicksal erlitt auch die heute verlassene Stadt. Das Hochplateau gleicht einer Mondlandschaft.
Nochmals Vorlaufen am träge dahinfliessenden Tsangpo (Brahmaputra) auf 4.700 m Höhe. Um 11 Uhr erreichen wir Saga, eine chinesische Kleinstadt, wo wir ungeduldig unsern Laster erwarten. Anschliessend geht es weiter ostwärts. Spätes Mittagessen gegen 15 Uhr. Eine Nomaden-Familie kommt dazu; wir verteilen die letzten Kugelschreiber und Kämme. Spätnachmittags sind wir Gäste einer Nomadenfamilie in ihrem "feudalen" Yakzelt, in Sichtweite des azurblauen Salzsees „Yai-klu-tso“, wo wir die Nacht unter einem sternklaren Himmel verbringen. Wir werden von einem überwältigenden Gebirgspanorama verwöhnt. Es ist unsere letzte Nacht im kalten Zelt. Und das routinemässige Rumwühlen im Seesack wird endlich auch sein Ende haben!
Heute früh findet unser letztes "Vorlaufen" in Tibet statt. Ein wunderschöner, klarer Tag erwartet uns. Die Wüste lebt. Gegen 11 Uhr erreichen wir den 5.200 m hohen “Lalung-La“, wo wir unsere letzten Katas huldigen. Wir beobachten seltene Dongs, eine Kreuzung zwischen Kuh und Yak. Und einmal mehr genießen wir den märchenhaften Blick auf die Himalaja-Hauptkette. Die Strasse zur nepalesischen Grenze führt in haarnadelengen Kehren steil bergab. Nach einem kurzen Halt am chinesischen Posten, 40 km südlich, erreichen wir „Milarepas“ Höhle unterhalb eines Dorfes. Der Einsiedler, durch seine Beherrschung des "Yoga der inneren Wärme", konnte somit auch die vielen eisigen Winter in der Einsamkeit der Höhlen überstehen. Erst nach seinem Tod wurde um die Meditationshöhle ein Kloster mit 70 Mönchen gebaut, das später die Gelugpa übernommen hat. Um 13.30 Mittagessen in Nyallam (3.700 m) in einem chinesischen Restaurant. Dann geht es schnell bergab Richtung Zhangmu auf 2.300 Metern Höhe, auf der gefährlichsten Bergstrasse der Welt. Erst 1995 hatte ein Erdrutsch die Strasse verschüttet. Was für eine bezaubernde Vegetation. Nach der trockenen, alpinen Steppe gibt es hier Mischwälder in vielen bunten Herbstfarben, ein malerisches Ensemble. An einem steilen Hang liegt diese Grenzstadt zwischen Tibet und Nepal, 800 km vom Kailash entfernt. Ein Bummel durch die engen Gassen, dann wird ein reichhaltiges Abendessen im lokalen Resthouse, inklusive chinesischem Bier, serviert. Der Zivilisation sei gedankt, wir kommen heute in den Genuss einer funktionellen heissen Dusche. Und die Nacht verbringen wir in weichen Betten, während unsere Mannschaft das Ende der Reise fröhlich ausklingen lässt. Morgen werden sie uns alle verlassen; wir werden sie natürlich vermissen, jeden Einzelnen von ihnen. Mir bleibt ein grosser, wertvoller Schatz an Erinnerungen, die mich ein ganzes Leben bei guter Laune halten werden.

Zhangmu - Kathmandu

Freitag, unser letzter Tag im Indischen Subkontinent. Nach dem gemeinsamen Frühstück schlendern wir zum Durbar-Square. Dort mieten wir uns eine Fahrrad-Rikscha für 100 Rupien, die wir in Patan verlassen. Big Shopping ist angesagt. Im „Coffee-House“ im ersten Stock lassen wir uns ein nepalesisches Mittagessen servieren und von der Sonne verwöhnen. Eine "Trisha" (motorisierte Rikscha) bringt uns nach Thamel zurück. Um 7 Uhr abends feiern wir "Farewell" im „Utse“ Restaurant.
Samstag: letzte Vorbereitungen zum Heimflug werden getroffen, die letzten Einkäufe getätigt, dann bringt uns ein Minibus zum nahen Flughafen. Ueber Delhi erreichen wir Frankfurt sonntags in der Früh. Der kurze Lufthansa Flug bringt uns zu unserm Ausgangspunkt nach Zürich zurück.
Unsere Tibet-Expedition war ein Erlebniswert besonderer Art, ein Erleben in höchster Konzentration, eine Horizont-Erweiterung und zugleich auch ein Lernprozess. Auch wenn China sich vor dem „Subversiven“ des Netzes fürchtet, kämpft das tibetische Volk seit über 50 Jahren weiter für sein Recht auf kulturelle, religiöse und politische Autonomie. Tibet ist heute eine geistige Tragödie, eine Minorität im eigenen Land, wo die soziokulturellen Veränderungen der Identität, Traditionen und Sitten allgegenwärtig sind. Die religiösen Strukturen um die gemeinsame buddhistische Basis geraten heute leider immer mehr ins Wanken.

Mein grosser Wunsch, die berühmten 3 K's zu besteigen, sind in Erfüllung gegangen: KINABALU (Saba, East Malaysia), KILIMANJARO (Tansania) und KAILASH (Tibet).

Ron Giger – DPV/Europress - 12/97
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